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Angst vor Deichzerstörungen: Hochwasser-Regionen geben Biber zum Abschuss frei

Sie sind gewiefte Dammbauer - und stehen unter Naturschutz. Bei Dömitz und Boizenburg dürfen Biber dennoch geschossen werden. Denn dort wird befürchtet, dass die Tiere die weichen Deiche beschädigen.

Der Biber steht in Deutschland unter Naturschutz. Eine Ausnahme machen nun Dömitz und Boizenburg in Mecklenburg-Vorpommern. Dort wurden die Tiere zum Abschuss freigegeben. Die Begründing lautet: aus Sorge um die Deiche. Die untere Jagdbehörde und die untere Naturschutzbehörde hätten am Freitag zwei Ausnahmegenehmigungen im Hochwassergebiet erteilt, sagte ein Sprecher des Landkreises Ludwigslust-Parchim.

Die Genehmigungen sollen solange gelten, bis das Hochwasser gewichen sei. Die Jäger dürften die Biber aber nur dann schießen, wenn eindeutig sei, dass die Tiere einen Deich gefährden. Die großen Nager sind Meister im Bauen von Dämmen und Aufstauen von Wasser. Sie fällen Bäume, stauen Bäche auf und können sogar künstliche Teiche anlegen.

In der Region um Dömitz und Boizenburg leben nach Zählungen des Amtes für das Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe etwa 30 Biberfamilien. Sie haben ihre Burgen normalerweise direkt am Fluss, weil sie einen Zugang unterhalb der Wasserlinie benötigen, wie Dezernatsleiterin Anke Hollerbach von dem Amt erklärte. "Aufgrund des Hochwassers mussten sie ihre Burgen aufgeben und suchen nun neue Plätze." Dabei gerieten auch die Deiche in ihr Blickfeld.

Noch gilt der Katastrophenalarm

Die Lage in der Region ist weiter angespannt. Der Katastrophenalarm soll trotz sinkender Pegelstände in Dömitz und Boizenburg erst nächste Woche aufgehoben werden. Voraussichtlich am Dienstag könnten die Schulen wieder öffnen und die Schulbusse wieder normal fahren. Auch das Krankenhaus in Boizenburg war am Freitag noch geschlossen. Der Wasserstand der Elbe sank trotz teils ergiebiger Regenfälle in der Nacht zum Freitag weiter. Um 11 Uhr wurden in Dömitz 6,71 Meter und in Boizenburg 6,97 Meter gemessen. Normal sind in beiden Städten um die zwei Meter.

Auch in anderen Regionen Deutschlands besteht trotz sinkender Pegelstände wegen aufgeweichter Deiche die Gefahr von Dammbrüchen. Mancherorts belasteten auch Regenschauer die Deiche der Elbe zusätzlich.

In Sachsen-Anhalt stehen mehr als 200 Quadratkilometer unter Wasser - eine Fläche etwa so groß wie Düsseldorf. Im bayerischen Deggendorf an der Donau zeigte sich Bundespräsident Joachim Gauck am Freitag voller Bewunderung für die vielen Helfer und sprach Betroffenen Mut zu. Bahn-Chef Rüdiger Grube rechnet für sein Unternehmen mit "mehreren hundert Millionen Euro" Schaden. Die Versicherungen erwarten höhere Kosten als beim Hochwasser 2002. Für Norddeutschland ist am Wochenende noch Regen angesagt, dann kommt jedoch eine Hitzewelle.

Allein bei den Feuerwehren waren 82.000 Helfer im Einsatz

Die kommunalen Spitzenverbände und die Bundesorganisationen der Feuerwehren dankten allen Helfern. Allein bei den Feuerwehren seien mehr als 82.000 Menschen im Einsatz gewesen.

In Sachsen-Anhalt mussten Tausende Menschen aus mehr als 20 Ortschaften ihre Wohnungen verlassen und in Sicherheit gebracht werden. Weitere müssten sich auf Evakuierungen vorbereiten, hieß es. Für einen schnelleren Abfluss im Elbe-Saale-Winkel sollte ein Teil des Saaledeichs bei Barby gesprengt werden. Die wegen des Elbehochwassers seit Montag gesperrte Bahnbrücke bei Schönhausen (Sachsen-Anhalt) wird den Zugverkehr voraussichtlich noch bis Sonntagabend behindern. Nach wie vor gibt es Verzögerungen auf zentralen ICE-Strecken. Züge zwischen Berlin und Hannover und weiter ins Ruhrgebiet fahren über Magdeburg und Braunschweig. Zu Umleitungen kommt es auch auf der ICE-Verbindung Berlin-Frankfurt.

In Niedersachsen durften am Freitag die rund 280 Anwohner der Altstadt-Insel von Hitzacker in ihre Häuser zurück, auch die Evakuierung des brandenburgischen Wittenberge wurde aufgehoben. Die rund 300 Bewohner der betroffenen Stadt Lauenburg in Schleswig-Holstein können wohl am Samstag zurück in ihre Häuser.

EU-Finanzkommissar Janusz Lewandowski sicherte in Brüssel den Flutopfern in Deutschland zügige Hilfen zu. Voraussetzung sei, dass die Schäden erfasst und ein Antrag auf Hilfe aus dem Europäischen Solidaritätsfonds gestellt werde. Der Vorsitzende des Ausschusses für Haushaltskontrolle im Europäischen Parlament, Michael Theurer (FDP), rechnete laut Mitteilung mit bis zu 500 Millionen Euro der EU. Am Donnerstag hatten Bund und Länder einen Hilfsfonds von etwa acht Milliarden Euro beschlossen.

Mieterbund berät ab Montag

Für hochwassergeschädigte Mieter schaltet der Deutsche Mieterbund ab Montag eine Telefon-Hotline. Sie können sich unter der Nummer Tel. 030 - 223 23 166 wochentags von 9 bis 13 Uhr kostenlos über Mietrechtsfragen rund um die Flutkatastrophe informieren, wie der Verband mitteilte.

Mieterbund-Experten helfen den Angaben zufolge etwa bei der Klärung möglicher Reparatur- oder Mietminderungsansprüche an Vermieter. Dieser ist generell für die Beseitigung der Schäden am Gebäude oder das Abpumpen von Wasser verantwortlich. Für den Hausrat der Mieter gilt das aber nicht. Wohnungseinrichtungen muss der Vermieter nur ersetzen, wenn sie mitvermietet sind. Das könnte etwa bei Einbauküchen so sein.

Prinzipiell steht Mietern nach Angaben des Verbands auch bei Naturkatastrophen das Recht auf Mietminderung zu, sofern die Wohnung ganz oder teilweise nicht bewohnt werden kann. Ist das Haus zerstört, endet aber die Vermieter-Verantwortung. Der Mietvertrag gilt dann als erloschen. Es gibt keinen Anspruch auf eine Ersatzwohnung.

anb/DPA / DPA