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Amtsgericht Kiel Mann lässt beim Sex entgegen der Absprache Kondom weg – Freispruch

Ein Mann hält ein Kondom in der Hand
Der Angeklagte bat die Frau um Entschuldigung dafür, kein Kondom verwendet zu haben (Symbolbild)
© Paul Biryukov / iStock / Getty Images
Von einem "ganz fatalen Signal" spricht die Anwältin des Opfers. Das Amtsgericht Kiel hat einen Mann freigesprochen, der entgegen der Absprache beim Sex mit einer Frau kein Kondom benutzt hat.

Das Amtsgericht Kiel hat einen Mann freigesprochen, der entgegen der Absprache mit seiner Sexualpartnerin kein Kondom beim Geschlechtsverkehr verwendet.

Entgegen anderslautender Medienberichte hat der 39-Jährige das Präservativ jedoch nicht heimlich während des laufenden Sexes abgestreift, stellte eine Sprecherin des Amtsgerichtes im Gespräch mit dem stern klar. Der Ablauf sei im Verfahren unstrittig gewesen.

Angeklagter bat für Sex ohne Kondom um Entschuldigung

Der Mann habe im Prozessverlauf gestanden, im März 2018 entgegen der üblichen Gepflogenheit und der Vereinbarung mit der Frau ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt zu haben, bis diese das fehlende Kondom bemerkt habe. Das Opfer erstattete anschließend Anzeige.

Im Gerichtssaal habe der Angeklagte sein Verhalten als "triebgesteuert" bezeichnet und die Frau um Entschuldigung gebeten, so die Gerichtssprecherin.

Die Rechtsanwältin des Opfers, das in dem Verfahren als Nebenklägerin auftrat, warf dem Mann laut "Kieler Nachrichten" (KN) Demütigung und Instrumentalisierung seiner Ex-Partnerin vor – es habe die Gefahr einer Schwangerschaft oder der Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten bestanden. Die Staatsanwaltschaft hatte eine neunmonatige Bewährungsstrafe und 2000 Euro Geldbuße wegen eines sexuellen Übergriffs gefordert. 

Das Gericht habe den Angeklagten nach dem rechtsstaatlichen Grundsatz "Nulla poena sine lege" ("Keine Strafe ohne Gesetz") freigesprochen, erläuterte die Sprecherin. Der entsprechende Paragraph 177 des Strafgesetzbuches regele nach Auffassung des Richters ausschließlich, ob sexuelle Handlungen vorgenommen werden dürfen, nicht aber die Art und Weise.

Der Richter habe zwar einen "erheblicher Vertrauensbruch" festgestellt, jedoch keine Straftat. "Das Gesetz kennt keinen einvernehmlichen Geschlechtsverkehr, der strafbar ist", hieß es. Die Nebenklageanwältin widersprach dem und bezeichnete den Freispruch laut KN als "ganz fatales Signal". Die Staatsanwaltschaft kündigte an, gegen den Richterspruch in Revision zu gehen.

Strafbarkeit von "Stealthing" umstritten

Im Vorfeld des Prozesses hatte es bereits Diskussionen gegeben, ob der Fall überhaupt zur Verhandlung zugelassen werden sollte. Nach einer Ablehnung durch das Amtsgericht entschied das Landgericht nach einer Beschwerde der Staatsanwaltschaft, dass verhandelt werden muss.

Die Strafbarkeit des sogenannten Stealthings (vom englischen "stealth" für "List") ist umstritten. In einem ähnlichen Fall hatte das Kammergericht Berlin im Sommer einen Mann, der während eines Stellungswechsels beim Geschlechtsverkehr heimlich das Kondom abzog, wegen eines sexuellen Übergriffs zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe und der Zahlung von 3000 Euro Schmerzensgeld verurteilt. Zur Begründung haben die Richter angeführt, dass der Paragraph 177 des Strafgesetzbuches StGB nicht nur die Entscheidung schütze, "ob überhaupt Geschlechtsverkehr stattfinden soll, sondern auch darüber, unter welchen Voraussetzungen".

Quellen: "Kieler Nachrichten", Strafgesetzbuch, Kammergericht Berlin


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