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Norman Volker Franz: Töten ohne Mitleid

In der Serie "Germany's most wanted" porträtiert stern.de die meistgesuchten Verbrecher Deutschlands. Dazu gehört auch Norman Volker Franz. Die Geschichte des mehrfachen Mörders und seiner Frau liest sich wie eine Neuauflage von "Bonnie und Clyde".

Von Tim Farin

Seit fast einem Jahrzehnt lebt Norman Volker Franz im Untergrund, doch die Gefahr, die von ihm ausgeht, ist längst nicht vergessen. Auch wenn der vermutliche Fünffach-Mörder wohl seit 1999 keine größeren Straftaten mehr begangen hat, bleiben seine Jäger lieber ebenfalls im Dunkeln.

Welche Staatsanwälte und Polizisten nach der Spur des heute 38 Jahre alten Sauerländers fahnden, ist geheim. Zu sehr fürchten die Behörden, dass Franz einmal mehr skrupellos zum Mörder werden könnte, um seine bedrohtes Leben in Freiheit zu verlängern. Nicht umsonst gehört Franz zu jenem berüchtigten Personenkreis, den das Bundeskriminalamt (BKA) auf seiner Website unter der Rubrik "Meistgesuchte Personen" präsentiert.

"Vorsicht! Franz ist gewalttätig und bewaffnet", heißt es in der Fahndung des BKA. Wer den 1,77 Meter großen Mann zufällig sieht, sei gewarnt: "Er macht rücksichtslos von der Schusswaffe Gebrauch", weiß das BKA. Doch Hinweise brauchen die Fahnder dringend. Denn seit dem 28. Juli 1999 befindet sich Norman Volker Franz auf der Flucht. Vermutlich ist er irgendwo fernab der deutschen Grenzen abgetaucht.

Sandra: Von der Täterin zum Opfer

Die Kriminalakte Franz liest sich wie eine Neuauflage der Geschichte von "Bonnie & Clyde" oder des skandalträchtigen Films "Natural Born Killers". Es gibt eine Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen, die sich Gesetz und Moral widersetzen und auf brutalste Weise gegen ihre Mitmenschen handeln. Sie töten ohne Mitleid, weil sie sich selbst über alles und jeden stellen. Sie flüchten und entfesseln so viel kriminelle Energie, dass die Umwelt und die Behörden überfordert scheinen.

Da ist die Ehefrau Sandra, die zumindest heute von manchem Beobachter des Falls nicht nur als Täterin, sondern auch als Opfer betrachtet wird. Sie wächst in einem Dortmunder Arbeiterhaushalt auf, die Mutter Alkoholikerin, der Bruder stirbt früh, der Vater allein ist damit überfordert - eine Krisenfamilie, aus der die 16-Jährige in die Arme des zärtlichen Norman Volker Franz flüchtet. Bei ihm findet sie Geborgenheit, ihm vertraut sie.

Sie merkt nicht oder kümmert sich nicht darum, dass Norman sein Leben mit kriminellen Methoden finanziert. Er schmuggelt Zigaretten und gerät mit polnischen Kriminellen aneinander. Weil das nicht in Franz' Finanzpläne passt, schafft er die Rivalen aus dem Weg: Mit zwei Komplizen richtet Franz die Widersacher auf einer verlassenen Straße im Dortmunder Stadtteil Syburg in einem Hinterhalt hin. Sie werfen eine Handgranate in das Auto der Polen, strecken ein flüchtendes Opfer nieder und jagen den dritten Gegner mit ihrer Pumpgun. Er entkommt mit lebensgefährlichen Verletzungen, die anderen beiden sind längst tot.

Flucht aus dem Gefängnis

Norman und seine Freundin flüchten früh am nächsten Morgen Richtung Spanien. Als sie Monate später in Finanznöten zurück gen Heimat reisen, gehen sie den nordrhein-westfälischen Zielfahndern ins Netz. Das Dortmunder Gericht hat im März 1996 keine Zweifel und verhängt eine harte Strafe: Franz muss wegen Mordes lebenslang ins Gefängnis. Dort lassen sich Norman und Sandra im Mai 1996 trauen - scheinbar in aussichtsloser Lage, gemeinsam in Freiheit leben zu können.

Ein Jahr später vollbringt Franz während eines Schichtwechsels eine spektakuläre Flucht aus der JVA Hagen. Mit einer kleinen Säge, die seine Frau in ihrem Gürtel ins Gefängnis geschmuggelt hat, beseitigt er das Fenstergitter seiner Zelle und entkommt über ein Regenrohr vom Dach. Draußen hat Sandra schon alles arrangiert: Sie hat einen Wagen und gefälschte Papiere organisiert.

Zwei Wochen später stirbt ein 54 Jahre alter Geldbote vor einer Filiale der Dresdner Bank in Weimar. Franz hat ihn niedergestreckt und 10.000 Mark erbeutet. Er behauptet gegenüber seiner Frau, der Schuss habe sich versehentlich gelöst, als das Opfer versucht habe, die Waffe zu ergreifen. Gemeinsam leben die beiden nun im Untergrund, wandern von Hotel zu Hotel.

Doppelmord für 500.000 Mark

Am 21. Juli 1997 um 6.30 Uhr schlagen die beiden dann vor dem Tresorraum des Metro-Großmarkts in Halle zu. Norman Franz streckt zwei Geldtransporteure nieder, raubt 500.000 Mark und setzt sich mit seiner Frau ins Ausland ab. Nach dem Doppelmord strahlte Franz eine erschreckende Gefühlskälte aus und frühstückte in Ruhe, erzählt seine Partnerin knapp drei Jahre später vor Gericht.

Sie landete vor dem Tribunal in Halle, weil die portugiesische Polizei im Oktober 1998 erfolgreich zugriff. In Albufeira an der Algarve hatten sich die beiden niedergelassen, ein Appartement mit Meerblick gekauft und ein geordnetes Leben für den gerade geborenen Sohn Mike angestrebt. Norman Franz nahm einen Job im Immobilienbereich an, gab sich die Decknamen Michael Stuever und Carsten Müller. Alles schien sicher, bis die Polizei das vermeintliche Idyll zerstörte und die junge Familie beim Verlassen eines Supermarkts überwältigte.

Erneute Flucht

Als die Auslieferung nach Deutschland vorbereitet wird, gelingt Norman Volker Franz erneut die Flucht. Seine Frau, die nach einem weiteren Jahr in portugiesischer Haft vor Gericht in Halle zu einer Jugendstrafe von sechs Jahren und drei Monaten verurteilt wurde, hat er seither nicht mehr gesehen. Seinen Sohn ebenso wenig.

Seit der Flucht aus dem Zentralgefängnis von Lissabon am 28. Juli 1999 suchen die Behörden bislang vergeblich nach dem Täter, der Deutsch, Englisch und Portugiesisch spricht und vermutlich in Regionen weilt, die nur selten von Deutschen besucht werden. Die Fahnder erhoffen sich insbesondere von der internationalen Fahndung im Internet neue Hinweise. Es habe bereits einige interessante Angaben gegeben, heißt es beim BKA.

Das Kopfgeld auf Franz summiert sich auf etwa 100.000 Euro, ausgelobt von einer ganzen Reihe Behörden und Institutionen. Die Dramaturgie der Morde und die verzweifelte Suche nach dem Killer bestimmten nicht nur Mitte und Ende der 90er die Schlagzeilen, sondern regen auch immer wieder zu neuen Recherchen an. Im vergangenen Jahr präsentierte das ZDF in seiner Filmserie "Der Fall" die Geschichte noch einmal und brachte sogar die verurteilte und inzwischen von Franz geschiedene Sandra vor die Kamera.

Was der flüchtige Verbrecher von solchen Auftritten hält, weiß man nicht. Die Fahnder gehen jedenfalls davon aus, dass Norman Franz alle Beziehungen zu seinen früheren Mitmenschen abgebrochen hat. Deswegen erbitten sie dringend die Mithilfe der Bevölkerung - allerdings sucht das BKA keine Helden. "Bitte im Falle des Wiedererkennens nicht an ihn herantreten!", ist die eindeutige Warnung. Egal, in welchem Winkel der Welt der Mann auch weilen mag - die tödliche Gefahr ist immer mit ihm.

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