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Der echte Fall aus dem Tatort: Ich, ein Mordverdächtiger?

Der Münchner "Tatort" beruht auf einer wahren Begebenheit: 2013 wurde ein Italiener an der Isar erstochen. Der Fall ist bis heute ungelöst. Reporter Felix Hutt berichtete für den stern über den Mord - und geriet damals selbst ins Visier der Ermittler.

Von Felix Hutt, München

Der Reporter Felix Hutt beim DNA-Test auf dem Revier der Mordkommission in München

Der Reporter Felix Hutt beim DNA-Test auf dem Revier der Mordkommission in München

Dem Brief der Münchener Polizei schenkte ich erstmal keine große Beachtung. Sicher ein Strafzettel, dachte ich. Als ich ihn dann nach einigen Tagen öffnete und las, beschlich mich ein seltsames Gefühl. Die Mordkommission lud mich zu einem DNA-Test auf ihr Revier. Im Rahmen ihrer Ermittlungen im sogenannten Isarmord gehörte auch ich zu den Personen, die man zu einem freiwilligen Speicheltest bat. Ich bin kein Mörder, klar, aber was, wenn er und ich die gleiche DNA haben?

Ich begleite den Isarmord journalistisch von Anfang an, seit Domenico Lorusso, 31, am späten Abend des 28. Mai 2013 in der Nähe des Deutschen Museums erstochen wurde. Der Ingenieur war mit seiner Verlobten auf dem Weg nach Hause, als ein Unbekannter erst sie anspuckte, und anschließend Domenico erstach, der ihn zur Rede stellen wollte. Die beiden Italiener, die in München ihre zweite Heimat gefunden hatten, hatten am Gärtnerplatz einen Absacker getrunken. Am nächsten Tag wollten sie nach Süditalien reisen und ihre Familien und Freunde mit der Nachricht überraschen, dass sie heiraten würden.

Täter trug langen schwarzen Mantel

Ich wohne nicht weit von der Stelle, wo der Mord passierte, war zu dem Zeitpunkt selber verlobt und trinke auch gerne Absacker am Gärtnerplatz – kurz: mir ging die Geschichte sehr nahe. Zudem war es für mich bis dahin unvorstellbar, dass im vermeintlich sicheren München an einem lauen Frühlingsabend einfach so ein Mord passieren kann. Der Fall wurde mir mit der Zeit immer unheimlicher, schließlich könnte der Mörder doch neben mir an der Supermarktkasse stehen. Oder war es vielleicht der Typ im schwarzen Ledermantel (der Täter trug einen langen schwarzen Mantel), den ich neulich beim Joggen gesehen habe?

Für die Mordkommission waren die Ängste von uns Anwohnern eher zweitrangig, für sie ging es darum, möglichst schnell einen Verdächtigen zu finden. Denn die Erfahrung zeigt, dass je länger ein Täter unerkannt bleiben kann, desto unwahrscheinlicher ist es, dass man ihn findet. Wichtig für die Ermittler war, dass sich der Mörder bei der Tat Verletzungen zuzog und sein Blut am Tatort hinterließ. Man konnte damit seine DNA feststellen und sichern, wusste nun wenigstens, dass man nach einem Mann suchte.

Nachdem die ersten Fahndungsmaßnahmen erfolglos blieben, Domenicos Umfeld vernommen und eine Beziehungstat ausgeschlossen werden konnte, überprüften die Ermittler über Monate eine Liste mit fast 15.000 Personen, die im Zusammenhang mit dem Mord stehen könnten. Über die Auswertung der Funkzellen ermittelte man fast 7500 Handybesitzer, die sich zum Zeitpunkt der Tat in der Nähe aufhielten. Darunter auch mich.

DNA-Analyse gilt als äußerst zuverlässig

Obwohl ich beruflich immer wieder mit Ermittlungen in Kapitaldelikten zu tun habe, ist es etwas anderes, wenn man auf einmal selbst zum Verdächtigen wird. Ich begann zu überlegen, was ich in einer Vernehmung sagen würde, wer mir für die Tatzeit ein Alibi geben könnte. Blöderweise wusste ich nicht einmal mehr, wo ich mich genau an dem Freitagabend aufhielt. Klingt albern, aber so eine Vorladung fühlt sich an, als würde man nicht mehr nur "Tatort" gucken, sondern plötzlich Teil davon sein. Und schließlich wird die DNA-Analyse gerne als äußerst zuverlässig beschrieben, da eine absolut identische DNA nur bei eineiigen Zwillingen vorkommen kann. Allerdings zeigen Fälle wie die Verwechslung der Wattestäbchen im Heilbronner Polizistenmord, dass Fehler im DNA-Verfahren nicht ausgeschlossen sind.

Am Mittwoch, den 21. Mai 2014, sitze ich nun im Zimmer eines Ermittlers der Mordkommission. Er erklärt mir die Regeln. Vor uns auf dem Tisch liegen zwei verschlossene Päckchen, in jedem ein Stäbchen. Sie sind versiegelt, mit einer Nummer versehen, die Proben bleiben anonymisiert. Nur wenn es einen Treffer gäbe, wird sie aufgehoben. Dann bekäme ich sehr bald Besuch von der Polizei. Gibt es keinen Treffer, höre ich nichts mehr. "Schließlich wissen sie ja, dass sie es nicht waren", sagt der Beamte. Ja schon, aber so ein offizielles Schreiben, dass ich definitiv raus bin, das wäre schon schön, denke ich. Ich unterschreibe eine Einwilligung zu einer "DNA-Reihenuntersuchung gemäß § 81h StPO", die ich auf "freiwilliger Basis" durchführen lasse, und die ausschließlich mit den Spuren aus dem Ermittlungsverfahren im Isarmord abgeglichen wird. Meine Probe wird nicht gespeichert.

Bislang 4700 Speichelproben gesammelt

Seit dem Mord vor fast einem Jahr haben die Ermittler 4700 Speichelproben genommen und zur Auswertung ins Institut der Rechtsmedizin geschickt, wo diese mit der DNA des Täters verglichen wurden. Ohne Treffer. Manchmal gab es kurz Hoffnung auf eine heiße Spur, aber die erwies sich dann doch immer als kalt. Einmal fanden Passanten ein Messer in der Isar, nicht weit vom Tatort, ein anderes Mal erschoss sich ein Waffennarr im Viertel. Beides hätte in Zusammenhang mit dem Mord an Domenico stehen können, tat es aber nicht. In solchen Fällen warten die Ermittler nicht, bis die Proben einmal die Woche versandt werden, sondern bringen sie sofort zur Rechtsmedizin, und bekommen bereits nach eineinhalb bis zwei Tagen Bescheid.

Der Komissar bittet mich den Mund zu öffnen, streicht mit dem einen Stäbchen über den rechten Innenraum meines Mundes, mit dem anderen über den linken. Steckt die Stäbchen wieder in die Plastikbeutel. Verschließt sie. Klebt einen Aufkleber mit meiner Nummer um den Beutel, einen anderen auf meine Einwilligungserklärung. Versichert mir, dass die Chancen einer Verwechslung bei 1 zu 37 Milliarden stünden. Und wenn meine Speichelprobe doch zu einem Treffer führen würde, dann könnte ich im Gefängnis über meinen Anwalt eine zweite Analyse beantragen. Das ist beruhigend zu wissen.

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