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TV-Schwindel: "Das Ziel heiligt die Mittel"

Es war einer der umstrittensten Bluffs der Fernsehgeschichte: Bei einer Organspendeshow im niederländischen Fernsehen trat eine falsche Spenderin auf. Damit sollte Aufmerksamkeit für das Thema gewonnen werden. Aber was ist aus den "echten" Kandidaten geworden?

Von Albert Eikenaar

Zwei Jahre und 221 Tage war Vincent Moolenaar alt, als ihn ein heftiges Fieber packte. Das Kind überstand die schwere Erkrankung - seine beiden Nieren nicht. Sie waren unheilbar geschädigt, bedroht von völligem Versagen. So begann ein Leben der Entbehrungen - niemals Pizza, keine Tomaten, konsequent salzlos, dazu Blutwäsche. Zwei Nierenspenden, die der Junge bekam, wurden abgestoßen, eine dritte Transplantation wurde abgesagt.

Als Zwanzigjähriger lebt Vincent heute um einiges normaler - seit 2002 kann er eine moderne Variante der Dialyse nutzen, nachts reinigt eine Maschine sein Blut, mit ihr therapiert der Nierenpatient sich einstweilen selbst, fünfmal pro Woche. Seine Eltern sind ebenso wie seine Freundin Oanh mit der Apparatur vertraut, für Notfälle ist sie per Internet mit einer medizinischen Alarmzentrale verbunden. "Ich kann alles machen, was jeder junge Mann tut", sagt Vincent - in einer Band Schlagzeug spielen oder anstrengende Querfeldein-Touren mit Oanh unternehmen.

Welt erregte sich in Empörungs-Tiraden

Das alles und noch viel mehr: zum Beispiel über Nacht berühmt werden. Denn Vincent Moolenaar war einer der drei "Kandidaten" bei "Grote Donorshow", dem skandalträchtigen Nierenspenden-Gewinnspiels des niederländischen Fernsehsenders BNN. Die Story, mit der die Show vermarktet wurde, war ein Fake. Die angeblich todkranke Utrechter Blumenverkäuferin Lisa, die ihr kostbares Spenderorgan nach Gutdünken und Zuschauerrat vergeben sollte, ist eine kerngesunde Charakterdarstellerin aus Arnheim. Die Empörungs-Tiraden im Vorfeld der Inszenierung Teils waren teil authentisch, teils Polit-Geplänkel: Die Welt erregte sich in Abscheu über die "krankhafte", "widerliche", "geschmacklose" und "perfide" Idee.

Der niederländische Premier Balkenende fürchtete einen Imageverlust für die Nation, die deutsche Gesundheitsministerin Ulla Schmidt freute sich, "dass die gesetzliche Regelung in Deutschland so etwas verbieten würde". Der Bluff hielt bis in die Endphase der Sendung - dann enthüllte der Moderator, dass so ziemlich alles inszeniert gewesen sei in seiner Sendung: Etwa die eingespielte Aussortierung von 22 Nierenkranken (Kranke über 50 Jahre, Raucher sowie eine Kandidatin, die selbst nicht organspenden wollte).

Dreimal auf dem OP-Tisch

Die drei Endrunden-Kandidaten allerdings waren echt. Ihnen stellt sich tatsächlich die Frage, ob sie eines Tages ein Spenderorgan erhalten oder Opfer des Mangels werden - in den Niederlanden stehen, wie auch in Deutschland, viel zu wenige Transplantate zur Verfügung. Kandidatin Esther-Clair Sasabone, 36 Jahre alt und Journalistin beim Rundfunk, lag bereits dreimal auf dem Operationstisch: Die zuletzt eingepflanzte Niere hielt von 2000 bis 2005. Seither ist sie wieder Dialyse-abhängig: 365 Tage im Jahr, viermal pro 24 Stunden, per Bauchdialyse. Dafür hat sie eine mobile Maschine. Sie sei bequem zu bedienen und auch auf Reisen dabei, sagt Esther-Clair.

Sie blickt zurück auf 33 Jahre ohne gesunde eigene Nieren. Und findet, dass allenfalls ihre Kinderzeit "einen leichten Knacks" erlitten habe: "Physisch war ich kein Kraftprotz. Mit den anderen Volksschülern konnte ich nie mithalten." Unterkriegen ließ sie sich nie. Auf dem Gymnasium lief es besser, dank Intelligenz und einer Nase fürs Soziale. Esther-Clair suchte nach Fähigkeiten, mit denen sie die anderen für sich gewinnen konnte: "Ich war eine Stimmungskanone", sagt sie, "mit mir konnte man was erleben." Trotz Medikamenten, trotz strengster Diät, trotz Komplikationen.

Auf Hoffnung folgte Verzweiflung

Und doch war es am schönsten in der Zeit mit Niere. Die erste Transplantation empfand Ester-Clair als gewaltigen Segen, das Leben wurde so viel einfacher. Zehn Jahre hielt das erste Spender-Geschenk, dann versagte es den Dienst. Es folgten Perioden der Verzweiflung, Abgründe der Ratlosigkeit, das Warten auf eine neue Chance. Wie auch heute wieder.

BNN, der Fernsehsender, der die umstrittene Show ausstrahlte, ist ebenso wie die Produktionsfirma Endemol ("Big Brother") fest überzeugt, ein überaus gutes Werk erblufft zu haben: 12.000 Niederländer hätten sich noch während der Sendung gemeldet, um sich in eine Spenderkartei eintragen zu lassen. Das sei ein gewaltiger Erfolg, ebenso wie die Marktdaten: 1,2 Millionen Zuschauer, zweithöchste Einschaltquote in der niederländischen TV-Geschichte.

Schocktherapie für Spende-Unwillige?

So sehen das auch die Kandidaten: Gecastet, weil sie besonders begabt seien, offen über ihre Krankheit zu reden, monatelang auf ihren großen Auftritt vorbereitet und in den Plan eingeweiht, sehen sie ihre Rolle darin, aufgerüttelt zu haben. Den Kranken hätten sie Hoffnung gemacht, die Öffentlichkeit sensibilisiert. Eine überfällige Schocktherapie?

Unbestritten ist: Die Spendenbereitschaft der Bevölkerung ist mangelhaft, der Bedarf groß. In den Niederlanden warten 1400 Patienten auf eine Niere. In Deutschland sind es 9000. "Ihre Zahl ist dreimal so hoch wie die der pro Jahr übertragenen Organe", erläutert die Deutsche Stiftung Organtransplantation, "die durchschnittliche Wartezeit beträgt fünf Jahre".

Für viele Patienten ist das zu lang, sie sterben wartend. Umstritten bleibt, wie dem Mangel abzuhelfen ist - Appelle reichten bislang nicht. Dabei kann jeder in die Situation kommen, eine Spende zu brauchen - chronisches Nierenversagen kann viele Ursachen haben und die Betroffenen völlig überraschen.

Charlotte leidet an "Niereninsuffizienz"

Die dritte Kandidatin, die 29-jährige Charlotte Trieschnigg, fühlte sich als Teenager ständig müde, sie litt unter rätselhaften Krämpfen und Übelkeit bis zum Erbrechen. Die Ärzte tippten auf Pfeiffersches Drüsenfieber, danach untersuchten sie auf Leukämie. Erst spät kamen sie zur Diagnose "Niereninsuffizienz". Mit 17 musste Charlotte an die Dialysemaschine.

Zwei Jahre später fand sich ein Spenderorgan – doch die Abstoßungsreaktion zwischen Körper und Fremdorgan ließ sich nicht unter Kontrolle bringen: "Weil das Ding weh tat, wurde es wieder herausoperiert", erzählt sie. Der Schmerz wirkt nach, innerlich. In ihrem Beruf als Krankenpflegerin behauptet Charlotte sich, auch wenn es hart kommt, sie "will kein Schwächling sein".

Keine feste Beziehung aus Angst vor der Krankheit

Und doch ist nichts normal. Die Erinnerung daran, krank zu sein, kommt dreimal in der Woche, Hämodialyse, von halb drei Uhr nachmittags bis sieben Uhr abends. Das lastet auf Charlotte. Und deshalb will sie sich nicht auf eine feste Beziehung einlassen, aus Angst, ein Mann könnte mit dem Stress der chronischen Krankheit nicht fertig werden und sie "ihre Gefühle vergebens investieren".

"Das Ziel heiligt die Mittel", verkündete nach dem großen Auftritt von Vincent, Esther-Clair und Charlotte der BNN-Chef Laurens Drillich, "wir haben Fernsehgeschichte geschrieben". Die Kandidaten schrieben mit – und beteuern mit Bestimmtheit, dass sie niemals eine Spenderniere der "todkranken" Lisa angenommen hätten. "Ohne mich", sagt Vincent. Auch beide Frauen distanzieren sich von der Idee, Nieren-Deals mit Schwerstkranken zu machen. "Nicht mal, wenn's ums nackte Überleben geht."