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Urteil: "Talent" schützt vor Strafe nicht

Vierzig gelungene oder versuchte Banküberfälle brachten ihm den Titel "König der Bankräuber" ein. Nun muss der hochintelligente Jan Zocha auf unabsehbare Zeit ins Gefängnis.

Das Bild vom höflichen Gentleman-Gangster wollte das Gericht Jan Zocha nicht abkaufen. Lange hatte der als "König der Bankräuber" berüchtigte 38-Jährige auf der Anklagebank dieses Bild selbst demontiert. Demonstrativ hatte er die Strafkammer des Landgerichts Düsseldorf in den vergangenen drei Monaten keines Blickes gewürdigt, war sitzen geblieben, als die Richter den Saal betraten, hatte ihre Fragen schlicht ignoriert. Am Mittwoch erhielt Zocha die juristische Quittung: Zwölf Jahre Haft samt anschließender Sicherungsverwahrung für 14 Banküberfälle in den Jahren 2002 und 2003. Regungslos, den Kopf auf der Tischplatte, nahm der mehrfach vorbestrafte Serientäter den Urteilsspruch zur Kenntnis - in seiner Panzerglas-Kabine umringt von sechs Bewachern.

Das Gericht hatte es mit einem ganz ungewöhnlichen Angeklagten zu tun: Mit einem Intelligenzquotienten von 135 außergewöhnlich hoch begabt, sechs Sprachen sprechend - und dennoch mit der Karriere eines klassischen Berufskriminellen - mehrere einschlägige Vorstrafen, bereits mehr als 13 Jahre hinter Gittern, zwei Ausbruchversuche, stets rückfällig geworden.

"Gentleman-Bankräuber" oder nicht?

Vergeblich hatten Zochas Anwälte versucht, wenigstens die drohende Sicherungsverwahrung abzuwenden, die den gebürtigen Hamburger auf unabsehbare Zeit ins Gefängnis bringen wird. Auch das späte, überraschende Geständnis war am Ende zu wenig. Mit seinen Schreckschusspistolen habe Zocha nie jemanden wirklich verletzen können und wollen, argumentierten die Verteidiger. Als ihm eine ältere Dame bei einem Überfall ihr Erspartes anbot, habe er sogar dankend abgelehnt. Von einer Gefahr für die Allgemeinheit könne bei Zocha keine Rede sein.

Das Gericht verwies dagegen auf die zahlreichen traumatisierten Opfer der Überfälle, die in Behandlung mussten und sich versetzen oder vorzeitig pensionieren ließen. "Es spielt keine Rolle, ob ein Täter höflich ist, wenn er einem dabei eine Waffe vorhält, von der man ausgeht, dass sie echt ist", sagte die Vorsitzende Richterin Monika Berger.

Auch das ruhige, besonnene Vorgehen bei den Überfällen stufte das Gericht nicht als Mitgefühl und Menschenfreundlichkeit ein, sondern als rationales Kalkül: Zocha habe vor allem schnell und effizient zuschlagen wollen. Immerhin habe der Gangster bei seinen beiden letzten Festnahmen stets eine scharfe, geladene und entsicherte Schusswaffe bei sich getragen.

Ein Krimineller mit vielen Talenten

Mit seinen Talenten, so hatte eine psychiatrische Gutachterin bescheinigt, hätte Zocha genauso gut Flugzeugpilot werden können. Dass es anders kam, mag an der "sehr unglücklichen Kindheit und Jugend" gelegen haben, hielt ihm das Gericht zu Gute. Der notorisch gewalttätige Vater hatte die Mutter und sich selbst erschossen, als Zocha acht Jahre alt war. Es folgte eine Odyssee durch Pflegefamilien und Heime, an deren Ende der junge Zocha schon deutlich auffällig war und seine ersten Straftaten beging.

Als meist gesuchter Bankräuber Deutschlands war Zocha lange die "Nummer Eins" auf der Fahndungsliste des Bundeskriminalamtes. Insgesamt hatte er es auf 40 versuchte oder geglückte Banküberfälle gebracht. "Bemerkenswert" sei auch sein letzter Ausbruchversuch vor gut einem Jahr im Sauerland gewesen, befand die Richterin: Mit 23 Diamantfeilen hatte der notorische Gangster sein Zellengitter zersägt und mit einer vier Meter langen Konstruktion aus Stoff und Möbelteilen die meterhohe Außenmauer erklommen, auf der er in letzter Sekunde gestoppt wurde.

Frank Christiansen/DPA / DPA
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