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Hamburg: Rätselhaftes Verschwinden - sie wollte Süßigkeiten kaufen und wurde nie wieder gesehen

Der mysteriöse Fall der zehnjährigen Hilal Ercan aus Hamburg sorgte vor 19 Jahren bundesweit für Aufsehen. Die Polizei nimmt sich den "Cold Case" jetzt noch einmal vor – und hat eine Hoffnung.

Steven Baack, Leiter der Ermittlungsgruppe "Cold Cases" der Hamburger Polizei, und die vermisste Hilal Ercan

Steven Baack leitet die Ermittlungsgruppe "Cold Cases" der Hamburger Polizei. Er hofft, das Verschwinden von Hilal Ercan nach 19 Jahren aufklären zu können.

Steven Baack und seine Kollegen greifen zum Schraubenzieher. Vier Schrauben halten das Bild – im Behördendeutsch eine "dauerhafte Fahndungserinnerung" – an einer Backsteinfassade im Hamburger Stadtteil Lurup. "Vermisst!", steht in roten Buchstaben hinter Plexiglas. "Wir suchen Hilal Ercan." Daneben: Das Bild eines dunkelhaarigen, lächelnden Mädchens, orangefarbener Pullover, schwarz-grau gemusterte Jacke.

In dem Stadtteil im Nordwesten Hamburgs kennen die Menschen dieses Bild, seit 19 Jahren. Damals verschwand das Mädchen spurlos und die Polizei suchte mit der Fotomontage nach Hilal – erfolglos, bis heute.

Steven Baack war 1999 gerade volljährig geworden. Jetzt ist der dunkelblonde Mann Kriminalhauptkommissar und leitet die Ermittlungsgruppe "Cold Cases" der Hamburger Polizei. Die Aufgabe des Beamten und seiner Kollegen ist es, alte, ungelöste Fälle neu aufzurollen und sie zu lösen. Dass das klappen kann, hat die Spezialeinheit schon mehrfach bewiesen. Jetzt hoffen die Ermittler, dass sie Ayla und Kamil Ercan Gewissheit über das Schicksal ihrer Tochter geben können. Nach 19 Jahren.

Das rätselhafte Verschwinden von Hilal Ercan

Rückblick: Es ist der 27. Januar 1999, ein kalter, feuchter Mittwoch in der Hansestadt. Hilal besucht die vierte Klasse der Grundschule, am Vormittag gibt es Zeugnisse. Die Zehnjährige bringt gute Noten nach Hause, Hilal ist stolz auf ihre Leistung. Zur Belohnung bekommt sie von ihrem Vater eine D-Mark, sie will sich Süßigkeiten kaufen. Von dem neunstöckigen Hochhaus, in dem die Familie wohnt, sind es nur rund 100 Meter zu dem "Spar"-Supermarkt in dem kleinen Einkaufszentrum "Elbgaupassage", einmal über die Straße. Gegen 13.15 Uhr macht sich das Mädchen auf den Weg, der Gemüsehändler in der Passage will sie noch kurz gesehen haben – danach verliert sich ihre Spur. Um 13.22 Uhr wird in dem Supermarkt eine Packung "Hubba Bubba", Hilals Lieblingssüßigkeit, für eine D-Mark verkauft, das belegt die Kassenabrechnung des Ladens. Ob es die Zehnjährige war, die die Süßigkeiten bezahlt hat, daran kann sich die Kassiererin nicht erinnern. Hilal Ercan kommt nie wieder zu ihren Eltern zurück. Das Verschwinden der Zehnjährigen gehört bis heute zu den rätselhaftesten Fällen in der Hamburger Kriminalgeschichte.

Das Leid der Eltern

Für Hilas Eltern Ayla und Kamil, ihren Bruder Abbas und die Schwester Fatma begann eine jahrelange und bis heute andauernde Leidenszeit. Im vergangenen Jahr besuchte sie der stern, sie schilderten, dass sie auch knapp 20 Jahre nach dem Verschwinden keine Ruhe finden: "Für meine Frau und mich ist es immer noch so, als sei es gestern passiert. Genauso schmerzhaft", sagte der Vater. "Ich bin mit Schmerz aufgewachsen", ihr Bruder. Ein Bild von ihrer Tochter und Schwester stand nicht in der Wohnung, die Familie würde das nicht aushalten. Persönliche Gegenstände Hilals bewahrt sie in einem Koffer auf.

+++ Lesen Sie die Einzelheiten hier: "Ungeklärte Verbrechen: Wenn Kinder spurlos verschwinden" +++

Täglich werden bei der Polizei 250 bis 300 Menschen als vermisst gemeldet, fast die Hälfte davon sind Kinder und Jugendliche. "Für ihr Verschwinden gibt es die unterschiedlichsten Gründe: Probleme in der Schule oder mit den Eltern, Liebeskummer", so das Bundeskriminalamt. 2016 wurden 94 Prozent der Fälle vermisster Kinder aufgeklärt. Die meisten davon schon nach wenigen Stunden oder Tagen. Laut der Hamburger Polizei ist Hilal Ercan das "einzige langzeitvermisste Kind" der Hansestadt.

Hilals Eltern, Ayla (l.) und Kamil Ercan

Hilals Eltern, Ayla (l.) und Kamil Ercan, zwei Tage nach dem Verschwinden ihrer Tochter

DPA

Dass das Mädchen einfach abgehauen ist, kann sich niemand vorstellen. Die Eltern nicht, der Bruder nicht, die Schwester nicht und auch die Polizei nicht. "Wir nehmen an, dass Hilal einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist", sagte Volker Quast, Mitarbeiter der "Cold Case"-Einheit dem stern. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Täter Hilal in ein Auto gezerrt und sie zunächst in eine Wohnung oder ein Haus in der Nähe gebracht hat. Möglicherweise wurde sie später vergraben."

Die jahrelangen Ermittlungen

Der Verdacht eines Verbrechens kam schon kurz nach dem Verschwinden des Mädchens auf. Zwei Busfahrer beobachteten an dem Tag einen großen kräftigen Mann mit rötlichen Haaren, der auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums am Arm eines dunkelhaarigen Mädchens im Alter der Vermissten gezogen hatte. Ganz in der Nähe wurden später die Haarspangen und ein Ohrring Hilals entdeckt – von ihrer eigenen Mutter, die verzweifelt nach ihrer Tochter suchte. Eine Zeugin hörte zum Zeitpunkt des Verschwindens Schreie eines Mädchens.

Weil ihre Tochter von dem Süßigkeiteneinkauf nicht zurückkehrte, begannen die Eltern früh, sich Sorgen zu machen. Sie riefen Bekannte an, fragten nach Hilal. Ohne Erfolg. Sie meldeten das Kind bei der Polizei als vermisst. Schon gegen 18 Uhr waren dutzenden Beamte in Hamburg-Lurup im Einsatz, suchten nach dem Kind, befragten mögliche Zeugen, verteilten Suchblätter. Ohne Erfolg. In den kommenden Tagen wurde die Suche verstärkt: Hundertschaften durchkämmten die Umgebung, ein Sonderkommission wurde gebildet, die Öffentlichkeit im großen Stil ins Boot geholt. Bald kannte fast jeder Hamburger das Bild von Hilal Ercan und doch blieb sie verschwunden. Die Familie ging durch die Hölle.

Sechs Tage nach dem Verschwinden kam Bewegung in den Fall. Ein anonymer Anrufer bestellte Ayla und Kamil Ercan zur Christuskirche im Hamburger-Stadtteil Eimsbüttel, sechs Kilometer von ihrem Wohnort entfernt. Er wisse etwas über den Verbleib von Hilal, ließ er die Familie wissen. Doch das Treffen platzte, der Grund war womöglich ein Polizeieinsatz in der Nähe der Kirche, der den Mann abgeschreckt haben könnte. Wer war der Anrufer? Ein Mitwisser? Ein Wichtigtuer? Das bleibt ungewiss, bis heute.

Es gab später sogar einen Tatverdächtigen: Der wegen Kindesmissbrauchs vorbestrafte Dirk A. geriet sechs Jahre nach dem Verschwinden ins Visier der Fahnder. Doch auch diese Spur verlief ins Leere. Geständnisse wurden widerrufen, an den vermeintlichen Ablageorten fanden die Beamten nichts. Es gab keine Beweise für eine Schuld des Mannes. "Ob der verurteilte Sexualstraftäter die Ermittler damals täuschte, um sich in kruder Selbstwahrnehmung als wichtig erscheinen zu lassen oder ob er sich aus Feigheit über eventuelle strafrechtliche Konsequenzen zum Zurückziehen des Geständnisses entschloss, ist bis heute fraglich", sagt Ermittlungsgruppenleiter Baack.

2011 wandte sich die Polizei dann via ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY" erneut an die Öffentlichkeit – jedoch ebenfalls ohne Erfolg.

In den 19 Jahren nach dem Verschwinden der Zehnjährigen haben die Ermittler über 600 Hinweise abgearbeitet, legten mehr als 100 Aktenordner an, doch der Fall bleibt ungelöst. "Hilal ist verschwunden wie ein Luftballon, ohne Spuren zu hinterlassen", stellte ein Beamter fest.

Die Hoffnung der Polizei

Jetzt hoffen die Ermittler um Kriminalhauptkommissar Steven Baack, dass sie den einen, entscheidenden Hinweis bekommen. "Die kleinste Information mag ein riesiges Puzzleteil darstellen, das ein Bild komplettiert", sagt der Beamte. Mit seinen Kollegen wird er sich erneut durch die Aktenordner wühlen, wieder Menschen befragen, neue Theorien aufstellen und wieder verwerfen. Vielleicht plagen den anonymen Anrufer von 1999 Gewissensbisse, vielleicht meldet er sich.

Das Fahndungsplakat der Hamburger Polizei zum Verschwinden von Hilal Ercan

Der Zeugenaufruf der Hamburger Polizei zum Verschwinden von Hilal Ercan

"Wir ermitteln in alle Richtungen! Definitiv ausgeschlossen ist einzig die Familie Hilals", sagt Baack mit Blick auf mögliche Täter. Die "dauerhafte Fahndungserinnerung" an dem Backsteinbau ist bei den Ermittlungen ein Baustein. Möglicherweise erinnert sich doch noch ein Zeuge, der im Umkreis des kleinen Einkaufszentrums wohnt, an Begebenheiten, die entfallen sind oder die bisher nicht der Polizei gemeldet wurden – das ist die große Hoffnung.

Das Plakat ist auch ein Signal an die Eltern des Mädchens und an den möglichen Täter. Die Ermittlungsbehörden versprechen: "Wir vergessen nicht und werden nicht aufgeben, Hilals Schicksal doch noch aufzuklären."

Für Hinweise, die zur Aufklärung des Verschwindens von Hilal Ercan führen, ist eine Belohnung von 5000 Euro ausgelobt. Meldungen nimmt die Hamburger Polizei unter (040) 428656789 oder jede andere Polizeidienstsstelle entgegen. 

Maddie
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