"Wintergate" in Hamburg Der Eisheilige


Der Präsident der Hamburger Bürgerschaft hatte die Nase voll vom Schnee - und ließ seine Wohnstraße gründlich reinigen. Das bringt ihn nun gehörig ins Schlittern. Szenen einer Winterposse.
Von Sönke Wiese

Manchmal schneit es im Winter, sogar in Hamburg. Dieses Jahr war es mal wieder so weit, statt Regen und Nebel kamen Frost und Schnee in den Norden, ein bisschen mehr als sonst. Zunächst freuten sich die Hamburger, stürmten die zugefrorene Alster, das gab es das letzte Mal vor zwölf Jahren. Doch dann schlich sich zum Frost immer mehr der Frust in die Stadt. Denn die Stadtreinigung, zuständig für die Räumung der Straßen, scheint pünktlich zum Schneefall in den Winterschlaf gefallen zu sein.

Plötzlich mussten die Hamburger zum Schlittern nicht mehr auf die Alster gehen, sondern einfach nur vor die Haustür treten. Man sollte sich Schleifpapier aus dem Baumarkt auf die Sohlen kleben, empfahl das "Hamburger Abendblatt". Und auch die Stadtreinigung hatte famose Tipps parat: Die Bürger sollten Katzenstreu kaufen und auf den Gehwegen verteilen. Denn das von der Stadt georderte Streusalz war leider noch auf einem Schiff aus Chile unterwegs, auf einem sehr langsamen.

Krankenkassen drohten der Stadt mit Regressforderungen

Turmhohe Schneeberge, sauglatte Bürgersteige: Man hätte die Olympischen Winterspiele von Vancouver spontan in die Hansestadt verlegen können. Doch so sportlich nahmen die Hamburger die Verhältnisse nicht. Bei einer eiligst eingerichteten Eis-Hotline meldeten sich 18.000 erregte Anrufer - am Tag.

Die Hamburger Politik einen Winter-Krisengipfel ein und entwickelte kreative Ideen, um dem Eis-Chaos Herr zu werden. Die Schüler der Stadt sollten zum Winterräumdienst verpflichtet werden, schlug beispielsweise die Schulbehörde vor und beruhigte auch gleich die Eltern mit dem Hinweis, dass die Kinder ja während der Unterrichtszeit alle unfallversichert seien.

Doch ein Politiker der schwarz-grünen Koalition wollte wohl nicht so lange warten, bis sich die Sechsjährigen mit Hammer und Meißel bei ihm zuhause zum Einsatz meldeten. Und deshalb griff Berndt Röder (CDU) zum Telefon. Der Mann ist Präsident der Bürgerschaft und in Hamburg als jemand bekannt, der ein Faible für Sondereinsätze hat: 2004 soll er im Rathaus einen Alarmknopf ausgelöst haben, angeblich um zu testen, wie schnell die Polizei vor Ort ist. Röder bestritt das, zahlte aber eine Geldbuße über 2500 Euro.

Sondereinsatzkommando in der Straße des Politikers

Diesmal rief er nicht die Polizei und wählte auch nicht die Frust-Hotline fürs gemeine Volk, sondern machte bei allen möglichen Bezirksämtern und Behörden Alarm. Am Ende landete Röder bei Herrn Maaß (GAL) von der Stadtentwicklungsbehörde, die für den Winterdienst zuständig ist. Was Wunder: Noch am gleichen Tag räumte ein Sondereinsatzkommando der Stadtreinigung eine winzige Wohnstraße - die von Bürgerschaftspräsident Röder.

Eine unverfrorene Vorteilsnahme im Amt? Gutsherrenmentalität? Wochenlang beherrschte das spezielle Räumkommando die Seiten der lokalen Gazetten. "Glatteis-Röder" taufte ihn die "Hamburger Morgenpost", von einer "Wintergate-Affäre" sprach das "Hamburger Abendblatt", und "Radio Hamburg" fragte seine Hörer, ob der Mann zurücktreten solle - 85 Prozent Befragten sprachen sich dafür aus. Das forderten freilich auch Oppositionspolitiker von SPD und FDP.

Doch der Gescholtene blieb tagelang so still wie die zugefrorene Alster. Erst gestern stellte sich Berndt Röder den Fragen der Journalisten auf einer Pressekonferenz im Hamburger Rathaus. Der Medienrummel war riesig, zu riesig: Nicht alle Journalisten konnten sich Röders Auftritt ansehen.

"Ich wollte keinen persönlichen Vorteil", versicherte der CDU-Mann. Er sei ja auch gar nicht von dem Glatteis vor der Haustür betroffen gewesen, weil er eh jeden Tag zur Arbeit abgeholt werde. Einen Rücktritt lehnt der Bürgerschaftspräsident ab, er habe ja bereits 1000 Euro an das Deutsche Rote Kreuz gespendet, das sich so vorbildlich um die Glatteisverletzten in anderen Hamburger Straßen kümmert. Zurücktreten wollte der Mann nicht.

"Eine schwere Niederlage für die politische Kultur in der Hansestadt", nennt Hamburgs FDP-Chef Rolf Salo den ausgebliebenen Rücktritt. Die SPD will nun näher die Rolle des grünen Staatsrats Christian Maaß beleuchten, ob und welche Anweisungen zur Räumung von Röders Straße er gegeben habe. In Hamburg treibt das schwarz-grüne Biotop inzwischen gar wunderliche Blüten - selbst im Winter.


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