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Anschläge in New York: Die Gesichter des 11. September

Sie sind die Gesichter des 11. September 2001: Ihre Bilder wurden zu Ikonen der Anschläge. Der stern hat sie besucht. Fünf Menschen, deren Erzählungen über ihr Leben nach dem Inferno alles bergen, was Amerika seither prägt: Trauer, Wut, Angst, Entschlossenheit.

Bob Beckwith, 74, pensionierter Feuerwehrmann

Er geht einkaufen, in der Nachbarschaft, und wird um Autogramme gebeten. Er wird eingeladen, zu Gedenkveranstaltungen, um Reden zu halten über den 11. September. Man nennt ihn dann eine historische Figur. Einen Helden. "Ich bin kein Held", sagt Beckwith. "Ich war nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort."

Er war auf Ground Zero, auf den Trümmern, am 14. September, in der Hand eine Schaufel, er suchte nach Überlebenden. Da kam Karl Rove, der Berater des Präsidenten, und sagte, dass gleich ein wichtiger Mann zu ihm komme. Er solle hin und her springen, um die Trittfestigkeit der Trümmer zu testen. Da sprang Beckwith für Rove, und Rove war zufrieden.

Dann kam der wichtige Mann. Er war zum ersten Mal auf Ground Zero, drei Tage nach der Katastrophe. Er trug eine Fliegerjacke und in der Hand ein Megafon. Er wollte ein Mann aus dem Volk sein. Er legte den Arm um Beckwith und schrie so laut in das Megafon, "dass ich fast taub wurde", erinnert sich Beckwith. Er rief den Feuerwehrleuten zu: "Ich höre euch, der Rest der Welt hört euch, und die Kerle, die diese Gebäude zu Fall brachten, werden von uns allen hören."

"Es waren große Worte des Präsidenten", schwärmt Beckwith, "perfekte Worte." Es war die erste Ankündigung jener Kriege, die bald folgen würden.

Seitdem ist Beckwiths Leben nie wieder das alte gewesen. Er ging in Dutzende TV-Shows und wurde eingeladen, in der ganzen Welt. Er war an jenem 14. September nichts als Staffage gewesen, ein Ornament, die Schulter des kleinen Mannes für den Arm des Präsidenten. Danach war er ein Kämpfer, die Hoffnung, Amerikas Held. Er wurde ins Weiße Haus gebeten. Der Präsident sagte zu den anwesenden Journalisten: "Hier ist der Mann, der mich berühmt machte."

Beckwith sitzt in seinem kleinen Haus auf Long Island mit Frau und Tochter. Er hat die Geschichte Hunderte Male erzählt, und erzählt sie immer noch gern. Aber jetzt, fünf Jahre nach den Anschlägen, fügt er noch etwas hinzu. Er hat lange nachgedacht über 9/11 und den Irak-Krieg. Er sagt: "Ich hasse es, dies einem Deutschen sagen zu müssen. Aber ihr hattet damals einen Mann namens Hitler, und wir haben ihn gestoppt. Und hier gab es einen neuen Hitler, Saddam Hussein, und wir mussten ihn stoppen. Und dafür gab es keinen Besseren als George Bush, einen echten Kerl, der zu seinem Wort steht. Und das sage ich als Mitglied der Demokraten. Ich bin mir sicher, der Präsident wurde von Gott eingesetzt."

Ob er selbst auch von Gott eingesetzt wurde, an jenem 14. September 2001, will Beckwith nicht beurteilen. Aber seine Tochter flüstert: "Das glauben wir alle. Gott konnte keinen Besseren an die Seite des Präsidenten platzieren. Mein Vater hat so viele Menschen berührt, so viel Hoffnung ausgestrahlt. Da brachte Gott zwei Menschen zusammen, um der Welt zu zeigen, aus welchem Holz Amerika geschnitzt ist."

Jan C. Wiechmann