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"Spendenlauf" von Wunsiedel: Wie die Guerilla-Aktion gegen Nazis entstand

Die Neonazi-Aussteiger-Initiative "Exit" verwandelte einen Nazi-Aufmarsch in einen Spendenlauf - und landete einen Riesenerfolg. Im stern-Interview sprechen die Macher über ihre Aktion.

Polizisten stehen am 15.11.2014 im bayrischen Wunsiedel am Rande eines Neonazi-Aufmarsches. Mit Plakaten rief die Aussteigerorganisation "Exit" dabei zu einer ungewöhnlichen Spendenaktion auf.

Polizisten stehen am 15.11.2014 im bayrischen Wunsiedel am Rande eines Neonazi-Aufmarsches. Mit Plakaten rief die Aussteigerorganisation "Exit" dabei zu einer ungewöhnlichen Spendenaktion auf.

Erst Wunsiedel, jetzt Remagen: am Wochenende funktionierten Gegendemonstranten erneut einen Neonazi-Aufmarsch zu einem "Charity Lauf" für die Neonazi-Aussteiger-Initiative "exit" um. Mit dem stern sprachen die Erfinder der Aktion zum ersten Mal über ihre Kampagne. Sie wollen anonym bleiben und nennen sich Ben und Tom.

Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Ben: Man kann Neonazi-Demonstrationen blockieren oder Gegenkundgebungen organisieren. Unser Antrieb aber war, aus etwas Schlechtem etwas Gutes zu machen. Und wenn Neonazis auf die Straße gehen: Warum sie nicht für etwas Gutes marschieren lassen? Also überlegten wir uns, gemeinsam mit den Kollegen vom Berliner Zentrum für Demokratische Kultur (ZDK) jeden ihrer Schritte mit einer Spende zu honorieren.

Auf diese Weise kamen bisher knapp 15.000 Euro zusammen. Hätten die Rechtsradikalen nicht einfach ihren Aufmarsch absagen können?

Tom: Vielleicht, aber sie hatten ja keine Ahnung, was wir planten. Sie liefen bereits 300 Meter, und erst dann kamen wir mit unseren Transparenten und Akteuren ins Spiel. Die Neonazis waren so in einer Zwickmühle: entweder aufhören und somit nicht zu demonstrieren. Oder eben weiterzulaufen und Spenden zu sammeln. Das haben sie dann getan.

Sie haben sich mit Ihrer Aktion ziemlich lustig gemacht über die Neonazis. Keine Angst, dass Sie ein echtes Problem damit banalisieren?

Ben: Klar ging diese Aktion auf ihre Kosten. Aber wir wollten zeigen, dass man sich mit Neonazis auch anders auseinander setzen kann. Nicht mit Gewalt und Aggression, sondern friedlich und sehr kreativ. Auch lang etablierte Probleme können neu gedacht werden. Und Humor ist da eine gute Waffe, das wissen wir nicht nur, seit Charlie Chaplin den grossen Diktator imitiert hat.

Ihre Aktion wurde schließlich zu einem Internet-Hit...

Tom: ...mit bisher über zwei Millionen Klicks bei Youtube, weltweit. Und immer noch stündlich zehntausend Aufrufen. Bereits Stunden nach dem Aufmarsch hatten wir einen Film im Netz, 80.000 Leute verfolgten den Aufmarsch mehr oder minder "live" auf der von uns erstellten Website. Eine ungeheure Mobilisierung, obwohl wirklich kaum jemand eingeweiht war. Das hat uns schon überrascht: Wir hatten in Wunsiedel vielleicht eine Stunde Zeit, die Aktion zu starten, damit die Gegenseite nichts mitbekommt.

Ben: Es gibt sogar Fachleute, die sagen, wir hätten mit dieser Idee das Fundraising revolutioniert.

Das klingt so, als würden Sie weitermachen wollen?

Tom: Wir überlegen gerade, wie wir unsere Erfahrung möglichst vielen Initiativen und Institutionen zur Verfügung stellen. Ein paar Vereine haben sich bereits bei uns gemeldet, in anderen Städten sind gerade ähnliche Aktionen in Vorbereitung. Und vorigen Samstag wurden im rheinischen Meerbusch und in Weissenfels in Sachsen-Anhalt nach unserem Vorbild während einer Nazi-Demo Gelder gesammelt, diesmal für Flüchtlinge.

Eine letzte Frage: Warum wollen Sie anonym bleiben?

Ben: Es ist ein tolles Gefühl, die anderen mit Grips und ohne Gewalt geschlagen zu haben. Das macht "exit" ja schon seit langem. Dementsprechend gebührt exit und allen Unterstützern vor Ort unsere Anerkennung, und auf ihre Arbeit wollen wir aufmerksam machen. Das wird auch ihrem Mut nur gerecht.

Interview: Uli Hauser
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