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Skandal um obszöne Nachrichten: Frauen als Freiwild: Die bitteren Lehren aus dem Fall Sigi Maurer

Der Fall der österreichischen Ex-Politikerin Sigrid "Sigi" Maurer zeigt die Schwierigkeiten, denen Frauen in ihrem Kampf um Sicherheit im Netz begegnen. Und es ist noch lange nicht vorbei: Sie wird weiterhin hasserfüllte, beleidigende, bedrohende Nachrichten erhalten.

Frauen als Freiwild: Die bitteren Lehren aus dem Fall Sigi Maurer

Österreich, Wien: Sigrid Maurer (l.), ehemalige Abgeordnete im Nationalrat für die Grünen, spricht mit ihrer Anwältin Maria Windhager während einer Gerichtsverhandlung

Es ist noch lange nicht vorbei für Sigrid "Sigi" Maurer. Denn jetzt kriechen die Trittbrettfahrer aus ihren Löchern, einer nach dem anderen, feixend und in den trüben Gewässern ihrer fragmentierten Seelen nach verstörenden Gewaltfantasien fischend.

"So du kleine Nutte, jetzt hör mal zu. Du kannst meinen Schwanz lutschen", schrieb ein Unbekannter gleich nach dem Urteil an Maurer. Er drohte weiter: "Und dann fick ich dich in den Arsch damit". Es sind fast die gleichen Sätze wie jene, die vom Facebook-Account eines Wiener Bierhändlers im Frühling dieses Jahres an die 33-jährige ehemalige Grünen-Politikerin geschickt wurden. Verstörende, strafrechtlich jedoch nicht relevante Nachrichten, die Maurer einschließlich des Namens des von ihr angenommenen Absenders veröffentlichte, um auf diesen blinden Fleck des Rechtssystems hinzuweisen. Am 9. Oktober wurde sie vor dem Wiener Straflandesgericht wegen übler Nachrede (nicht rechtskräftig) verurteilt.

Die Nachricht von "Observer", wie sich der unbekannte Absender nennt, ist nur eine der Drohungen, die Maurer dieser Tage erreicht. Viele fühlen sich durch das Urteil ermutigt und lassen ihrer Niedertracht freien Lauf. Ungewiss bleibt, ob einer der Absender – die nicht identifizierte Person, an deren Nachrichten sich der Fall entzündete, eingeschlossen – ob einer dieser Menschen also vorhat, seine Fantasien in die Tat umzusetzen. Mit dieser Ungewissheit bleibt Sigi Maurer, wenn die Kameras aus und die Schreibblocks zugeklappt sind, allein.

Diese E-Mails werden noch für Jahre zu Sigi Maurers Alltag gehören

Es ist kaum zu erfassen, welche Kraft es diese junge Frau gekostet haben muss, ihren Weg bis hierher zu gehen – und weiter: Sigi Maurer geht in Berufung, wenn es sein muss, bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, wie sie gemeinsam mit ihrer Anwältin Maria Windhager ankündigte. Es ist möglich, dass sie auch in letzter Instanz verliert. Das Strafrecht lässt ihr nur wenig Raum, sagen Experten. Sie hätte etwa schreiben müssen "Vom Facebook-Account des Herrn XY haben mich folgende Nachrichten erreicht", dann wäre ihr Fall möglicherweise ein anderer. Sie schrieb jedoch dem Sinn nach: "XY selbst hat mir diese Nachrichten geschickt". Sie habe sich nicht vergewissert, führte der Richter in seiner Urteilsbegründung aus, dass der Mann tatsächlich auch der Absender der bedrohlichen Beleidigungen ist. Sie habe – als Inhaberin ihres Social-Media-Accounts – nicht die nötige journalistische Sorgfalt walten lassen, ihre Behauptung zu belegen. Sie hätte etwa den Absender kontaktieren müssen, um seine Identität zu klären. Maurers Beweisführung – unter anderem, dass die auffällige Interpunktion der bewussten Nachrichten der von anderen, vom Inhaber des Accounts verfassten Nachrichten entspricht – ließ der Richter nicht gelten. 

Sie wird weiterhin hasserfüllte, beleidigende, bedrohende Nachrichten erhalten. E-Mails wie die eingangs zitierte werden noch für Jahre zu Sigi Maurers Alltag gehören, denn so lange wird ihr Weg durch die Instanzen dauern. Die neueste Hassnachricht postete sie auf ihrem Twitter-Account, versehen mit der ironischen Antwort: "Sehr geehrter Herr Observer, um meiner journalistischen Sorgfaltspflicht nachzukommen, bitte ich Sie, mir einen Nachweis Ihrer Identität (Foto vom Ausweis reicht), sowie eine Bestätigung zuzusenden, dass Sie untenstehendes E-Mail tatsächlich selbst verfasst und versendet haben."

Sie ist chancenlos gegen den unbekannten Verfasser. Er weiß es, sie weiß es. Meine Bewunderung für Sigi Maurer angesichts ihrer Standhaftigkeit, ihres Muts und ihrer Ironie kennt kaum Grenzen.

Was es mit Frauen macht

Das Urteil mag juristisch begründet sein – was es anrichtet, kann noch gar nicht erfasst werden. Wie viele Menschen sich nun ermutigt sehen werden, ihrerseits mittels Mausklick ihre Gewaltfantasien zu verbreiten, welche Traumata sie auslösen oder wieder hervorholen werden, wie viele Frauenstimmen im Netz noch verstummen werden, weil sie es nicht mehr ertragen – all das werden wir nie erfahren. 

Man kann und soll Sigi Maurer vielleicht sogar vorwerfen, dass sie übers Ziel hinausgeschossen ist, als sie den Namen ihres vermeintlichen Angreifers veröffentlichte. Sie selbst sagt, sie würde es heute anders machen. Und doch war es wichtig: Hat sie mit diesem Aufsehen erregenden Prozess doch öffentlich gemacht, was Frauen Tag für Tag im Netz erleben. Wie sie in unbekannter Zahl beleidigt, verunsichert, bedroht und vertrieben werden, wie die virtuelle Welt, in der alles besser sein könnte, doch nur die reale reproduziert.

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