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Umsetzung: Altes Haus auf Reisen

In einer spektakulären Aktion ist ein zweistöckiges Haus am Wochenende im thüringischen Steinbach-Hallenberg über einen Kilometer umgesetzt worden. Tausende Menschen sahen zu, wie die letzte Korkenzieherwerkstatt Deutschlands, ein rund zwölf Meter langes, acht Meter breites und zehn Meter hohes Haus, gemächlich auf der Straße mitten durch die Stadt rollte.

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Gestützt von einem Korsett aus Balken bewegte sich das vor dem Ersten Weltkrieg erbaute und 1931 erweiterte Gebäude im leicht erhöhten Schneckentempo auf ferngesteuerten Spezialmodulen voran. Die Stromleitungen waren zuvor gekappt worden. Sicher und millimetergenau wurden die 256 Tonnen um eine enge Kurve gelenkt, bevor das denkmalgeschützte Haus wie in einem Triumphzug rund einen Kilometer durch den Erholungsort fuhr. Insgesamt 80 Räder glichen die Unebenheiten der Straße aus. Ein hydraulischer Achsausgleich sorgte dafür, dass sie sich wie ein Kissen anschmiegten.

Neue Heimat im Museumskomplex

"Auf dem alten Platz war eine museale Nutzung nicht möglich", begründete Museumsleiterin Veronika Jung die aufwendige Aktion. Der neue Standort, der Heimathof, beherbergt nämlich einen Museumskomplex zum Metallhandwerk, das in der Gegend eine lange Tradition hat. In den letzten 500 Jahren lebte die Stadt von und mit der Kleineisenindustrie. Um 1770 gab es in Steinbach-Hallenberg laut Jung 78 Schlossermeister und 124 Nagelschmiedemeister. Eine Nagelschmiede steht bereits auf dem Heimathof, nun kommt eine komplette Korkenzieherwerkstatt dazu, die nach Ansicht der Museumsleiterin "weltweit einzigartig" ist. "Für die Technikgeschichte ist sie von gleicher Bedeutung wie ein herausragendes Gemälde für die Kunstgeschichte."

Ernst Recknagel, der letzte Meister, der noch Korkenzieher im Gesenk (in einer Form) schmieden konnte, war 1988 mit 86 Jahren gestorben. Die Korkenzieher der vom Großvater Johann Friedrich 1871 gegründeten Werkstatt waren bei Weintrinkern in Europa, Russland und den USA beliebt und sind bis heute unter Kennern im "Weltverein der Korkenzieherfreunde" geschätzt. Der alte Meister ließ die Werkstatt so zurück, dass man meinen mochte, er würde jeden Augenblick wieder hereinkommen und das Schmiedefeuer entfachen. Von Spinnweben und vom Staub der Jahre bedeckt lag seine Brille im Fensterbrett, wie er sie kurz vor seinem Tod abgelegt hatte.

Spannungen beim Umsetzen auf Transportmodule

Veronika Jung hat gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen in den vergangenen zwei Jahren etwa eine Tonne Ruß aus dem Haus gebracht, jedes Teil der alten Werkstatt fotografiert, katalogisiert und alles bewegliche Inventar ausgeräumt, bevor die Reise beginnen konnte.

Die "Translozierung", wie die Verschiebung eines Hauses im Ganzen fachmännisch heißt, übernahm die Firma Bennert, die bereits beim Ausbau der "Gloriosa", jener berühmten Glocke vom Erfurter Dom, erfolgreich gewesen war. Nach einer umfangreichen Bauwerksdiagnostik und Computerberechnungen zur Statik wurde das alte Fundament des nicht unterkellerten Fachwerkhauses freigelegt und mit einem Stahlbeton-Rost unterfangen. So genannte Stranglifter hoben das versteifte Gebäude hydraulisch äußerst langsam und vorsichtig über zwei Meter in die Höhe, worauf es exakt waagerecht in der Schwebe gehalten werden musste, bevor spezielle Transportmodule untergeschoben wurden, auf die man dann die Werkstatt wiederum langsam absenkte.

"Besonders kritisch war es, als das Gebäude die ersten Zentimeter gehoben wurde", meinte der Statiker Torsten Schölzel. "Kritisch war auch das Umsetzen. Es gab tüchtige Geräusche zwischendurch. Aber das war ein normaler Spannungsabbau."

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