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Mord an Sarah Halimi Antisemit oder psychisch krank? Warum zehntausende Franzosen einen Prozess fordern

Eine Frau mit Mund-Nasen-Schutz in den französischen Nationalfarben hält auf einer Demo hält ein Schild mit Forderungen hoch
"Ich klage an!" und "Gerechtigkeit für Sarah" steht auf dem Schild, das eine Demonstrantin am Sonntag vor der französischen Botschaft in Tel Aviv hochhält
© Jack Guez / AFP
Vier Jahre nach der Tat treibt ein Verbrechen zehntausende Franzosen auf die Straßen. Denn ein Moslem, der seine jüdische Nachbarin Sarah Halimi verprügelt und vom Balkon geworfen hat, soll für den Mord nicht vor Gericht gestellt werden.

Gegen 4.30 Uhr klettert Kobili T. über den Balkon in die Wohnung seiner jüdischen Nachbarin Sarah Halimi. Der 27-jährige Moslem schlägt auf die 65-jährige Jüdin ein, beschimpft sie, ruft "Allahu akbar" (zu deutsch: "Gott ist groß", d. Red.) und zitiert Koranverse. Er prügelt sie auf den Balkon und wirft sie im 3. Stock über das Geländer. Sarah Halimi schlägt im Hof des Sozialbaus auf und stirbt. "Ich habe den Dämonen getötet", ruft T. nach dem Verbrechen im Pariser Viertel Belleville. So schildert die französische Tageszeitung "Le Figaro" die Tat.

Am Sonntag hat dieses Verbrechen vom 4. April 2017 mehr als 20.000 Demonstranten auf die Straßen von Paris getrieben. Denn das Kassationsgericht hatte jüngst als höchstes Gericht Frankreichs bestätigt, dass es gegen den mutmaßlichen Täter, der laut Medien in der Psychiatrie behandelt wird, keinen Prozess geben wird. Der Mann soll bei der Tat unter Rauschgifteinfluss gestanden haben.

Trieben Antisemitismus oder Psychosen T. zur Tat?

Schon vor dem Verbrechen war T. der Polizei als Drogenkonsument und -dealer bekannt, aber als Kleinkrimineller eingestuft worden. Tage vor der Tat soll er jedoch in der Nachbarschaft durch aggressives Verhalten aufgefallen sein. Die eigentlich mit T. befreundete Familie, durch deren Wohnung er auf den Balkon von Halimi gelangt, habe sich aus Angst vor ihm im Schlafzimmer eingeschlossen und um 4.22 Uhr die Polizei gerufen, berichtet die Tageszeitung "Libération". Aus dem Schlafzimmer habe die Familie T. laut beten gehört. Nur drei Minuten später seien die ersten Polizisten vor Ort gewesen. Jedoch vermuteten sie laut "Le Figaro", T. habe im Nachbargebäude eine Familie in seiner Gewalt und warteten auf Verstärkung in der Annahme, es mit einem bewaffneten Islamisten zu tun zu haben. Erst um 5.35 Uhr habe eine Sondereinheit der Polizei T. überwältigt.

Hat T. aus Antisemitismus getötet? Die Antwort lautet für viele Franzosen offenbar: ja! Doch vor Gericht wird er wegen einer Psychose infolge von Cannabis- und Alkoholkonsum für unzurechnungsfähig erklärt. Er sitzt nun für mindestens 20 Jahre in der Psychiatrie. Die Hinterbliebenen der Frau klagten dagegen, dass ihm nicht der Prozess gemacht wurde, unterlagen jedoch Mitte April vor dem Pariser Kassationshof, der obersten juristischen Instanz Frankreichs.

Unterstützung für die Familie von Sarah Halimi

Die Demonstration am Sonntag hat gezeigt, wie groß die Unterstützung für die Hinterbliebenen ist. Nach Behördenangaben versammelten sich mehr als 20.000 Menschen nahe dem Pariser Eiffelturm, darunter der Chef der Partei La République en Marche von Präsident Emmanuel Macron, Christophe Castaner, die frühere First Lady Carla Bruni sowie die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo. In anderen Städten des Landes gingen mehr als 6200 Menschen auf die Straße. Auch in London und Tel Aviv demonstrierten Menschen vor den dortigen Botschaften Frankreichs.

Hidalgo kündigte im Sender BFMTV an, dass eine Straße der Hauptstadt den Namen von Sarah Halimi tragen werde. Justizminister Éric Dupond-Moretti stellte für den kommenden Monat einen Gesetzesentwurf in Aussicht, um die Rechtslücke, die im Fall Halimi deutlich geworden sei, zu schließen. "Diese tragische Geschichte, die uns alle geprägt hat, wird unser Recht voranbringen", teilte er via Twitter mit.

Für Sarah Halimi und ihre Familie kommt das Gesetz zu spät. Die Hinterbliebenen wollen nun vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg ziehen, um doch noch einen Prozess gegen den Täter zu erreichen.

Quellen: "Le Figaro", "BFM TV", "Libération.fr", AFP, DPA.


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