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ICE-Panne: Es fährt ein Zug nach Nirgendwo

"Bestzeit" verspricht die Deutsche Bahn ihren Kunden auf der neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Hamburg und Berlin. Was das heißen kann, erfuhr stern.de-Redakteur Jens Maier am eigenen Leib.

Von Hamburg nach Berlin in nur 93 Minuten: Was die Bahn auf ihrer neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen den beiden größten deutschen Städten verspricht, klingt gut. Doch die Realität sah am vergangenen Samstag für rund 600 Passagiere des ICE 1519 anders aus. Einer davon war ich. Kudamm statt Mönckebergstraße - zum Probierpreis von 19 Euro in der Hauptstadt Weihnachtseinkäufe erledigen. Doch schon vor der Abfahrt im Hamburger Hauptbahnhof herrscht Chaos. "Die Wagen verkehren heute in umgekehrter Reihenfolge", verkündet der Bahnsteigsprecher und sorgt damit auf Gleis 8 für Bewegung der Massen. Mühevoll quäle ich mich von Abschnitt A weiter nach hinten, um in Wagen 23 zu gelangen. Um 10.46 Uhr, also mit sechs Minuten Verspätung, rollt der Zug dann endlich. Doch schon eine halbe Stunde später findet die Fahrt ein jähes Ende. Um 11.10 Uhr bleibt der ICE 1519 auf offener Strecke stehen.

11.16 Uhr

"Bitte beachten sie folgenden Hinweis...", beginnt der Schaffner seine Durchsage. Fünf Minuten nach dem Stopp klärt er uns über den Grund unseres unplanmäßigen Haltes auf: Wegen eines Defekts am Stromabnehmer könne die Fahrt vorerst nicht weitergehen. Ein Blick aus dem Fenster lässt nichts Gutes erahnen. Wir sind irgendwo im Nirgendwo gelandet. Dauer unseres Aufenthaltes ungewiss.

11.28 Uhr

"Bitte beachten sie folgenden Hinweis." Wir stehen immer noch und was uns mitgeteilt wird, klingt nicht ermutigend. Da die Stromversorgung unterbrochen sei, werden gleich im gesamten Zug die Lichter ausgehen. Am helllichten Tag nicht so schlimm. Dass die Klimaanlage mit abgeschaltet werden muss, sorgt aber für dicke Luft. Und es kommt noch dicker: Auch den Toiletten wird der Saft abgedreht. Da Spülung und Abwasser nur mit Strom funktionieren, ist Pinkeln ab sofort verboten.

11.48 Uhr

"Bitte beachten sie folgenden Hinweis." Stoisch verkündet der Schaffner weiteres Unheil. Passagiere des vorderen Zugteils mögen sich bitte auf die Räumung des selbigen vorbereiten. Glück gehabt, denn ich sitze im hinteren Teil des Pannenzuges. Um räumen zu können, werde sich der ICE gleich mit langsamer Geschwindigkeit in Richtung Bahnhof Schwanheide bewegen. Am dortigen Bahnsteig sollen alle Passagiere der vorderen Wagen den Zug verlassen. Da der Bahnsteig für die ganze Länge des Zuges zu kurz sei, werde der Zug ein Stück vorsetzen, um die Fahrgäste dann hinten wieder einsteigen zu lassen. Danach werde in Boizenburg der vordere Zugteil abgekoppelt, um mit dem hinteren die Fahrt nach Berlin doch noch anzutreten.

12.01 Uhr

Der Zug setzt sich in Bewegung und schleppt sich langsam in den Bahnhof von Schwanheide. Dort heißt es für die vorderen Passagiere Aussteigen. Der Blick aus dem Fenster bietet ein trauriges Bild. Ein verlassener und runtergekommener Plattenbau ist stummer Zeuge des einstigen Grenzbahnhofs Schwanheide. Wer aus der DDR in Richtung Westen wollte, musste hier langwierige Grenzkontrolle über sich ergehen lassen. Genau dort stehen jetzt in eisiger Kälte mehrere hundert Passagiere und warten auf ihre Abfertigung.

12.23 Uhr

"Bitte beachten sie folgenden Hinweis." Eine gute Nachricht für die Frierenden am Bahnsteig. Sie dürfen wieder einsteigen. Und zwar ganz genau dort, wo sie ausgestiegen sind. Die Bahn hat es sich flugs anders überlegt. Nicht der vordere Teil wird evakuiert, sondern der hintere. Das Procedere beginnt von vorn. Doch diesmal trifft es mich. Die Stimmung im Großraumwagen ist angespannt. Meckernd werden die Taschen gepackt und die Jacken angezogen. Während der Regionalexpress nach Boizenburg an uns vorbeidonnert, stehen ich und meine Leidensgenossen am Bahnsteig und warten auf weitere Anweisungen. So lange heißt es Kuhweide statt Kudamm.Per Handy wird Kontakt zur Außenwelt gehalten. "Wie komme ich am schnellsten hier weg", fragt mein ehemaliger Sitznachbar in sein Telefon. Dann eine Durchsage am Bahnsteig. Wer die Fahrt abbrechen möchte, könne am gegenüberliegenden Gleis den Regionalexpress zurück nach Hamburg nehmen und bekäme dort sein Geld zurück. Viele nehmen das Angebot an, um nach über drei Stunden wieder genau dort anzukommen, wo sie eingestiegen waren. Ich harre aus, während der Zug sich langsam rückwärts bewegt, um die Hardliner im vorderen Zugteil aufzunehmen.

13.12 Uhr

"Bitte beachten sie folgenden Hinweis." Wütend und frustriert schiebe ich mich durch den jetzt überfüllten Zug, um nach einem freien Sitzplatz Ausschau zu halten. Vergebene Liebesmüh. Ich werde die restliche Zeit nach Berlin im Stehen oder vor der Toilette auf dem Boden sitzend verbringen müssen. Der Schaffner versucht zu retten, was zu retten ist. Nach einem weiteren Stopp in Boizenburg könne der Zug ohne Einschränkungen und mit Höchstgeschwindigkeit nach Berlin weiterfahren. Und schließlich schafft er es doch noch, mich und die Mitreisenden zum Lachen zu bringen. Wer es nicht eilig habe, könne in Schwanheide auf Busse warten, die in 45 Minuten eintreffen würden.

14.48 Uhr

"Meine Damen und Herren, herzlich Willkommen in Berlin / Zoologischer Garten. Ihre nächsten Reisemöglichkeiten... ." Für mich ist an diesem Tag die Fahrt Gott sei Dank zu Ende. Nach 248 Minuten habe ich den Kudamm erreicht, 155 Minuten später als geplant. "Bestzeit", wie die Bahn das nennt. Als Entschädigung gibt sich die Bahn generös. Es gibt 20 Prozent des Reisepreises zurück. In meinem Fall also 3,60 Euro. Danke, Herr Mehdorn!

Jens Maier

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