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Soziale Tierärztin: Die Partnerin der Punks

Tierärztin Jeanette Klemmt behandelt gratis die Tiere von jungen Berliner Obdachlosen. Das würde sie auch gern weitermachen, aber dem Sozialprojekt "HundeDoc"-Mobil fehlt es an Geld und an Unterstützern.

Von Judka Strittmatter

Ein weiterer bissiger Frühlingstag in Berlin, die Leute ducken sich auf ihren Rädern, jeder versucht, der Kälte zu entwischen. Im "Kontaktladen für Straßenkinder in Krisen", dem Klik auf der Torstraße in Mitte, ist es warm und die Stimmung an Kickern und Billardtischen gut, vielleicht auch deshalb: Donnerstag ist "Jenny-Tag". Um 16 Uhr rollt Tierärztin Jeanette Klemmt, 39, vor dem Klik mit ihrem alten Rettungswagen vor.

Obwohl sie nur indirekt wegen der Punks da ist, freuen die sich trotzdem. Denn Jenny kümmert sich um ihre Gefährten, um Hunde, Katzen, Hamster oder Ratten, was gerade so um sie herumfleucht und ein Stückchen Heimat ist. Jeanette Klemmt ist Tierärztin, sie behandelt die Tiere umsonst. Sie gibt Spritzen, verteilt Pillen oder setzt auch mal das Messer an. Flöhe, Zecken, Tollwut, Kastrationen - sie kann helfen. Nebenbei ist sie auch noch ein Kumpel, kein steifer Kittel-Doktor, sondern Jenny in Jeans und Sweatshirt. Und sie hat selbst einen Hund: Tiffany, die Puschlige, meistens mit dabei.

"Ich bin ihr Partner in Crime" beschreibt Dr. Jenny ihre Beziehung zu den Punks, denn wie sie hat Hundebesitzerin Klemmt auch nur bedingt Lust auf Leinenzwang und Kotwegräumen. Lieber hat sie ein gutes Wort für die "Herrchen" ihrer Patienten übrig, aber nur, wenn die ihr nüchtern und nicht im Alk- oder Sonstwas-Rausch entgegentreten und sie zuschwallen.

Jens alias "Leuchte", 28, weiß das. Nach Wochen ist er wieder aufgetaucht im Klik, er soll im Koma gelegen haben, ein Stiefel an seinem Kopf, irgendeine Gemengelage, "ich dachte schon, du bist tot", sagt Jenny und übertreibt ein bisschen, um den Ernst rauszunehmen. Leuchte poltert, er und tot, soweit kommt's noch. Wariatka ist krank, seine Hündin, das macht ihm Sorgen, sie kotzt und hat Durchfall, seit einem Tag schon. Zu seinen Füßen hockt ein dünnes, zitterndes Etwas mit ein paar Anteilen Schäferhund, es scheint ernst.

"Mach ihr Kamillentee"

Vor zwei Jahren, es war Sommer, war er auf der "Köpi" bei den anderen Jungs. Die hatten gerade Welpen, "und die Kleene hier hat einfach ihre Nase in meinen Stinkestiefel gesteckt". Das hat ihm imponiert. Wer so was aushält, meint es ernst, dachte sich Leuchte, so kam er zu Wariatka oder sie zu ihm, je nachdem. Jetzt schlüpfen Herrchen und Hund in den Bus mit der Aufschrift "HundeDoc", Jeanette Klemmt steigt hinterher. Sie drapiert die kranke Hündin auf dem stahlkalten Behandlungstisch, misst Fieber, leuchtet ihr ins Maul, tastet ihren Bauch ab. Findet nichts Akutes. "Mach ihr Kamillentee", sagt Jenny zu Leuchte und zieht eine Spritze auf: Duphamox, ein Antibiotikum. Eine Wurmkur gibt's auch für Wariatka. Und ein paar Streicheleinheiten extra.

Man merkt: Jeanette Klemmt mag ihre Klientel. Nicht immer und nicht alle. Aber sie hat ein Herz für sie. Das hat ihr das Zutrauen der jungen Obdachlosen und 2006 die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland eingebracht. "Die is voll knorke", sagen die einen auf Nachfrage den Journalisten, "sie genießt bei allen von dieser Problematik Betroffenen hohe Anerkennung" die anderen. Ihr ist wichtig, dass ihr Vater stolz ist. "Behandle die Menschen so, als wären sie, was sie sein sollten, und du hilfst ihnen zu werden, wie sie sein könnten." Ein Spruch von Goethe, sie hat ihn in ihrem Bus aufgehangen. Vorbeikommen zwecklos.

Über das Tier an den Menschen

Vor acht Jahren war Jeanette Klemmt mit ihrer Ausbildung zur Tierärztin fertig. Und rutschte durch einen Zufall gleich hinein in das Projekt "HundeDoc" der Stiftung Sozialpädagogisches Institut Berlin (SPI). Der Arbeitskreis City-Bahnhöfe wollte die ausufernde Bettel-Situation an den Verkehrsknotenpunkten eindämmen. "HundeDoc" soll sich in erster Linie mit den Tieren der jungen Obdachlosen befassen, in zweiter aber mit ihnen selbst. Deshalb fährt Jeanette Klemmt ihren Bus an den vereinbarten Tagen nicht irgendwo in der Berliner Pampa vor, sondern an Einrichtungen wie dem Klik. Erst wer sich bei den Sozialarbeitern dort gemeldet hat, darf ihren Bus entern und ihre Dienste in Anspruch nehmen. Über das Tier an den Menschen - so die Devise des Projekts. Die SPI ist Jeannette Klemmts Arbeitgebeber, zahlt ihr eine 60 Prozent-Stelle.

Wie lange allerdings noch, ist eine kippelige Angelegenheit. Jederzeit kann Schluss sein, Hauptsponsor Dussmann kann eventuell nicht weiter unterstützen, der Rest kommt so oder so kleckerweise. Mal opulent, mal gar nicht. Bedankt wird sich bei jedem, auch für fünf Euro. Aber viele Leute spenden lieber für Waisenkinder in Afrika als für Straßenkinder im eigenen Land. Das muss man akzeptieren, auch Jeanette Klemmt tut das. Auch wenn es in diesem Jahr besonders schwer fällt. Weil der Winter wieder mild war, haben sie in der Szene eine Floh- und Zeckenproblem. Jeanette Klemmt würde gern Rabatte in Anspruch nehmen beim Medikamenteneinkauf, kann aber nicht losgehen, weil sie nicht weiß, was reinkommt.

Das Ordnungsamt stellt sich quer

Hinzukommt, dass sie keine professionelle Spendensammlerin ist. Werbung würde sie fahren, aber keiner fragt. Und zu all dem versauern ihr noch bürokratische Hindernisse die Arbeit. Ihr alter Bus kriegt keine Feinstaubplakette, das Ordnungsamt stellt sich quer. Sagt einfach nur "Nein", schaut nicht nach Nebenlösungen. Da helfen ihr auch die Medien nicht viel, die sie sogar zuhause reinlässt, die aber ihren Namen hinterher nicht einblenden oder den des Projekts. "Es geht hier nicht um mich, sondern ums Geld" sagt Dr. Jenny. Manchmal fragt sie sich, ob eine eigene Praxis nicht besser wäre. Aber sie ist nicht spezialisiert genug und das sollte man sein in einer Stadt voller Tierärzte. So lang es geht, hat sie lieber mit dem zugedröhnten Leuchte zu tun als mit arrivierten Damen, die ans Fettabsaugen für ihren Fiffi denken.

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