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Urteil gegen Anders Behring Breivik: Der Massenmörder grinst nicht mehr

Mit seinem Grinsen quittierte Anders Behring Breivik das Urteil. Nach sieben Stunden Urteilsverkündung verging dem Terroristen das Lachen. Das Ende des Prozesses hatte er sich so nicht vorgestellt.

Von Swantje Dake, Oslo

Nach sieben Stunden Urteilsverkündung hat der Angeklagte das Wort. So ist es in jedem Prozess - und für Anders Behring Breivik werden keine Ausnahmen gemacht. Richterin Wenche Elizabeth Arntzen schaut Breivik an. Drei Wahlmöglichkeiten habe er: Er könne das Urteil anerkennen, er kann Berufung ankündigen oder sich Bedenkzeit erbeten.

Breivik war gut vorbereitet, auf diese Minute. Nach 43 Prozesstagen wollte er nochmal die Hauptrolle spielen. Das war von Anfang an sein Plan. Und wieder hat es ihm Richterin Arntzen vermasselt, wie schon so oft in diesem Prozess. Als Breivik lamentiert, er erkenne das Gericht nicht an und er könne daher auch nicht in Berufung gehen, verengen sich die Augen von Arntzen zu Schlitzen. Sie beobachtet den Terroristen. "Und dann will ich mich noch bei allen militanten Nationalisten entschuldigen …", sagt Breivik mit seinem dünnen Stimmchen. Weiter kommt er nicht mehr. Arntzen dreht ihm das Mikrofon ab, wendet sich an Breiviks Anwalt. "Ich bewerte das so, dass er sich Bedenkzeit nimmt."

Das will Breivik wiederum nicht stehen lassen. Lippestad redet auf ihn ein. Das Wort erhält Breivik nicht mehr. Entnervt und kurz angebunden sagt Breivik: "Ich gehe nicht in Berufung." Er wirkt genervt, als ihm die Handschellen angelegt werden und er abgeführt wird. Ab nun sitzt er seine Strafe ab: 21 Jahre Gefängnis, die Höchststrafe im norwegischen Gesetz. Eine Sicherungsverwahrung wird sich anschließen.

Ein letzter rechtsextremer Gruß

Diesen letzten Akt hatte sich Breivik so nicht vorgestellt. Dabei lief zu Beginn des Urteilstages alles nach seinem Plan. Als ihm die Handschellen abgenommen werden, führt er die rechte Hand als Faust an die Brust. Dort, wo das Herz sitzt, streckt Breivik den Arm dann schnell von sich. Sein rechtsextremer Gruß - ein letztes Mal. Dutzende Kameras klicken. Einige Angehörige lachen laut auf. Es klingt fast verächtlich. Jemand zischt: "Gibt es nicht schon genug Bilder von ihm?"

Für das Urteil hat sich Breivik nochmal rausgeputzt. Im schwarzen Anzug, grauen Schlips und weißem Hemd steht er zwischen seinen Anwälten Geir Lippestad und Vibeke Hein Bæra. Das blonde, dünne Haar zum strengen Scheitel gegelt. Der Bart verläuft dünn an der Kinnkante wie ein Rahmen für dieses stets teigig wirkende Gesicht. Breivik versucht, ruhig und entspannt zu wirken. Aber das Blinzeln verrät: Er ist ebenso angespannt wie alle anderen Anwesenden im Saal 250 des Osloer Gerichts.

Ein Grinsen für die Höchststrafe

In wenigen Minuten wird er sein Urteil hören. Zur Last gelegt werden ihm: Ein Bombenanschlag im Regierungsviertel der norwegischen Hauptstadt mit acht Toten am 22. Juli 2011. Ein Massaker im Ferienlager der Jugendorganisation der Arbeiderpartiet auf der Insel Utøya mit 69 Toten. Breivik ist geständig, doch eigentlich will er als freier Mann das Gericht verlassen. Er habe in Notwehr gehandelt. Er müsse die drohende Überfremdung des Landes stoppen. So die Argumentation des Islamhassers.

Aber dem 33-Jährigen ist auch klar, dass die Richter einen Freispruch nicht mal in Erwägung ziehen. Sie entscheiden zwischen zurechnungsfähig oder nicht. Zwischen Gefängnis oder Psychiatrie. Zwei Richter und drei Laienrichter haben darüber zwei Monate beraten. Jetzt geht Elizabeth Wenche Arntzen mit schnellen Schritten zu ihrem Platz. Sie wird gleich ein historisches Urteil sprechen, und ein ganzes Land schaut auf die grauhaarige, zierliche Frau, deren Gesichtsausdruck stets so bestimmt, deren Stimme immer fest war.

"Das Urteil fiel einstimmig aus", sagt Arntzen. Dann rattert sie einige Paragrafen runter, monoton und so schnell, als ob sie endlich damit fertig werden möchte. Und fast gehen dabei die wichtigsten Worte unter: Anders Behring Breivik erhält die Höchststrafe. Das sind in Norwegen 21 Jahre. Frühestens nach zehn Jahren könnte über eine Freilassung entschieden werden. In Breiviks Fall ist das hypothetisch. Viel wahrscheinlicher ist, dass eine anschließende Sicherungsverwahrung alle fünf Jahre verlängert wird. Breivik lächelt. Eigentlich ist es nur der rechte Mundwinkel, der sich nach oben zieht. Ein überlegenes Grinsen. Er bekommt das Urteil, das er wollte: zurechnungsfähig.

Stille Akzeptanz und bittere Tränen

Im Saal 250 klicken die Objektive der Kameras, die Tastaturen der Journalisten. Die Eltern, Geschwister und Freunde der Toten reagieren still auf das Urteil. Kein Jubel, kein Aufschrei, keine Seufzen der Erleichterung. Es ist ein stilles Akzeptieren des Urteils. Aber ein zufriedenes.

Doch diese Erleichterung ist nur von kurzer Dauer. Ein Glücksgefühl kann sie bei niemandem auslösen. Die Angehörigen hatten größtenteils auf dieses Urteil gehofft. Sie wollten, dass er die Verantwortung für seine Taten übernehmen muss. Nicht, dass Breivik in der Psychiatrie behandelt wird und irgendwann als geheilt entlassen werden kann.

Die Niederlage der Staatsanwaltschaft

Aber schon wenige Minuten später weicht diese Zufriedenheit, der viel größeren Trauer. Die wird in der sechststündigen Urteilsbegründung erneut angefacht. Denn Wenche Elizabeth Arntzen und ihr Kollege Arne Lyng gehen chronologisch das gesamte Attentat noch einmal durch. Breiviks Bombenbastelei, seine Anfahrt zur Insel, jedes Todesopfer, jeden Schuss, jede Operation der Verwundeten. Die Stimmung im Saal wird zunehmend bedrückend. Tränen fließen. Jemand schluchzt. Ehemänner versuchen ihre Frauen zu trösten, Eltern ihre Kinder. Sie hoffen, dass es ein letztes Mal ist, dass sie diese grausamen Details hören müssen. Doch bis zum Nachmittag bleibt die Ungewissheit. Denn das Urteil widerspricht dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft. Inga Bejer Engh und Svein Holden hatten die Einweisung in die Psychiatrie empfohlen. Die Zweifel, ob der Attentäter zurechnungsfähig ist oder nicht, seien zu groß und es sei besser, einen Gesunden in die Psychiatrie zu überweisen, als einen Kranken ins Gefängnis.

Ein gutes Urteil

Bejer Engh und Holden verfolgen mit starren Mienen die Urteilsverkündung. "Das Urteil ist gut", sagen sie später. Doch ihre Körpersprache sagt etwas anderes. Bejer Engh starrt ausdruckslos in den Raum. Holden notiert viel. Beide sehen unzufrieden aus. Richterin Arntzen zerpflückt das zweite Gutachten, auf das sie gesetzt haben, über Stunden. Holden bittet direkt nach der Urteilsverkündung um Bedenkzeit. Doch die zwei Wochen schöpft er nicht aus. Schon wenige Minuten erhält er vom Oberstaatsanwalt via Telefon die Order: keine Berufung.

Eine Erleichterung für die Angehörigen und Opfer. "Jetzt können wir mit all dem endlich abschließen", sagt Eivind Dahl Thoresen. Er wurde durch die Explosion im Regierungsviertel schwer verletzt. Auch wenn für ihn - wie für so viele - war der Prozess wichtiger als das Urteil, aber die Erleichterung ist ihm anzusehen.