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Aktion gegen Islamophobie Dieser Muslim vertraut uns blind - wir ihm auch?

Mustafa Mawla steht mit verbundenen Augen und geöffneten Armen auf dem Dundas Square in Toronto. Auf einem Schild neben ihm stehen die Zeilen: "Ich bin Muslim, ich werde als Terrorist stigmatisiert." Attentate, Geiselnahmen, Enthauptungen - islamistischer Terror dominiert zum Anfang des Jahres das Nachrichtengeschehen. Und prägt die Wahrnehmung einer ganzen Religion. Das Problem: die diffuse Angst schürt neuen Hass. Innerhalb von zwei Wochen nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo gab es alleine in Frankreich mehr als 50 gewalttätige Übergriffe auf Muslime. Auch in Deutschland nahm die Gewalt zu. Und in Toronto – steht Mustafa Mawla: Neben dem 20-Jährigen liegt ein zweites Schild: "Ich vertraue Dir, vertraust Du mir? Umarme mich." Passanten bleiben stehen, beobachten das geschehen, machen Bilder. Die Szenen sind aus dem Video "Blind Trust Project", eine Zusammenarbeit der Kanadischen Youtuberin Assma Galuta und der Organisation Time Vision. Die Idee hinter dem Projekt: (O-TON Assma Galuta, 24 Jahre) "Ich habe ein Video von einem Mann gesehen, der mit offenen Armen in einer Passage stand. Die Menschen kamen auf ihn zu und haben ihn umarmt. Das war unsere Inspiration. Wir wollten der kanadischen Gemeinschaft zeigen, dass wir, die kanadischen Muslime, ihr unser blindes Vertrauen schenken. Und wir wollten sehen wie das nach den ganzen Geschehnissen ankommt. Ob die Menschen positiv reagieren - oder ob es Auseinandersetzungen geben wird." Konflikte habe es während des Drehs nicht gegeben. Aber eben sehr viele gerührte Menschen, die den 20-Jährigen in ihre Arme geschlossen hätten. Eine Stunde dauerte die Aktion. Für Psychologie-Student Mustafa eine ungewohnte Erfahrung: (O-TON Mustafa Mawla, 20 Jahre) "Ich musste mich daran gewöhnen. Ich bin kein besonders geselliger Mensch, sondern eher introvertiert. Aber dadurch, dass mir die Augen verbunden wurden, konnte ich nicht wahrnehmen, wer mich umarmet. Ich wusste nicht welche Hautfarbe oder welche Religion die Person hatte. Es war für mich einfach ein Moment, in dem zwei Seelen miteinander in Verbindung gehen. Auf Youtube erhalten die Macher viele positive Rückmeldungen. Aber auch Kritik. Die kommt sogar aus muslimischen Reihen. Ein Nutzer etwa schreibt, das muslimischen Männern das Umarmen von Frauen verboten sei. Mustafa Mawla hält eine solche sehr wörtliche Auslegung des Korans für nicht angemessen: (O-TON Mustafa) "Sie gehen davon aus, dass eine Umarmung direkt zu Sex führt. Ich denke, das hat etwas mit meiner Fähigkeit zu tun meine Sexualität zu kontrollieren. Ich kann auch jemanden umarmen ohne direkt an Sex zu denken." (O-TON Assma) "Man kann nicht die Welt verändern, man kann nur sich selbst verändern. Das ist das, was ich meinen muslimischen Abonennten oft sage. Wenn ihr den Islam predigen wollt, indem ihr andere beleidigt oder ihr auf sie runterschaut, ändert ihr gar nichts. Nur durch ein friedliche und helfende Geste ändert man Dinge - und erreicht, dass einen andere respektieren." Der Film "Blind Trust Project" zeigt, wie man Hass und Gewalt den Nährboden entziehen kann. Durch gegenseitiges Vertrauen - und durch Mut zur eigenen Verletzlichkeit zu stehen.
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IS-Terror und Gräueltaten prägen derzeit unser Bild des Islam. Ein berührendes kanadisches Projekt wendet sich gegen dieses Vorurteil. Und setzt dabei auf Verletzlichkeit und Vertrauen - mit Erfolg.
Von Linda Richter

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