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Vor dem Besuch von Benedikt XVI. "Die Leute werden kaum zuhören"


David Berger war ein Shootingstar im Vatikan - bis er sich als homosexuell outete. Im stern.de-Interview kritisiert er Weltfremdheit und Demokratiefeindlichkeit des deutschen Papstes.

Herr Berger, begrüßen Sie den Besuch des Papstes in Deutschland?
Ich habe nichts dagegen, dass der Papst die Katholiken in Deutschland besucht. Problematisch ist, dass es zugleich ein Staatsbesuch ist.

Warum? Weil er deswegen auch im Bundestag sprechen kann?
Der Auftritt im Bundestag geht weit über kirchliche Anliegen hinaus. Das ist eine PR-Aktion für den Vatikan. Ich frage mich, wie das ideell zu begründen ist. Der Bundestag gründet seine Existenz auf ein klares Bekenntnis zur Demokratie. Der Papst hat die Demokratie und die offene Gesellschaft mehrfach als "Diktatur des Relativismus" bezeichnet - und stattdessen die "Diktatur der Wahrheit" gefordert.

Warum darf er trotzdem sprechen?
Weil es politisch eine Win-Win-Situation ist. Er bekommt die große Bühne, dafür dürfen sich katholische Abgeordnete in seinem Glanz sonnen.

Wenn der Papst als Staatsoberhaupt verstanden werden soll: Wie würden Sie seine Herrschaft im Vatikanstaat beschreiben?
Als absolute Monarchie. Der Papst steht über allem, herrscht über alles, auch über das Kirchenrecht. Es gibt so gut wie keine demokratischen Elemente, mal abgesehen von der Papstwahl - bei der Kardinäle votieren, die der Vorgänger ernannt hat.

Hat der Papst in Deutschland eigentlich noch eine politische Schutzmacht mit Ausnahme der "Bild"-Zeitung? Selbst die CSU hat die Schwulenehe inzwischen abgenickt.
So ist es. Wenn es um konkrete Fragen geht, sind die allerwenigsten Politiker mit dem Papst einverstanden. Sie werden nach seiner Rede applaudieren, aber keine Konsequenzen ziehen. Diese Haltung ist auch unter jungen Leuten verbreitet. Fragt man sie auf dem Weltjugendtag, ob sie ihr Leben danach ausrichten, was der Papst sagt - kein Sex vor der Ehe, keine künstlichen Verhütungsmittel -, antworten sie zu 90 Prozent: Nein, natürlich nicht. Das ist für uns auch nicht so wichtig. Was zählt, ist das Zusammensein im Glauben.

Heißt das: Niemand nimmt den Papst mehr so richtig ernst?
Das ist der Punkt. Das hat einerseits mit den lebensfernen Ansichten zu tun. Andererseits hat der Papst auch viel Glaubwürdigkeit verspielt, denken Sie nur an die Rehabilitation des Holocaust-Leugners Richard Williamson. Das hat zur Folge, dass die Leute kaum noch zuhören, selbst wenn der Papst etwas Sinnvolles, Wichtiges sagt, beispielsweise zum überbordenden Materialismus im 21. Jahrhundert.

In seinem "Wort zum Sonntag" in der ARD hat der Papst über Gotteserkenntnis gesprochen, aber keine Silbe zu aktuellen Fragen gesagt. Ist die katholische Kirche unter Benedikt XVI, alles in allem, aus der Zeit gefallen?
Eindeutig. Es ist nicht zu übersehen, dass Benedikt XVI und seine Getreuen die Fühlung für das, was Menschen bewegt, verloren haben. Der Papst vertritt Positionen des 19. Jahrhunderts, die keiner mehr versteht.

Sie meinen zum Beispiel den Zölibat?
Den Zölibat, die Rolle der Frau, der Umgang mit Homosexualität. Der Nuntius des Papstes hat vor den Vereinten Nationen gefordert, es müsse weiter möglich sein, Homosexualität zu kriminalisieren - und das zu einem Zeitpunkt, da die Regierung in Uganda darüber nachgedacht hat, die Todessstrafe für Homosexuelle wieder einzuführen. Für solche Haltungen gibt es in der freien Welt kein Verständnis.

Was soll die Reise durch Deutschland bezwecken?
Der Vatikan weiß natürlich, dass die Katholische Kirche wegen des Missbrauchsskandals im vergangenen Jahr viel verloren hat: Glaubwürdigkeit, Spenden, Mitglieder. Da die deutsche katholische Kirche eine der finanzkräftigsten weltweit ist, kann man sie nicht kampflos aufgeben. Und was ist die Antwort? Eine große Show, es sollen jubelnde Menschen zu sehen sein. Das müssen übrigens nicht einmal Deutsche sein. Es ist bekannt, dass für die Messe im Berliner Olympia-Stadion systematisch unter katholischen Polen geworben wurde. Damit sie auch kommen, hat der Vatikan im Eiltempo Johannes Paul II selig gesprochen. Das hat Benedikts Popularität in Polen natürlich gesteigert.

Glauben Sie, dass mit Papst Benedikt XVI. die konservative Ära im Vatikan endet?
Nein. Jeder im Vatikan, mit dem ich darüber gesprochen habe, sagt das Gegenteil. Der nächste Papst wird wahrscheinlich aus Lateinamerika oder Afrika kommen. Er wird zwar in der Außendarstellung moderner sein, aber in moraltheologischen und sozialen Fragen noch konservativer als der jetzige Papst. Dafür hat Benedikt XVI. gesorgt. Sie müssen sich nur anschauen, welche Macht das ultrakonservative Opus Dei unter seinem Pontifikat gewonnen hat. Es gibt kaum noch einen Bischofsstuhl, der nicht mit einem Sympathisanten oder Mitglied des Opus Dei besetzt wird. Bei den Kardinälen sieht es nicht viel anders aus. Es wäre schon ein Wunder, wenn unter diesen Bedingungen ein Liberaler Papst werden könnte.

Was hält der Priesternachwuchs davon?
Die Alten kennen wenigstens noch die Zeiten des reformfreudigen Zweiten Vatikanischen Konzils. Die junge Garde nicht. Sie ist bewusst konservativ bis sehr konservativ und kokettiert sogar damit. Sie weiß, dass sie mit dieser Haltung Karriere machen kann.

Wird sich der Papst zumindest offensiv mit den Missbrauchsopfern in Deutschland auseinandersetzen?
Ich hoffe, dass er den Skandal öffentlich anspricht. Und er hat ja bereits angekündigt, dass er sich mit Missbrauchsopfern treffen wird. Ich kann aber auch verstehen, wenn Missbrauchsopfer das ablehnen, weil sie sich ein zweites Mal – durch Instrumentalisierung - missbraucht fühlen. Die katholische Kirche arbeitet inzwischen zwar enger mit den Strafverfolgungsbehörden zusammen, hat aber strukturell gar nichts verändert. An den Ursachen - das Zölibat, die weltfremde Ausbildung von Priestern, die Abwesenheit von Frauen, die Kirche als esoterische Parallelgesellschaft - will der Papst um keinen Preis rühren. Das ist für Missbrauchsopfer bitter.

Lutz Kinkel

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