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Stern Crime: Stanley Adams war ein Held und Gentleman. War er auch ein Mörder?

Sein selbstloser Einsatz gegen Ungerechtigkeit und Korruption brachte Stanley Adams Ruhm und Bewunderung. Beauftragte derselbe Mann später aus Geldgier einen Killer damit, einen Menschen zu töten? Rekonstruktion eines ungewöhnlichen Falles.

Stanley Adams Teaser
Getty Images

Im August 1992 erschien in der britischen Zeitschrift "Overseas Jobs Express" ein ungewöhnliches Gesuch. Es richtete sich an "alle Söldner da draußen" und offerierte einen gut bezahlten und vertraulichen . Was nicht darin stand: Es war kein normaler Auftrag zu vergeben. Der Inserent suchte jemanden, der seine Ehefrau töten sollte.

Der Name des Auftraggebers wurde nicht genannt.

Er lautete Stanley Adams.

Rückblick: Adams war ganz oben, stürzte tief

Noch im Februar 1973 war jener Stanley Adams ganz oben: Verheiratet mit einer schönen Frau, Vater dreier Töchter, Bilderbuch-Karriere. Kurz zuvor war er zum "World Product Manager" des Basler Pharma-Konzerns Hoffmann-La , kurz Roche, befördert worden. Ein hoher Titel, der ein hohes Gehalt mit sich brachte.

Dann stieß der gebürtige Malteser auf illegale Preisabsprachen seines Arbeitgebers, die er nicht hinnehmen wollte. Er wendete sich vertraulich an die . Anschließend kündigte er, um sich in Italien mit einer industriellen Schweinezucht selbständig zu machen. Die Kommission ermittelte gegen Roche, der Pharmariese suchte daraufhin nach einem Verräter in seinen Reihen. Weil die Wettbewerbshüter in Brüssel nachlässig mit dem Informantenschutz umgangen, rückte Adams ins Fadenkreuz. Als er mit seiner Familie 1974 in die Schweiz einreiste, um dort Weihnachten zu feiern, wurde er verhaftet. Der Grund: Verdacht auf Wirtschaftsspionage.

Von da an ging es für den einstigen Topmanager bergab.

Als Stanley Adams im März 1975 auf Kaution aus der Haft freikam, stand er vor den Scherben seines Lebens: Seine Frau hatte sich aus Verzweiflung das Leben genommen, als er im Gefängnis saß. Den Tag ihrer Beerdigung verbrachte er in einem Gefangenentransporter. 

Adams Buch

Stanley Adams im Jahr 1981

Auch in Italien hatte er im Anschluss Ärger: Seinen Betrieb konnte er nicht eröffnen, weil sich Behörden und Banken verweigerten. Wegen Betrugsverdachts landete er auch dort zwischendurch erneut im Gefängnis. Adams hielt die Vorwürfe zumindest teilweise für "politisch motiviert". Sein Vermögen war inzwischen aufgefressen, sein Name in der Wirtschaft verbrannt. "Ich war nicht in der Lage, irgendwo noch einen Job zu bekommen, nachdem ich Roche gemeldet hatte", zog er Jahrzehnte später ein bitteres Fazit.

Mittellos ging Adams mit seinen Kindern nach Großbritannien, die Heimat seines schottischen Vaters.

Zurück im Sommer 1992: Antwort eines Söldners

Ein Mann namens Cox fühlte sich von dem Inserat im "Overseas Jobs Express" angesprochen. Cox hatte Referenzen. Er hatte im Nordirland-Konflikt in einer geheimen Einheit der britischen Armee gedient. Er konnte mit einer Waffe umgehen. Und Cox brauchte Geld. Also schickte er seinen Lebenslauf an das Magazin, zur Weiterleitung an den Inserenten.

Am 13. Oktober 1992 hatte Cox eine Antwort mit einem Angebot im Briefkasten: 10.000 Pfund für einen Fünf-Minuten-Job. Gegebenenfalls müsste er für den Auftrag in ein anderes Land in Europa reisen. Alle Auslagen würden erstattet.

Ein paar Tage später telefonierten beide Parteien erstmals miteinander. Adams gab sich Cox gegenüber als "Adam" aus. Er erzählte ihm, er wäre Arzt und nur der Mittelsmann für die eigentlichen Auftraggeber. Diese wären sehr vermögend und hätten eine Verwandte, die unheilbar an Krebs erkrankt sei und deren Ableben beschleunigt werden solle.

Cox fragte seinen Gesprächspartner: "Möchten Sie, dass diese Frau ermordet wird?"

Antwort: "Ja".

So steht es im 60 Seiten starken Gerichtsprotokoll, in dem die Ereignisse exakt von der Anklage rekonstruiert wurden. Es liest sich wie ein Thriller. Die Art und Weise, wie Cox den Job erledige, sollte ihm demnach selbst überlassen werden. Der ominöse Auftraggeber war nach der Sichtung von Cox' Lebenslauf sicher, dass dieser eine Schusswaffe handhaben und "akkurat schießen" könnte. Im Dezember 1992 sollte die Sache über die Bühne gehen. Vielleicht während eines Urlaubs in Süditalien. Dann sähe es wie ein Raubüberfall aus.

Der Ex-Soldat sagte zu. Die beiden verständigten sich darauf, dass "Adam" ihn bei Bedarf in einer öffentlichen Telefonzelle anrufen würde. Die Telefonate sollten zuvor schriftlich verabredet werden. Cox sollte an ein von "Adam" angemietetes Postfach in Yeovil schreiben, einer kleinen Stadt im Südwesten Englands. Adams selbst wohnte mit seiner Frau Deborah nicht weit entfernt in einem Dorf mit nicht ganz 600 Einwohnern. Es ist eine ruhige Gegend, beliebt bei Touristen. Sie wird durchzogen von grünen Hügeln und Moorlandschaften. Im Süden kann man die malerische Kreideküste bewundern, im Norden die berühmte "Cheddar-Schlucht", auch der gleichnamige Käse stammt aus der Region. Nicht weit entfernt ließ sich Arthur Conan Doyle im Dartmoor für "Der Hund von Baskerville" inspirieren.

Somerset

Blick auf eine Landschaft in der Grafschaft Somerset, in der Stanley Adams und seine Frau zum Zeitpunkt der Geschehnisse lebten. 

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Bereits bei der zweiten über das Postfach arrangierten Verabredung am 23. Oktober blieb der Apparat in der Telefonzelle jedoch stumm. Der Grund: Stanley Adams alias "Adam" lag im Krankenhaus.

Auf dem Weg zu dem Telefonat hatte er einen Autounfall gehabt. Seine Frau wusste nicht, dass er unterwegs war, um ihre Ermordung zu planen. Sie dachte, er wäre losgefahren, um Besorgungen zu machen.

Cox wurde unruhig. Er schrieb mehrere Briefe an "Adam". Er wusste ja nicht, warum der nicht angerufen hatte und befürchtete der Job wäre abgesagt. Am 17. November schrieb ihm Stanley Adams aus dem Krankenhaus. Die Sache werde wie geplant durchgezogen, hieß es in dem Schreiben. Wegen des Unfalls würde sich alles nach hinten verlagern. Aber, so versicherte "Adam": "Wir machen es so schnell wie möglich".

In den 1980ern wurde Adams zum Helden im Kampf gegen Korruption

Der Mann, der es dem Gerichtsprotokoll nach nicht abwarten konnte, seine Frau umbringen zu lassen, genoss zu diesem Zeitpunkt in der britischen Öffentlichkeit ein Helden-Image. Das "Independent Magazine" nannte ihn gar einen "Superstar". Adams kostete das aus. Dieses hohe öffentliche Ansehen war quasi sein Kapital. Es war das einzig wertvolle, das Stanley Adams nach der Roche-Affäre neben seinen Töchtern geblieben war. Dass er im Kampf gegen Korruption alles verloren hatte, hatte ihm international einigen Ruhm eingebracht.

Die Presse feierte ihn als David, der es mit einem übermächtigen Gegner aufgenommen hatte. Einflussreiche Labour-Politiker sammelten Spenden für ihn. Der ehemalige Lordkanzler Großbritanniens schrieb das Vorwort zu seinem Buch "Adams vs. Roche". Es verkaufte sich gut, wurde mit dem "Valiant for Truth Award" ausgezeichnet. Die Geschichte wurde fürs Fernsehen verfilmt. Und die Studenten der altehrwürdigen St.-Andrews-Universität - dem "schottischen Oxford", wie Adams es stolz nannte - wählten ihn 1985 für drei Jahre zu ihrem Rektor - eine Ehre, die vor ihm Persönlichkeiten wie Rudyard Kipling, Fridtjof Nansen und John Cleese zuteil wurde. Nach der Amtszeit verlieh ihm die Uni einen Doktortitel.

Ebenfalls 1985 verurteilte der Europäische Gerichtshof in Luxemburg die Europäische Kommission dazu, Adams einen Teil des finanziellen Schadens zu ersetzen, den er durch seine Identifizierung als Informant erlitten hatte. Die Parteien sollten sich auf eine Summe verständigen. Das finale Angebot der Kommission lag weit unter dem, was Adams gefordert hatte und gebraucht hätte. Mit der Aussicht auf ein neuerliches jahrelanges Verfahren akzeptierte er es jedoch zähneknirschend.

Der charmante, charismatische und intelligente Whistleblower bediente das Image des Helden perfekt. Er sagte einmal, er hasse nichts mehr als "selbstgerechte Heuchler, die sich als Tugendbolde inszenieren". 

Unter seinen Bewunderern in England war auch die junge Lektorin Deborah. Sie betreute Adams bei seinem Buch. Die Mittdreißigerin und der mehr als 20 Jahre ältere Mann verliebten sich ineinander und heirateten.

Ihre Eltern waren allerdings alles andere als begeistert von ihrem neuen Schwiegersohn. Die Abneigung ging so weit, dass sie ihre Tochter wegen der Ehe enterbten. Stattdessen wollten sie alles ihrem einzigen anderen Kind Charles hinterlassen. Adams setzte Deborah danach unter Druck: Sie sollte Charles und dessen Frau Jennifer überreden, ihr einen Teil des Erbes zu überschreiben. Charles weigerte sich.

Adams 1

Briefe von Stanley Adams, Presseartikel über den Fall, Adams' Buch und das Gerichtsprotokoll 

Deborah stand trotz der Bedenken ihrer Familie zu ihrem Mann. Auch, als die englische Presse unliebsame Details über ihn ausgrub: Etwa, dass er seinen Namen 1950 von Stanislao Formosa in Stanley George Adams geändert hatte. Weitere biografische Details sollten den Berichten nach ebenfalls nicht stimmen, darunter Angaben über seine Eltern und sein Oxford-Studium. Und noch etwas kam heraus: Adams war in seinem Geburtsland Malta bereits verheiratet. Die Ehe wurde nie geschieden. Aber noch immer war Deborahs Liebe unverbrüchlich. Sie heiratete Stanley, nachdem dieser sich von der Malteserin scheiden ließ, sogar ein zweites Mal, wie sie dem "Independent Magazin" später erzählte.

1992: Erste Nachlässigkeiten, erstes Misstrauen

Bei seinem Unfall im Oktober 1992 hatte sich Adams schwer verletzt. Er lag zwei Monate im Krankenhaus. In dieser Zeit gingen weitere Briefe zwischen ihm und Cox hin und her. Adams versicherte dem Söldner, die "Auftraggeber" würden für sämtliche bisherigen Auslagen aufkommen. Dennoch war er verstimmt, weil Cox 700 Pfund für einen "Gegenstand" ausgegeben hatte. Vor Gericht wurde davon ausgegangen, dass von einer Waffe die Rede war.

Nach seiner Entlassung musste sich Adams ambulant weiteren Untersuchungen unterziehen. An einem Tag begleitete Deborah ihn zu einer Röntgenuntersuchung ins Krankenhaus. Während sie draußen wartete, hatte sie seine Jacke in der Hand. Darin fand sie zwei Briefe von Cox - einer war handgeschrieben, einer mit der Maschine getippt. Das handschriftlich verfasste Schreiben war Cox’ Antwort auf die Veröffentlichung im "Overseas Jobs Express". Deborah wurde stutzig. Stanley erzählte ihr, er würde ein Buch über Söldner planen. Für die Recherche hätte er Gesprächspartner gesucht. Deborah gab sich mit der Antwort zufrieden.

Später, etwa zehn Tage nach Adams Entlassung aus dem Krankenhaus, kam jedoch ein weiterer Brief. Er war an die Klinik adressiert und weitergeleitet worden. Deborah öffnete ihn, da Stanley oben im Haus war. Der Absender war erneut Cox, der sich bei ihrem Mann darüber beschwerte, wegen des Jobs so lange nichts von ihm gehört zu haben und dringend um Rückmeldung bat. Deborah stürmte nach oben und konfrontierte ihren Mann mit dem Brief. Adams erzählte ihr diesmal eine andere Geschichte: Er wäre seit Monaten depressiv, auch wegen ihrer angespannten finanziellen Lage. Er hätte darüber nachgedacht, sein Leben von einem Auftragskiller beenden zu lassen, damit sie nach seinem Tod versorgt wäre. Nach dem Unfall hätte er dieses Vorhaben allerdings verworfen.

Deborah war erschüttert, glaubte ihm jedoch. Sie beschwor ihren Mann, sagte ihm, dass sie und die Kinder ihn liebten und dass sie alles gemeinsam durchstehen würden. Selbst wenn sie in einer Sozialwohnung leben müssten. Adams zerriss die Briefe und warf sie in den Müll.

Um sich von den Strapazen und Aufregungen zu erholen, plante das Paar nun auch den von Adams gegenüber Cox bereits mehrfach ins Spiel gebrachten Urlaub. Sie entschieden sich für die griechische Insel Kos. Adams schrieb an Cox und informierte ihn darüber. Er riet ihm dazu, wegen seines Gepäcks nicht zu fliegen. Bahn- und Fährtickets hätten außerdem den Vorteil, dass kein Name darauf stehe. Vor Gericht gab Adams später zu, dass er sich mit dem Gepäck-Hinweis auf eine Schusswaffe bezogen hatte.

Cox wollte seinerseits wissen, wie er bezahlt werden sollte. Außerdem benötigte er ein Foto seiner Zielperson.

Adams schickte ihm in der Zwischenzeit einen Umschlag mit 400 Pfund für Auslagen und eine Broschüre mit Infos zum anvisierten Urlaubsort. Außerdem beschrieb er die "kranke" Frau, die getötet werden sollte: In ihren Vierzigern, knapp 1,70 Meter groß, schmal, blasser englischer Teint, braune Haare, Brillenträgerin - eine ziemlich genaue Beschreibung von Deborah. Für den Fall, dass Adams sie im fraglichen Moment gerade nicht begleitete, würde er Cox noch Details zum Mietwagen übermitteln - als weiteres Erkennungszeichen. 

Zu Hause bat er Deborah darum, ein paar Negative von Fotos von ihr herauszusuchen. Er sagte ihr, dass er Abzüge davon für seinen Nachttisch machen wollte. Er müsste schließlich gerade viel Zeit im Bett verbringen.

Temple Meads

Der Bahnhof Temple Meads in Bristol. Hier traf sich Adams erstmals persönlich mit dem Söldner

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Um letzte Details zu besprechen, vereinbarten Adams und Cox schließlich erstmals ein persönliches Treffen. Es fand am 28. April 1993 um 11 Uhr statt. Sie wählten als Treffpunkt eine Bar am "Temple Meads", dem trubeligen Hauptbahnhof des nahegelegenen Bristol.

Adams, der wegen seiner Verletzungen noch immer nicht selbst fahren konnte, ließ sich von einem ihm bekannten Taxifahrer chauffieren. Deborah erzählte er, der Bekannte müsste ohnehin nach Bristol und Bath, um Lieferungen zu machen. Er selbst würde mitfahren, um mal wieder rauszukommen. Deborah erwartete Stanley zum Mittagessen zurück. Sie ahnte nicht, dass er losfuhr, um die letzten Details für ihre Ermordung zu besprechen.

In der Bar fragte Cox seinen Auftraggeber direkt: "Möchten Ihre Auftraggeber immer noch, dass die Frau beseitigt wird?"

"Definitiv."

Cox fragte weiter: "Ist die Frau noch immer krank?"

"Ja, sie hat, was ich ihnen gesagt habe."

"Sie hat noch Krebs, ja?"

"Ja, aber wenn man sie sieht, würde man es nicht vermuten."

Adams gab noch einmal die Beschreibung seiner Frau ab, versprach erneut Fotos. Cox drängte ihn, die Bilder so schnell wie möglich zu besorgen. Er wollte außerdem wissen, ob es stimme, dass die Frau verheiratet wäre. Adams’ Antwort: "Ja, aber ohne Kinder".

Die Männer tranken Kaffee. Adams erwähnte, dass Deborah ihre Geldbörse immer in ihrer Handtasche bei sich hätte. Das wäre wichtig zu wissen, es sollte ja wie ein Raubüberfall aussehen. Adams sagte, dass er lieber nicht dabei wäre, wenn der Auftrag ausgeführt wurde. 

Sie erörterten, wo Cox am besten zuschlagen könnte. Am Strand etwa. Oder in der Stadt, wenn Deborah sich eine englische Zeitung besorgen wollte. Als alles geklärt war, gingen Auftraggeber und Auftragsmörder auseinander.

Möchten Ihre Auftraggeber immer noch, dass die Frau beseitigt wird?

Definitiv.

Dann geschah etwas Überraschendes: Stanley Adams wurde noch auf dem Bahnhof verhaftet.

Was er nicht wusste: Irgendwann im Dezember 1992 war Cox zur Polizei gegangen. Danach überwachten die Beamten die komplette Kommunikation zwischen den beiden. Briefe wurden kopiert, Cox bekam einen Kassettenrekorder. Damit zeichnete er das Telefonat am 4. Februar auf. Und er trug den Apparat auch am "Temple Meads" eingeschaltet bei sich.

Als Deborah von der Polizei von dem Komplott erfuhr, glaubte sie es zunächst immer noch nicht. Bis die Beamten ihr den Brief mit der Beschreibung zeigten, die exakt auf sie zutraf.

Adams selbst stritt die Vorwürfe ab. Den Kontakt zu Cox konnte er aber nicht leugnen. Seine Erklärung - bereits die nunmehr dritte Geschichte - lautete: Er hätte seiner Schwägerin Jennifer Angst einjagen wollen. Adams hätte sie als Hauptschuldige dafür ausgemacht, dass Deborahs Bruder sich weigerte, ihr etwas vom Erbe zu überschreiben. Und tatsächlich war Jennifer einmal an Krebs erkrankt, das war allerdings rund 30 Jahre her. Außerdem war sie zehn Jahre älter als Deborah, kleiner und hatte dunkles Haar. Sie trug keine Brille, höchstens hin und wieder eine Lesebrille. Die Beschreibung passte also nicht. Und: Jennifer war nie zu dem Griechenland-Urlaub eingeladen worden.

Bei den Ermittlungen kam zudem heraus, dass Stanley die Policen für Deborahs Lebensversicherungen heimlich auf etwa 500.000 Pfund erhöht und so umgewandelt hatte, dass sie nur im Todesfall ausgezahlt wurden. Er sagte, er wollte dass die Kinder im Notfall versorgt wären. Sie sagte, dass Stanley Versicherungen immer für Geldverschwendung gehalten hatte. Außerdem waren seine Finanzen in schlechterem Zustand, als er ihr gegenüber angegeben hatte. Adams lebte von staatlicher Unterstützung, seine Konten waren überzogen. Aber er brauchte Geld. Er galt als Mann mit extravagantem Geschmack und einer Vorliebe für große Autos. Bevor die Roche-Affäre sein Vermögen auffraß, war er Jaguar gefahren. Es gab kaum ein öffentliches Foto von ihm, auf dem er keinen eleganten Anzug trug.

Zum dritten Mal im Gefängnis, fast zum zweiten Mal Witwer

Vor Gericht versuchte er dann noch, Cox als unglaubwürdigen Zeugen zu präsentieren. Tatsächlich blieben Cox’ Motive weitgehend im Unklaren. Ob er tatsächlich vorhatte, den Auftrag auszuführen etwa. Oder warum er letztlich zur Polizei gegangen war. Aber für die Anklage war beides ohnehin unerheblich. Die Ermittler interessierte nur, ob Stanley Adams wirklich einen Auftragsmörder dazu bringen wollte seine Frau zu töten. Und diesbezüglich war für die Strafverfolger aufgrund der Beweislage der Fall klar: "Die unvermeidbare Schlussfolgerung ist, dass der Angeklagte Cox zum Mord anstiften wollte", steht im Gerichtsprotokoll. Es folgt die Ergänzung: "Zum Mord an seiner Frau". Die Jury im Bristol Crown Court folgte am 14. März 1994 der Anklage und befand Adams einstimmig für schuldig. Daran änderte auch der Umstand nichts, dass zwei angesehene Männer aus der Gemeinde seinen guten Charakter bezeugten.

Der Richter sagte in der Urteilsverkündung: "Niemand, der die Vorgänge hier vor Gericht verfolgt hat, kann zu einem anderen Schluss kommen, als dass dies ein bösartiger, kalkulierter und verachtenswerter Akt war, um das Leben Ihrer Frau für einen beträchtlichen finanziellen Gewinn zu beenden." Die Strafe lautete zehn Jahre Haft.

So landete Stanley Adams in seinem Leben zum dritten Mal im Gefängnis, nachdem er beinahe ein zweites Mal zum Witwer geworden wäre. Die Begleitumstände all jener Ereignisse hätten nicht unterschiedlicher sein können.

Nach fünfeinhalb Jahren wurde er vorzeitig aus der Haft entlassen. Deborah hatte sich während des Gefängnisaufenthalts von ihm scheiden lassen. Zwei seiner drei Töchter wollten nichts mehr von ihm wissen, erinnert sich eine ehemalige Weggefährtin, die Adams als Mitarbeiterin einer sozialen Einrichtung im Gefängnis kennenlernte. Ihr gegenüber gab Adams als Motiv für den geplanten Mord eine angebliche Affäre seiner Frau an.

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Die letzten anderthalb Jahrzehnte seines Lebens verbrachte das gefallene Idol allein in einem kleinen Bungalow in einer Sozialsiedlung in Weymouth, einem Badeort an der englischen Südküste. Ein "jämmerliches Dasein", beklagte er. Befragt nach seiner Vergangenheit, sprach er gern und ausführlich über seinen Kampf gegen Roche und die Europäische Kommission. Über die düstere Episode mit Deborah wollte er dagegen kaum mehr als ein paar Worte verlieren.

Cathy, seine letzte Nachbarin, sagte über ihn: "Stanley ging jeden Tag raus, um den Bus in die Stadt zu erwischen. Langsam schlurfend, immer im selben alten Mantel, ob Winter oder Sommer - entweder war es sein liebster oder sein einziger." Im September 2016 hätte sich sein Zustand verschlechtert. Ende 2016 verstarb er im Alter von fast 90 Jahren.

Sonst wusste Cathy nichts über das Leben des Mannes im Bungalow nebenan. Sie kannte weder das Kapitel über Roche, noch das über Deborah. Sie erinnerte sich nur an einen alten Mann, der Tag für Tag vor ihrem Küchenfenster vorbei schlenderte und stets höflich grüßte.


stern-Redakteur Patrick Rösing kam erstmals 2009 während seines Studiums mit Stanley Adams in Berührung. Damals rekonstruierte er den Fall Roche mit Kommilitonen und seinem Professor für das studentische Projekt "DokZentrum ansTageslicht".

Natürlich wollten sie auch mit Adams persönlich reden. Nur war der über 80-Jährige mittlerweile von der Bildfläche verschwunden - oder vielleicht sogar tot. Nach längerer Suche fand Rösing Adams im Südwesten Englands. Sie telefonierten und schrieben sich mehrfach. Dann brach der Kontakt ab. Weil ihn der Fall nie so recht losließ, versuchte Rösing erneut, Adams anzurufen - erfolglos. Ein Brief, den er ihm im Anschluss schickte, kam ungeöffnet zurück. Der Empfänger sei verzogen, stand darauf. Im Anschluss kontaktierte Rösing Adams' Nachbarn. Von der Frau im Haus nebenan erfuhr er, dass Stanley Adams in der Zwischenzeit verstorben war.