St. Pauli Aus für den Uralt-Puff


Striptease-Bars, Sexshops und Freudenhäuser - seit Jahrzehnten gilt St. Pauli als Deutschlands sündigstes Viertel. Doch das Geschäft mit dem Sex läuft nicht mehr so gut wie einst. Waltraud Mehrer, Besitzerin des ältesten Bordells Hamburgs, muss ihr "Hotel Luxor" schließen - wegen Kundenmangels.
Von Britta Hesener

Verführerisch lässt das rassige Mädchen mit der schwarzen Mähne seinen Blick auf jedem ruhen, der den schummrig beleuchteten Raum betritt. In Öl verewigt hat es einen Ehrenplatz im Hotel Luxor, dem ältesten Bordell Hamburgs. Gesäumt von zwei Vorhängen ziert sein goldgerahmtes Porträt die Wand schräg gegenüber des Eingangs. Es soll Lust machen auf die käufliche Liebe, die männlichen Gäste animieren, sich mit seinen Kolleginnen aus Fleisch und Blut auf eines der Zimmer zu begeben. Doch in letzter Zeit blieb der glutäugige Blick des Mädchens immer öfter unerwidert. Kaum ein Gast findet noch den Weg durch den schmalen Eingang an der Großen Freiheit, die schmale Treppe hinauf ins Bordell. Von den zwölf Zimmern werden nur noch vier genutzt.

Sex zwischen Samthockern und Häkeldecken

Jahrzehntelang gingen in dem Freudenhaus auf St. Pauli Amüsement suchende Herren ein und aus, ließen sich auf den schweren Ledersofas nieder, genossen das 60er-Jahre-Ambiente: die weißen Häkeldecken auf den dunklen Holztischchen, die goldenen Tapeten, die weißen Gardinen mit Blumenmuster, die getäfelte Decke, die mit rotem Samt überzogenen Barhocker. Das Hotel Luxor war eine Institution. Seine Besucher kamen gerne und oft, tranken, flirteten, schmusten. Und wenn den Herren danach war, gingen sie für Bares mit einer der Damen aufs Zimmer.

Doch die Zeiten, in denen die Mädchen bis zu 2000 Mark die Nacht verdienten, sind vorbei. Plüsch und Piccolo, Samt und Sinnlichkeit sind nicht mehr gefragt. Sex lässt sich so auf St. Pauli nicht mehr verkaufen. Nach 22 Jahren muss Waltraud Mehrer, Besitzerin des Bordells, aufgeben. Am 4. April wird sie zum letzten Mal um vier Uhr nachts die Tür am Ende der schmalen Treppe schließen und einen Schlussstrich unter ein Berufsleben setzen, das so nie geplant war.

Es war im Sommer 1964. In Hannover hatte Waltraud ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau beendet, das gutbürgerliche Elternhaus - Mutter Hausfrau, Vater bei den Gaswerken - verlassen und sich nach Sylt aufgemacht, um im Kampener Kurhotel zu arbeiten. Zur selben Zeit schickte Johannes Mehrer, Hamburger Tanzcafé-Besitzer, seinen Sohn Horst als Kellner ebenfalls ins Kurhotel. Horst und Hannelore lernten sich kennen und freundeten sich an. Er lud sie nach Hamburg ein und führte sie aus ins Tanzcafé Mehrer, dort wo Tischtelefone zwischengeschlechtliche Annäherungsversuche vereinfachten.

Für die nichts ahnende Waltraud eine unbekannte Welt. Eigentlich ein nettes Café, dachte sie. Nur diese hübsche blonde Frau war ihr gleich ins Auge gefallen. Ständig rief sie mit dem Tischtelefon Männer im Café an - reichlich unverfroren für eine Frau, dachte Waltraud. Und dann ging sie auch noch mit ihnen raus und kam allein wieder rein. Waltraud wurde misstrauisch, fragte bei Horst nach und erfuhr so von den Geschäften der Familie Mehrer und den Frauen, die in den Cafés ein paar Mark dazuverdienten.

Geschockt war sie und wollte erst nichts damit zu tun haben. Doch die Liebe zu Horst war größer. Die beiden heirateten, und Waltraud lernte den Betrieb kennen. Erst im Tanzcafé als Urlaubsvertretung einer Bardame, dann als Küchenhilfe und schließlich als Chefin des Bordells Hotel Luxor. Auch wenn sie selbst nie dem horizontalen Gewerbe nachging, wurde für sie im Laufe Zeit alles normaler, sie selbst lockerer. Sogar ihre Eltern kamen zu Besuch. Waltrauds Mutter zeigte sich überrascht von der "Harmlosigkeit" des Etablissements: "Eine Stunde haben wir hier gesessen, und niemand hat uns etwas getan", sagte sie damals.

Bordellbesitzerin im Business-Look

Ein roter Fächer flattert vor ihrem Gesicht, während Waltraud Mehrer aus ihrem Leben erzählt. Das Accessoire, mit dem sie sich in den warmen Räumen Luft zuwedelt, will aber nicht so recht zu der 59-Jährigen passen. Während eine ihrer Damen mit kurzem Rock und tief dekolletiertem Top an der Theke auf Kundschaft wartet, steht die Chefin im Business-Look hinter der Theke: schwarze Stiefeletten, schwarze Stoffhose, schwarzes T-Shirt, roter Blazer, an den Ohrläppchen Perlen und die blonden, kinnlangen Haare perfekt geföhnt.

So wenig wie der Fächer zu ihrem Outfit, so wenig passt der Begriff Puff-Mutter zu Waltraud Mehrer, zweifache Mutter, seit 40 Jahren verheiratet und seit 35 Jahren im noblen Hamburger Stadtteil Blankenese ansässig. Wenn sie jemand fragt, was sie beruflich mache, sagt sie, sie habe einen Laden auf St. Pauli. Entsprechend normal verläuft ihr Alltag: Um 11 Uhr aufstehen, Kaffee trinken, einkaufen, die Kinder, als sie noch jünger waren, zur Schule bringen - und abends ins Bordell.

Hure oder Nutte - diese Worte kommen Waltraud Mehrer nicht über die Lippen. Sie spricht von den "Damen", die gegen Bares mit den Männern auf die Zimmer gehen. Doch wie so vieles auf St. Pauli ist selbst das nicht mehr so, wie es einmal war. Heute wird nicht bar bezahlt, sondern die EC-Karte gezückt, die PIN in einen kleinen Apparat hinter der Theke eingetippt. Für Waltraud Mehrer eine gewöhnungsbedürftige Situation. "Für ihre Einnahmen waren die Damen immer selbst verantwortlich. Sie arbeiteten komplett selbstständig, ohne Zuhälter. Ich bekam lediglich die Zimmermiete", sagt sie. Ganz nüchtern erzählt sie vom Geschäft, wie es damit bergab ging, die Kunden immer älter wurden und eine neue Generation, die das Luxor nicht interessierte, auf dem Kiez Einzug hielt. Das Bordell schlitterte immer weiter in die Demografie-Falle.

Und dann hat der rote Fächer plötzlich Pause, die Chefin lässt jetzt doch noch die goldenen Zeiten aufleben, die Augen unter dem schwarzen Lidstrich glänzen. Früher hätten Geschäftsleute regelmäßig ihre Gäste ins Luxor ausgeführt, erzählt sie. Einer sei manchmal sogar gleich mit mehreren Damen aufs Zimmer verschwunden. "Und Japaner sind immer gerne gekommen." Sogar Prominenz habe vorbei- geschaut. Wer, das verrät sie nicht. Diskretion gehört zum Geschäft. Ein Geschäft, das so nur noch wenige schätzen: Die jungen Leute suchen ein andere Art des Vergnügens, wollen in den Clubs tanzen und trinken, meint die Chefin. Türsteherin Heike hat eine andere Erklärung: "Es sind doch alle arbeitslos, haben alle nicht mehr das Geld dafür."

Keine Geschäftsmänner, kein Geld

Ein Blick auf die Straße Große Freiheit gibt beiden ein wenig recht: Ein junges Pärchen im Partnerlook mit hellblauen Wetterjacken flaniert gerade vorbei, schaut nur kurz verschämt auf das Eingangsschild des Luxors: "Pretty Woman for Happy Nights". Die wenigen Männer, die sich blicken lassen, sind größtenteils jenseits der 50, reagieren mit gesenktem Blick auf Heikes Einladung. Keine Geschäftsmänner, keine Japaner - kein Geld. Die käufliche Liebe im kuscheligen Ambiente findet keine Abnehmer mehr. Das Geschäft der Familie Mehrer läuft dennoch weiter. Unter dem Hotel Luxor macht Sohn Frank mit dem Tanzlokal "Große Freiheit Nr. 7" weiter, ganz ohne Sex.


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