Bergunglück Höllentrip durchs Steinerne Meer


Die Wanderung durch das Steinerne Meer ist eine der schönsten Alpentouren an der Grenze zwischen Deutschland und Österreich - für drei Bergsteiger aus dem bayerischen Amberg endete sie in einem tödlichen Drama. Einer von ihnen erfror im tiefen Schnee, zusammengebrochen vor Erschöpfung und keine 500 Meter von der rettenden Hütte entfernt.
Von Markus Götting

Sie waren am Montag mit dem Schiff von Berchtesgaden aus über den Königssee geschippert, rüber zur berühmten Kirche von St. Bartholomä, und von dort aus führte der Weg gute drei Stunden immer stramm hinauf, etwa tausend Höhenmeter hoch zum "Kärlingerhaus", wo die Männer dann auch mit Blick auf den malerischen Funtensee übernachteten. Die klassische Route, kein Problem eigentlich für erfahrene Bergfreunde wie die drei Oberpfälzer, doch das katastrophale Wetter am Dienstag verwandelte den Ausflug in einen Höllentrip.

Am Dienstag waren sie gegen Mittag noch im Riemannhaus bei Wirt Manfred Gruber eingekehrt. Als sie um kurz nach eins aufbrachen, rieselten bereits die ersten Flocken vom Himmel, dort oben auf mehr als 2000 Meter über dem Meer. Sie nahmen den Eichstätter Weg, rüber zum Großen Hundstod, einem der schönsten Gipfel der Gegend. Der Schneefall wurde stärker, und der Werkzeugmacher aus Amberg, ein 43-jähriger mit der größten Erfahrung ging voran. Als die drei am höchsten Punkt angelangt waren, schneite es immer heftiger, ein eisiger, schneidender Wind kam hinzu, aber die Männer beschlossen, der Rückweg sei zu weit zum Umkehren.

Kräftezehrendes Spuren

Der 43-jährige spurte den Weg. Das miese Wetter der vergangenen Wochen hatte seine Spuren hinterlassen: Schnee bis zu einem Meter hoch. Die drei brachen immer wieder bis zur Hüfte ein, jeder Meter wurde beschwerlicher; auch die Orientierung bereitete ihnen große Schwierigkeiten. Einer der Männer konnte auf einem Hügel Markierungsstangen sehen und stieg zu dieser auf. Auf dem Hügel lichtete sich kurz der Nebel und man sah das "Ingolstädter Haus". Der Führer der Gruppe war zu diesem Zeitpunkt vom Spuren schon sehr erschöpft und blieb immer wieder hinten. Er sagte zu seinem Kollegen (36), dass er voraus gehen und Hilfe holen solle. In dieser Gegend gibt es keinen Handy-Empfang für einen Notruf.

Der Jüngste aus dem Trio, ein Techniker aus Kümmerbruck, ging also vor, sein 41-Jähriger Kollege mobilisierte die letzten Kräfte und versuchte zu folgen, doch hundert Meter vor der Hütte fiel auch er erschöpft in den Schnee. Oben, im "Ingolstädter Haus" waren der Freund der Wirtin, ein Hausmeister und ein Arbeiter mit kleinen Reparaturen beschäftigt, als der 36-jährige bei der Tür rein kam. Um 21.15 Uhr riefen sie die Bergrettung zur Hilfe, dann stürmten sie hinaus in die Dunkelheit. Die beiden Zurückgebliebenen bergen.

Retter kamen zu spät

In Saalfelden, unten im Tal, machte sich Bernd Tritscher, der Chef der Bergwacht, sofort mit dem Notarzt auf den Weg. Mit dem Geländewagen erreichten sie die Talstation der alten Materialseilbahn, die Anfang der Siebziger Jahre gebaut wurde. Eine riskante Rettungsaktion. Tritscher sagt: "Es war immer noch sehr windig, sehr kalt, und die Seilbahn, das ist ja nur eine besserer Holzverschlag und da genügt ein Windstoß und es kommt zur Katastrophe."

Es war 22 Uhr, als die beiden Helfer am "Ingolstädter Haus" eintrafen. Der 43 Jahre alte Führer der Gruppe war schon tot; er ist wohl erfroren, sein Körper war zu geschwächt von den Strapazen, die ihm das Vorausgehen bereitet hatte. Der zwei Jahre jüngere Kumpel, am Ende seiner Kräfte war immer noch extrem unterkühlt, seine Körpertemperatur sackt auf 29 Grad ab, und doch gelang es dem Notarzt, seinen Kreislauf zu stabilisieren. Über Nacht versorgte er ihn auf der Hütte, erst heute Morgen, als der Himmel ein Mal für eine Stunde aufgerissen war, konnte ihn ein Rettungshubschrauber aus Zell am See ins Krankenhaus nach Salzburg transportieren. Der Zustand des Mannes ist stabil.

Der 36-jährige ist inzwischen auf dem Rückweg in seine bayerische Heimat. Bergretter Tritscher sagt: "Körperlich geht es ihm gut, aber seelisch – das kann man sich ja vorstellen." Er sagt: "Natürlich gibt es immer wieder tödliche Unfälle in den Bergen, aber keine 500 Meter vor dem Ziel, das ist eine Tragödie. So etwas habe ich noch nicht erlebt."


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