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Doppelmord in Tessin: Die Streber und das Mädchen

Sie entführen eine 15-Jährige und massakrieren ein Ehepaar - die Bluttat zweier Jugendlicher im 200-Seelen-Örtchen Tessin schockiert die Bewohner. Niemand weiß, warum Felix D. und Torben B. durchgedreht sind. Dabei bleibt hier eigentlich nur wenig verborgen.

Von Niels Kruse, Boizenburg

Der Wirt des Gasthaus Ahrens hatte sich entschieden, sein Lokal erst gar nicht zu öffnen, dabei hätte er an diesem Montag gutes Geld verdienen können. Auch anderthalb Tage nach dem schrecklichen Messermord am Ehepaar E. im Dörfchen Tessin bei Boizenburg tummelt sich ein halbes Dutzend Fernsehteams vor dem Tatort - nur rund 150 Meter hinter der Ortsschenke.

"Wir werden einen Menschen ermorden"

Die unfassbare Bluttat schockt nicht nur die Gemeinde. Zwei bis dahin unauffällige 17-Jährige nehmen ein 15 Jahre altes Mädchen als Geisel, massakrieren regelrecht die Eheleute Antje, 41, und Peter, 46, und versuchen mit einem Auto zu flüchten. Und zu alledem kündigen sie ihre Attacke auch noch mit den Worten an: "Wir werden einen Menschen ermorden".

Seit der Wende wohnt Familie E. in der Dorfstraße in Tessin. Der hüfthohe Steinzaun vor dem roten Klinkerhäuschen wurde erst vor kurzem dort errichtet, das verzinkte Gatter glänzt in der Januarsonne noch nahezu unbenutzt, die linke Hälfte des Vorgartens liegt noch brach. Hinterm Haus zwitschert ein Dutzend Wellensittiche in einer gepflegten, mannshohen Voliere.

Hier, am Ende einer Abzweigung der Dorfstraße, haben die beiden 17-Jährigen Felix D. und Torben B. in der Nacht zum Sonntag mit Messern auf das Ehepaar eingestochen. Mit ungeheurer Brutalität, die Obduktion registriert eine "Vielzahl von Messerstichen in Kopf- und Rumpfbereich", das Gesicht der Frau soll nicht mehr zu erkennen gewesen sein. Warum diese Tat? Warum diese Gewalt? Niemand weiß es, die Jugendlichen haben den Mord zwar gestanden, über die Gründe aber schweigen sie.

Die Nachbarn erzählen alle die gleiche Geschichte

Auch die geschockten Nachbarn wissen sich keinen Rat. Wer durch das 200-Seelen-Nest geht und sie fragt, erntet ratloses Kopfschütteln oder wird entnervt weggeschickt. Horden von Journalisten fallen gerade über Tessin herein, viele Bewohner wollen mittlerweile nur noch ihre Ruhe haben. Und das, was sie sagen, ist immer dasselbe: Felix D. und sein Freund Torben B. waren unauffällig, nett und höflich. Felix' Vater soll kurz nach der Tat noch gesagt haben: "Ich verstehe das nicht, er wollte doch Polizist werden."

Felix und Torben besuchten die elfte Klasse des Elbe-Gymnasiums im rund acht Kilometer entfernten Boizenburg. Die Schule, ein vierstöckiges, graues Haus in einem renovierten Wohngebiet mit Schlecker-, Sky-, und Aldi-Markt, hat einen Tag nach dem Übergriff geschlossen. Die Schüler werden psychologisch betreut. Am Vormittag gibt der Schulleiter eine Pressekonferenz: Die beiden seien "fleißig und intelligent" gewesen sagt er und kämen aus intakten Familienverhältnissen mit ordentlicher Bildung. Gute Schüler obendrein.

Freunde haben sie nicht gehabt

Streber nennen sie deshalb einige Jugendliche im Ort, Typen, mit denen niemand etwas zu tun haben wollte. Freunde hätten die beiden nicht gehabt, heißt es. Am Elbe-Gymnasium haben sie einen Computerkurs geleitet, und der Rektor beeilt sich zu erwähnen, dass es darin nicht "vorrangig um Ballerspiele gegangen" sei, sondern um das Lernen einer ganz normalen Programmiersprache. Grund für den Hinweis sind Gerüchte, einer der beiden Täter habe "Killerspiele" gespielt. Angeblich will die Staatsanwaltschaft nun auch die Festplatten ihrer Computer auswerten.

Überhaupt wollen oder können die Ermittler über den genauen Hergang nur wenig sagen. Sicher scheint bislang zu sein, dass sich Felix D. und Torben B. am Samstagabend getroffen haben. Mit dabei war auch die 15-jährige Eileen W.. Alkohol und andere Drogen sollen nicht mit im Spiel gewesen sein. Zumindest könne deren Konsum laut des Sprechers der Staatsanwaltschaft Schwerin, Hans Christian Pick, ausgeschlossen werden.

Warum war Eileen mit ihnen zusammen?

Warum sie an diesem Wochenende den Abend mit Felix und Torben verbracht hat? Unklar. Vor allem, wenn es stimmt, was einige Jugendliche sagen, die sie sich nämlich nicht vorstellen können, dass Eileen mit den beiden zusammen gewesen sei. Irgendetwas Entscheidendes muss passiert sein an diesem Samstagabend. Denn nach Auskunft der Ermittler wurde die 15-Jährige plötzlich von den beiden Teenagern gefesselt, geknebelt und in einer Scheune in der Nähe des Tatorts verschleppt. Kurz nach halb zehn sind Felix B. und Torben B. dann zum Haus der Familie E. gegangen und haben nach einem Auto verlangt, ein weißen VW Polo. Wie Peter E. reagiert hat, ist bislang nicht bekannt, die Jugendlichen sollen erst ihn sehr schnell mit Messern niedergestreckt haben, danach seine Frau Antje.

Anschließend haben Felix und Torben ihre Geisel in den Wagen verfrachtet und wollten flüchten. Doch die Fahrt war schnell zu Ende: Wenige Meter gegenüber der Einfahrt haben sie mit dem Wagen einen hölzernen Zaun zu einer Pferdekoppel durchbrochen, sind auf der Wiese nach zwei Runden ins Schleudern gekommen, haben wieder einen Zaun durchbrochen und sind an einem dunklen Ford Escort hängen geblieben und zum Stehen gekommen.

Der verängstigte Sohn ruft die Polizei

Gegen 22 Uhr ruft der völlig verängstigte Sohn der E.'s bei der Polizei an und berichtet ihr vom Überfall. Er hatte die Attacke mitbekommen und sich im Haus versteckt. Im Auto sitzend sollen die Täter mit der Ermordung von Eileen gedroht haben, erst nach einer Stunde konnte die Polizei die 17-Jährigen zur Aufgabe zwingen.

Nach dem Blutbad bleiben fast alle Fragen offen. Hatten Felix D. und Torben B. die Tat wirklich genauso geplant? Oder sie sind "nur" durchgedreht? Die Staatsanwaltschaft glaubt zumindest, dass die Tat geplant war, sie ermittelt gegen die Schüler wegen Mordes. Dafür spricht auch, dass sie mit mehreren Messern bewaffnet losgezogen sind. Aber warum? Und warum ausgerechnet das Ehepaar E.? Und welche Rolle spielt Eileen? Warum wurde sie erst im Laufe des Abends gefesselt und geknebelt und nicht schon vorher? Und wofür brauchten sie das Auto? Wie sind sie nach dem Doppelmord an die Schlüssel des Wagens gekommen? Fragen, die bald beantwortet werden sollten. Das hoffen nicht nur die Bewohner von Tessin, dem Örtchen, in dem jeder jeden kennt.

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