Belgische Urlauberin Verschollen auf dem Friedhof


Vier Jahre lang lag die Belgierin Elke Meyvis tot in der Kühlzelle eines italienischen Friedhofs - völlig unbeachtet, obwohl sie international gesucht wurde. Vier Jahre lang litten Ihre Eltern täglich Qualen: Wo, wann und wohin mag die Tochter verschollen sein? Erst ein TV-Sender fand die Antwort.
Von Albert Eikenaar

Plötzlich war sie verschwunden. Die 26-jährige Elke Meyvis aus der belgischen Hafenstadt Antwerpen. Spurlos. Einfach so. Ohne eine Nachricht zu hinterlassen, Ohne irgendweinen Hinweis wohin, ohne Abschied. Das war am 30. Juli 2004, genau vor vier Jahren.

Vater Dirk und Mutter Chris dachten daran, dass ihre Tochter vielleicht in die Hände einer Sekte in Indien geraten sein könnte. Denn Elke führte ein eher alternatives Leben. Und sie hatte die beiden schon öfter vor ähnliche eigensinnige Überraschungen gestellt. Aber dass das Mädchen ohne jeglichen Gruß auf Nimmerwiedersehen abgehauen war, das war noch nie vorgekommen. Also schalteten die Eltern die zuständige Polizeiabteilung ein, aber alle Ermittlungen, auch über Interpol im Ausland, blieben ohne Ergebnis.

Elke hatte sich scheinbar in Luft aufgelöst

Wie intensiv sie auch selber suchten und was die Polizeifahnder auch in die Wege leiteten - Elke hatte sich scheinbar in Luft aufgelöst. Zwar wurde im Wald der belgischen Ardennen im September 2004 ihr Auto gefunden, überwuchert von Pflanzen, Blättern, Gras, Ästen und Efeu, das Batteriekabel war durchgeschnitten. Die Polizisten, die in der Nähe des Fundorts recherchierten, fanden zudem heraus, dass sie wohl gen Süden, möglicherweise Italien, reisen wollte. Und zwar in Gesellschaft ihres Freundes Vincent, 41, der sich illegal aus einer psychiatrischen Anstalt abgesetzt hatte. Dafür gab es klare Indizien. Nachfragen der belgischen Kripo bei italienischen Behörden brachten weiter nichts ans Licht. Elke blieb nach wie vor verschwunden. Bis die verzweifelten Eltern das niederländische TV-Programm TROS-Vermist einschalteten, das auf die weltweite Suche von Verschollenen spezialisiert ist, unter Mithilfe des Millionenpublikums. Die Redaktion nahm sich Elkes Fall an. Weil Italien eventuell das Reiseziel des Paares gewesen sein sollte, suchten die niederländischen Spürnasen Kontakt zu einem italienischen Sender, der ein ähnliches Suchprogramm ausstrahlt: "Chi L'havisto". Die Kooperation verlief erfolgreich. Das mysteriöse Verschwinden des belgischen Pärchens wurde nun schnell gelöst.

Ein ausführliches Fernsehdossier über Elke

Die italienischen Produzenten des Programms stellten nicht nur ein ausführliches Fernsehdossier zusammen, sondern beschrieben Elkes Geschichte, komplett mit Porträts auf der Website. Als die Niederländerin Anne Klink, die in Livorno italienisch studiert, Elkes Konterfei im Internet sah, erinnerte sie sich an eine alte Zeitungsmeldung der örtlichen Gazette, die im Dezember 2004 über den Fund von zwei unbekannten Leichen im Pinienwald von Le Gorette, in der Nähe von Cecina berichtete.

Förster hatten die sterblichen Überreste unter dem Vordach einer Hütte gefunden. Die Toten trugen mehrere Kleidungsstücke übereinander, um sich gegen die nächtliche Kälte zu schützen. Alles sah danach aus, dass sie durch Hunger, Kälte und Durst ums Leben gekommen waren. Eine offizielle gerichtliche Obduktion brachte jedoch eine andere Todesursache ans Licht: Vergiftung. Beide hatten Blättchen oder Samen eines Oleander gegessen, eine giftige Pflanze. Es konnte nicht mehr geklärt werden, ob sie nicht wussten, dass der Oleander für Menschen tödlich ist oder ob sie bewusst freiwillig den "natürlichen Tod" wählten.

Das alles stand damals im örtlichen Tageblatt. Aber keiner ergriff die Initiative zu untersuchen, woher die zwei Toten stammten, keiner kümmerte sich darum, ihre Identität festzustellen. Es war erst die niederländische Studentin, die mit ihrem guten Gedächtnis den TV-Sender und die Polizeibehörde informierte.

Jahrelang ahnten Elkes Eltern nichts von dem Drama. Sie verstehen immer noch nicht, dass sie so lange auf Klärung des Schicksals ihrer Tochter warten mussten und das schließlich ein Fernsehsender rekonstruierte. "Wieso lag unser Kind vier Jahre verloren und unbeachtet in einer Kühlzelle des Friedhofs in Cecina. Obwohl ihr Verschwinden Polizei und Justiz weltweit gemeldet worden war, komplett mit ihren Bildern und denen des toten Partners. "Wer hat hier so skandalös versagt", fragen die Eltern sich. Sie fordern eine gründliche Aufklärung "dieser unmenschlichen Schlamperei. Offenbar läuft da etwas ganz schön schief beim internationalen Informationsaustausch".


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