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Trauer um getötete Studentin: Warum Tuğçe für uns zur Heldin wurde

Tausende Menschen weinen um die verstorbene Tuğçe - obwohl die meisten sie gar nicht kannten. Ein Psychologe erklärt, warum uns ihr Schicksal so stark bewegt.

Mahnwachen, Kerzen, Blumen - die Trauer um die junge Tuğçe scheint grenzenlos. Das Schicksal der Studentin ruft starke Emotionen hervor. Für den Offenbacher Psychologen Werner Gross zeigt sich in der großen Trauer der weit verbreitete Wunsch nach einer Heldin. "Jemand verhält sich so, wie es viele eben nicht tun." Diese Erkenntnis löse starke Emotionen aus und werde durch die Verbreitung in den sozialen Netzwerken noch multipliziert, sagte er.

Der Aufsehen erregende Fall begann ganz klein in einem Schnellrestaurant, einem Treffpunkt für junge Leute, spätnachts. Drinnen sollen junge Mädchen belästigt worden sein, die 22 Jahre alte Tuğçe kam ihnen zu Hilfe. Draußen auf dem Parkplatz kommt es später zu Tätlichkeiten. Tuğçe wird niedergeschlagen, sie stürzt, fällt ein Koma, aus dem sie nicht mehr erwacht. An ihrem 23. Geburtstag werden die Maschinen abgeschaltet.

Immer wieder wird bewundernd von dem Mut und der Zivilcourage der jungen Frau gesprochen - auch wenn zunächst gar nicht klar ist, wie sich das Geschehen genau abgespielt hat. Die Ermittlungsbehörden schweigen. Umso stärker sind die öffentlichen Beileidsbekundungen.

Tränen als Ventil

Für den Psychologen sind die öffentlich geweinten Tränen ein Ventil. "Wir sind alle voller Emotionen", sagt Gross. In den Trauerbekundungen vieler Menschen, die Tuğçe nie begegnet sind, sieht der Psychologe auch eine Kulturveränderung. Sei in der deutschen Tradition eigentlich eher stilles Gedenken üblich, stehe in anderen Kulturen öffentliches und sichtbares Trauern im Vordergrund.

Die bei einer Prügelattacke tödlich verletzte Studentin Tugce Albayrak wird am Mittwoch #link;http://www.stern.de/panorama/tugce-albayrak-trauerfeier-in-moschee-beisetzung-in-der-heimatstadt-2157121.html;nach einer Trauerfeier beigesetzt#. Auf dem Friedhof ihrer Geburtsstadt Bad Soden-Salmünster in Hessen wird die junge Frau nach islamischem Ritus auf einem Gräberfeld beerdigt. Bis zu 3000 Trauergäste werden erwartet.

Eine Ehrung für Tuğçe?

Auch nach dem gewaltsamen Tod des Geschäftsmanns Dominik Brunner, der sich 2009 in München schützend vor vier Schüler gestellt hatte und von zwei Angreifern zu Tode geprügelt worden war, hatte es bundesweite Trauer und heftige Debatten um Jugendgewalt gegeben. Posthum erhielt Brunner das Bundesverdienstkreuz, eine Münchner Straße wurde nach ihm benannt.

Bundespräsident Joachim Gauck will auf Vorschlag von Ministerpräsident Bouffier prüfen, ob auch Tuğçe für ihre Zivilcourage geehrt werden soll. Eine Petition dafür hat bis Dienstag rund 160.000 Unterstützer im Internet gefunden. Dort heißt es: "Danke Tuğçe - Du hättest, auch wenn es dich nicht mehr zum Leben erweckt, eine Auszeichnung durch unsere Regierung verdient, du warst ein Vorbild für uns alle."

Sabine Ränsch/DPA / DPA
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