Klatten-Erpresser Sgarbi Der traurige Verführer


Er sieht aus wie ein Buchhalter und hat wohlhabende Frauen erst betört und dann ausgenommen. Wer ist dieser Helg Sgarbi, der nun in München zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt wurde? Ein Psychogramm eines unscheinbaren Gigolos.
Von Kety Quadrino

Ein blasser Mann im dunkelblauen Anzug und gleichfarbiger Krawatte mit kaiserblauen Punkten und weißem Hemd mit gestärktem Kragen. Langsam betritt er den Gerichtssaal A101 des Oberlandesgerichts München. Er erträgt das Blitzlichtgewitter der Fotografen. Helg Sgarbi, der skrupellose Verführer, ringt um Haltung. Er weiß nicht so recht, wie er sich präsentieren soll. Soll er in die Kamera lächeln oder eine ernste Miene machen? Soll er die Arme verschränken oder herunterhängen lassen? Er entscheidet sich für eine Mischung aus allem: Blickt zuerst ernst in die Runde, zwingt sich dann zu einem angestrengten Lächeln. Lässt seine Arme hängen wie ein trauriger Harlekin, um sich anschließend wieder an der Stuhllehne vor sich festzuklammern. Seine langen Klavierspielerfinger klopfen dabei nervös auf das rostfarbene Polster.

War es das Mitgefühl?

Das Mitgefühl, das er in den Frauen ausgelöst hat, wenn er ihnen im Wellnesshotel "Lanserhof" von seinen Problemen erzählte - dieser Appell an das Mitgefühl wird spürbar im Moment, als er den Kameras hilflos ausgesetzt ist. Sein jungenhaftes Gesicht mit der dunklen Hornbrille und sein schlaksiger Körper lassen ihn zerbrechlich wirken. Immer wieder beißt er sich nervös auf die Lippen oder streicht unbemerkt mit der Zunge darüber. Zwischen seinen Anwälten Egon Geis und Till Gontersweiler wirkt er wie eingezwängt. Er öffnet den Mund und schließt ihn gleich wieder. Seine zaghafte Stimme mit dem leicht schweizerdeutschen Dialekt ist kaum zu hören, als der Richter nach seinen Personalien fragt. Nur das rollende "R" vibriert deutlich durch das Mikrofon.

Die Frage aller Fragen: Was haben diese Frauen nur an ihm gefunden, diesem Mann, der eigentlich Helg Russak heißt und aussieht wie ein Buchhalter. Haben allein Rosen und schmachtende Worte ausgereicht, um finanziell unabhängige Frauen wie Frau H., Frau S., Frau R. und Frau Klatten zu verführen? War es die Sehnsucht nach Romantik allein, die ihren Verstand umnebelte?

Sgarbi der Kümmerer, der Fürsorgliche

Es gibt eine aufschlussreiche Szene im Gerichtssaal. Wenn seine Anwälte aufstehen, um ihr Plädoyer vorzutragen, kümmert sich Sgarbi immer darum, dass die Mikrofone richtig stehen. Schiebt sie einmal nach links und nach rechts, biegt sie zurecht, so dass Richter und Zuhörer seine Verteidiger gut hören können. Hin und wieder lächelt er verstohlen, wenn Egon Geis etwa behauptet, dass Ehebruch heutzutage zum guten Ton gehöre. Helg Sgarbi, der Kümmerer, der Fürsorgliche. Er spielt seine Rolle gut, egal welche.

Auch die des Reumütigen. Der Staatsanwalt liest die Anklageschrift vor. Das dauert eine halbe Ewigkeit. Helg Sgarbi sackt in seinem Stuhl immer mehr zusammen. Wie ein Häufchen Elend sitzt er an einem halbrunden Tisch, nach vorn gebeugt mit hängenden Schultern und krummen Rücken, seinen Kopf stützend. Immer wieder richtet er sich plötzlich auf, als würde er sich seiner Haltung bewusst werden, schaut dann verstohlen zum Richter oder zu den Journalisten und Besuchern. Sein anfangs fahles Gesicht rötet sich immer mehr. Das hat er nicht unter Kontrolle. Eine Vene in den Geheimratsecken schwillt bedrohlich an. Konnte er seinen Geliebten ins Gesicht lügen, ohne mit der Wimper zu zucken, so hat er nun Mühe, seine Contenance zu wahren. Nervös beißt er sich auf die Zähne, so dass seine Kieferknochen hervortreten.

Irgendwann steht er auf, biegt umständlich das Mikrofon zurecht und sagt zum Richter: "Ich bedaure das Vorgefallene zutiefst und entschuldige mich hier vor Gericht und in aller Öffentlichkeit bei den geschädigten Damen." Im Gerichtsaal ist es totenstill, das volle Schuldgeständnis lässt ein Blitzverfahren ahnen. Sgarbi will sich nicht weiter äußern, nicht dazu, wo das erpresste Geld abgeblieben ist, nicht dazu, wo die Sex-Videos stecken, und auch nicht dazu, ob es einen Komplizen gab. Er nimmt demonstrativ alle Schuld auf sich, deckt damit seinen Herr und Meister Ernano Baretta, dem er angeblich hörig sein soll. Ein sichtbar großes Opfer, das Sgarbi erbringt. Den Frauen dürfte ein Stein vom Herzen gefallen sein, als sie vom Geständnis erfahren haben, es erspart ihnen die peinliche Aussage.

Sgarbi zeigt Angst in den kleinen Augen, als der Staatsanwalt neun Jahre Haft fordert. Es werden sechs. Am Ende findet Sgarbi zu seiner besten Rolle zurück - die des Gentleman, der sein Schicksal geduldsam erträgt.


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