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Sprachenmix: Wie die "Kanaksprak" salonfähig wurde

Wer als Kind türkischer Eltern in Deutschland geboren wurde, spricht in der Regel fließend deutsch und türkisch. Manchmal werden auch beide Sprachen einfach gemischt, dann entstehen Wörter wie «Lan», «Abo» oder «Çüs».

Gökhan (14), Serhat (15) und Nuri (14) sind zweisprachig, eine Eigenschaft, die im Zeitalter der Globalisierung immer mehr gefordert wird. Die drei Frankfurter Schüler, als Kinder türkischer Eltern in Deutschland geboren, sprechen fließend deutsch und türkisch. Manchmal wird aus den beiden Sprachen auch eine dritte, ein Sprachenmix. Der deutsch-türkische Jugendslang ist durch Literatur und Fernsehen salonfähig geworden.

«Wir wechseln häufig zwischen den verschiedenen Sprachen und mischen diese dabei auch», erklärt Nuri, «meistens merken wir das gar nicht.» Auch junge Deutsche greifen inzwischen türkische Begriffe auf. «Lan», «Abo» und «Çüs» (gesprochen «tschüsch») stehen dabei an der Spitze der Hitliste. Das sieht auch Serhat so: «"Lan" heißt "Alles klar", "Abo" sagt man, wenn man überrascht ist», erläutert er, «und "Çüs" bedeutet so viel wie "Oh ha!".» Auch viele ihrer deutschen Freunde benutzten diese Wörter, erzählt Nuri. «Dabei fragen die noch nicht mal, was das heißt.»

Sprache des Schulhofs

Einem breiten Publikum vertraut wurde der Sprachmix durch die Bücher des türkischstämmigen Kieler Schriftstellers Feridun Zaimoglu, Filme wie «Kanak Attack» von Lars Becker oder die SAT.1-Comedysendung «Was guckst Du?!» von Kabarettist Kaya Yanar. Yanar, Träger des Deutschen Fernsehpreises, sagt: «Ich habe Türk-Deutsch vielleicht salonfähig gemacht, aber nicht erfunden. So wurde schon vor 15 Jahren auf dem Schulhof gesprochen.»

Die Idee für sein Programm erhielt Yanar durch die in den USA und Großbritannien beliebten Stand-up Comedians, die die Unterschiede zwischen Schwarzen und Weißen, Engländern und Indern parodieren. «Ich habe früher an der Konstablerwache in der Frankfurter Innenstadt gewohnt», sagt der 29-Jährige, «auf dem Weg zur Schule habe ich da genug mitbekommen.»

Die Sprache der Türkischstämmigen wandelt sich von Generation zu Generation. «Unsere Väter haben ja noch versucht, so deutsch wie möglich zu sprechen», sagt Yanar, «während Türk-Deutsch heute mit großen Selbstbewusstsein vorgetragen wird.»

«Prestigegewinn» durch «Kanaksprak»

Zwischen der so genannten Kanaksprak und dem Sprachenmischmasch von mehrsprachigen Jugendlichen unterscheidet Volker Hinnenkamp, Professor für Interkulturelle Kommunikation an der Fachhochschule Fulda. Während ausländische Jugendliche öfters auch mitten im Satz zwischen zwei herkömmlichen Sprachen wechselten, sei Kanaksprak ein Code unter Jugendlichen, der sich durch Stakkatosprechweise, vereinfachte Grammatik und starke Generalisierung auszeichne. «Diese Sprache hat zwei Aufgaben», erklärt Hinnenkamp, «zum einen soll sie den Jugendlichen Prestige verschaffen, zum anderen dient sie als einfaches Kommunikationsmittel.»

Trotz mittlerweile großer Verbreitung scheint der Sprachmix vor allem auf Jugendliche beschränkt zu bleiben. «Sprachengemische und Kanaksprak sind zwar keine Eintagsfliegen, aber auch nur ein Übergangsphänomen», sagt Hinnenkamp, «wenn die Jugendlichen im Job oder mit einer Familie Verantwortung übernehmen, verliert der Sprachcode seine Attraktivität.»

«Das bleibt Umgangssprache unter Jugendlichen»

Das sieht auch Yanar so: «Ich kann mir nicht vorstellen, dass daraus mal eine eigene Sprache entsteht.» Er habe Verständnis für Sorgen, dass Jugendliche nicht mehr «ordentlich» deutsch sprechen können. «Aber in meiner Sendung wird deutlich zwischen Hochdeutsch und Türk-Deutsch unterschieden.» Auch Nuri glaubt nicht, dass sich eine eigenständige Sprache entwickelt. «Das bleibt Umgangssprache unter Jugendlichen», sagt der 14-Jährige. «Haben Sie schon einmal einen Vater "Hey Alter" sagen hören?»

Moritz Küpper / DPA
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