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Tod des kleinen Joel-Rayan: Ein trauernder Vater appelliert an die Politik

Am Hamburger Hauptbahnhof hat ein 73-Jähriger beim Ausparken einen Vierjährigen getötet. Der Vater des Opfers versucht jetzt, dem Tod des Jungen wenigstens ein winziges Stück Sinn abzuringen: Er fordert ein Gesetz, das ältere Autofahrer zwingen soll, ihre Fahrtauglichkeit regelmäßig zu testen.

Von Nina Poelchau

Tragisch, plötzlich und schrecklich haben wir Dich verloren. Wir werden Dich nie wieder klingeln hören und wissen nicht, wie wir damit leben sollen", schreiben Katerina Schwarz und Heinz Hochwald in ihrer Zeitungsanzeige im "Hamburger Abendblatt" zum Tod des vierjährigen Joel-Rayan. Sie fühlen sich hilflos und verzweifelt. Sie wünschen sich, dass möglichst viele Menschen am Samstag zur Trauerfeier kommen, um mit ihnen Abschied zu nehmen. Und hoffen, dass sich möglichst viele der Initiative anschließen, die Heinz Hochwald gegründet hat. Der 47-Jährige will, dass fahruntüchtige Menschen aus dem Verkehr gezogen werden. Menschen wie der 73-Jährige Rentner, der den Unfall verursacht hat, bei dem Joel starb.

Eigentlich wollte sie ihr Kind schützen

Es war der 11. Mai, 13.30 Uhr, ein kühler Tag. Katerina Schwarz, 32, überquerte mit ihrem Bruder und dem kleinen Sohn den Vorplatz am Hamburger Hauptbahnhof, sie hat den Jungen an diesem Tag nicht in den Kindergarten geschickt; eigentlich, um ihn zu schützen. Die Kindergartengruppe sollte einen Ausflug zu einem Indoor-Spielplatz unternehmen, Joels Mutter fand das gefährlich: "Ich hatte Angst, dass er von einem Gerüst stürzt und sich die Zähne ausschlagen würde."

Sie wollten am Hauptbahnhof Fahrkarten für Joels Onkel besorgen, der zu Besuch in Hamburg war und in Tschechien lebt. Der Renault des 73-Jährigen raste plötzlich wie ein Geschoss in den Fußgängerbereich, auf die drei Menschen zu, Katerina Schwarz hielt ihren Sohn an der Hand. Das Auto schlug einen Eisenpoller um, es stoppte erst nach einigen Metern, an einer Mauer. Katerina Schwarz erinnert sich daran, dass sie ihren Bruder noch schreien hörte: "Vorsicht! Der hält nicht an!"

Dann waren da nur noch Dunkelheit. Und das Geräusch der Reifen, die sich drehten und drehten "wie eine Waschmaschine, die schleudert". Und Angst um Joel. Die Mutter wurde einige Minuten später schwer verletzt unter dem Auto hervorgezogen. Das Kind starb an der Unfallstelle.

Möglicherweise hatte der Fahrer in seinem Automatik-Fahrzeug das Gas- und das Bremspedal verwechselt, er war in Panik geraten und hatte dann noch mehr Gas gegeben. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen, ein technischer Defekt ist aber ausgeschlossen. Der 73-jährige und seine Frau, selbst Eltern eines erwachsenen Sohnes, sind laut ihrer Anwältin fassungslos und verzweifelt.

"Wir klagen die Politik an, nicht gehandelt zu haben"

Heinz Hochwald, der Vater des vierjährigen Jungen, fordert jetzt, dass die Gesetze in Deutschland geändert werden. Er sagte das in der Sendung bei Johannes Kerner, er hat im Radio gesprochen, er hat auf seiner kurz nach dem Unfall erstellten Homepage www.joel-rayan.de eine Umfrage zu dem Thema gestartet, er verlangt, dass die Politiker aus dem Tod des Jungen Konsequenzen ziehen. Er fordert: Bis zu einem Alter von 45 Jahren müsste alle zehn Jahre ein Eignungstest zur Pflicht werden, bis zu einem Alter von 70 Jahren alle fünf Jahre und ab 70 alle zwei Jahre.

Auf seiner Web-Seite schreibt er: "Wir klagen die Politik an, nicht gehandelt zu haben." Um Menschen finanziell zu unterstützen, die den Tod eines Kindes verkraften müssen, hat er außerdem ein Spendenkonto eingerichtet. Für den trauernden Vater geht es jetzt auch darum, nicht in Ohnmacht zu erstarren, seine Aktionen sind sicher auch als Versuch zu sehen, ein Stück Kontrolle im Leben zurück zu gewinnen. Schon jetzt gehen bei Hochwald und seiner Frau viele Anrufe ein, Briefe und E-Mails, in denen Menschen von tragischen Unfällen berichten, die ältere Verkehrsteilnehmer verursacht haben.

Der ADAC warnt allerdings davor, ältere Autofahrer zu diskriminieren. Der Automobilclub weist darauf hin, dass nur zehn Prozent der Verkehrsunfälle von Senioren über 60 Jahren verursacht werden. Für Heinz Hochwald ist das kein Argument, das seinen Forderungen widerspricht. Er sagt: Ein einziger Unfall hat genügt, um seine Welt zu zerbrechen.

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