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Reportage der Woche

18 Monate Auszeit vom Job: Karolin Pfeil und ihr Höllentrip durchs Sabbatical - wie aus der schönsten Zeit die schlimmste wurde

Endlich vom Leben getrieben werden und nicht von der Karriere – so stellen sich viele das Sabbatical vor. Managerin Karolin Pfeil findet sich nach wenigen Wochen in einem Albtraum wieder. Und sie stellt fest: Ihr größter Feind, das ist sie selbst. 

Ein Blick aus dem Fenster, die Ruhe genießen - bis Karolin Pfeil in ihrem Sabbatical dazu in der Lage war, vergingen Monate

Ein Blick aus dem Fenster, die Ruhe genießen - bis Karolin Pfeil in ihrem Sabbatical dazu in der Lage war, vergingen Monate

In der zehnten Woche ihres Sabbaticals ist Karolin Pfeil* reif für die "Klapse". Sie kniet in Malerklamotten am Fuß der Treppe ihres Hamburger Hauses. Es ist Samstagmorgen im Sommer, 5:30 Uhr, kurz vor Sonnenaufgang. Karolin Pfeil hat sich in den Kopf gesetzt, das Treppenhaus zu lackieren. Drei Stockwerke, 54 Stufen, extra-breiter Handlauf. Und das "ohne eine einzige Nase", in Malerperfektion. 

Eigentlich nimmt Karolin Pfeil eine berufliche Auszeit. Ein Sabbatical, wie der Begriff aus den USA auch hierzulande heißt. Nach einer Untersuchung des Wissenschaftszentrums Berlin wünschen sich das 50 Prozent aller Deutschen. Und jeder Zehnte hat bereits ein Sabbatical absolviert, fand das Online-Netzwerk Xing im vergangenen Jahr in einer Studie heraus.

Raus aus dem Immerweiterimmerweiter

Für Karolin Pfeil soll ihr Sabbatical eigentlich heißen: eine Auszeit für sich selbst und ihren Rücken. Für Monate endlich raus aus dem Job, dem Immerweiterimmerweiter. Runterschalten, abschalten. Getrieben vom Leben sein und nicht von der Karriere. Zeit für den Mann, Zeit für die Kinder, Zeit für sich. Vormittags auf dem Sofa abhängen oder mal ne Runde Rennrad fahren. 

So ungefähr haben sie sich das vorgestellt. Sie und ihr Mann. Doch Samstag, kurz vor Sonnenaufgang, schlafen ihr Mann, die Kinder - und auch Karolin Pfeils Beine. Taub vom langen Sitzen in der falschen Position, die Knie blau. Karolin Pfeil kauert auf Stufe 13, hat den Pinsel in den weißen Lack getunkt und versucht eine der hintersten Sprossen zu erreichen. Ja, mal eben schnell das Treppenhaus frisch machen. Eine Woche rund um die Uhr pinseln und handwerken bis zur völligen Erschöpfung. So viel zum Abschalten, zur Ruhe, so viel zu Karolin Pfeils Sabbatical.

Als Karolin Pfeil von dieser Szene erzählt, ist dieses "Reif-für-die-Klapse-sein", wie sie es nennt, schon Monate her. Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer, lehnt sich gemütlich auf der Couch zurück und blickt auf die vergangene Zeit. Ein Jahr und drei Monate hat sie bereits frei. Sie erzählt über ihre Entwicklung und wie sie erkennen musste, dass das Frei-sein von der beruflichen Verpflichtung nicht automatisch Freiheit bedeutet.

Sabbatical: Drei Phasen, zwei Seiten des Lebens

Zurückspulen. Karolin Pfeil ist Führungskraft eines Dax-Unternehmens. Ihren Job würden sich nicht viele Menschen antun. Forschung, Marketing, Jahresbilanzen, Interviews – auf höchster Ebene überall Brände löschen. 24/7. Das ist die eine Seite ihres Lebens.

Die andere Seite ist ihre Patchwork-Familie, fünf Kinder und ein Mann. Karolin Pfeil besorgt die Bedanke-mich-Hortensien für die Hockeytrainerin, sie nimmt die Kinder der Freundin mit, sie schreibt das Protokoll des Elternrats. Sie repariert den Balkon ihrer Eltern und sammelt das Geld für den abgebrannten Kindergarten. Und wenn sie das alles geschafft hat, fällt sie spätabends ins Bett – und liebt ihr Leben. Leistung ist für sie selbstverständlich. Leistung, das ist sie.

Sabbatjahr: Dieses Wissen hilft dir, dein Sabbatical zu bekommen

Und es hätte auf ewig so weitergehen können, "hätte sie nicht nach dem Skiurlaub starke Rückenschmerzen bekommen", sagt sie. Sie steht von der Couch im Wohnzimmer auf und sagt, sie würde noch einkaufen gehen, man könne sie begleiten. Auf dem Weg erzählt sie von ihrem schweren Bandscheibenvorfall. Damals lahmt plötzlich das Bein, eine Notoperation rettet den Nerv. Drei Wochen später habe sie sich wieder an den Schreibtisch gesetzt, habe sich monatelang durchs Leben geschleppt. Bis es wirklich nicht mehr geht. Leistung auf Schmerzen, das ist dauerhaft nicht auszuhalten.

"Was jetzt?", hat sie sich damals gefragt. Krankschreiben, Reha: "Das kam für mich nicht in Frage." Der Arbeitgeber habe ihr, als langjährige Mitarbeiterin, dann das erlösende Angebot vorgebracht – er schaffte spontan mit der Personalabteilung ein Sabbatical - speziell auf Karolin Pfeils Situation abgestimmt. Und so sei sie, ihrem Rücken zuliebe, in ihre Auszeit verschwunden. 18 Monate, um mit dem Körper wieder klar zu kommen. 18 Monate genießen.

Sie habe im Leben nicht daran gedacht, dass diese 18 Monate in einem Fiasko enden. Aus dem sie sich erst langsam wieder herauskämpfen muss.

Phase 1: Die "Ersatzbefriedigung"

Ihr Sabbatical, sagt sie, das habe sie sich am Anfang natürlich ganz anders vorgestellt. Sie steht nun in der Feierabendschlange der Supermarktkasse. Zu Beginn das Wunschdenken. Die Träume. Wie sie denn aussehen könnte, die Freizeit in Freiheit. Endlich mehr Quality-Time mit der Familie, zum Beispiel. Aber dann steht sie eben wie jetzt im überfüllten Geschäft, bezahlt Frischkäse, Gurken und Nivea-Creme. Und trägt die Einkäufe und ihr Sabbatical nach Hause zu Mann und Kindern. Und nicht an den Strand in der Südsee.

Karolin Pfeil sagt, sie durchlebe ihr Sabbatical in Phasen. Die erste stehe unter dem Zeichen "Ersatzbefriedigung". "Es war so schwierig, aus meinen Routinen zu kommen", erzählt sie. "Das erste halbe Jahr habe ich weiter To-Do-Listen geschrieben und abgearbeitet." Sie schuftet zehn Stunden am Stück im Garten, richtet eine perfekte Konfirmation aus, und dann ist da noch diese Lackierzeit. "Die war am Schlimmsten. Total gestört, ich konnte nicht aufhören."

Phase 2: "Zeit für Gedanken"

Sie schließt die Haustür auf, stellt die Einkäufe auf den Küchentisch und erzählt, wie sie dann nahtlos in die zweite Phase gerutscht sei. Sie nennt sie "Zeit für Gedanken". "Zum ersten Mal in meinem Leben musste ich mich mit mir selbst beschäftigen. Das ist schwer auszuhalten." In den vergangenen Jahren habe sie vieles unter den Teppich gekehrt. Es habe schlicht keine Zeit gegeben, Gefühle zuzulassen. Und die Emotionen, die kämen nun umso heftiger: "Wer tut hier eigentlich was für mich?", fragt sie. Wenn sie das sagt, klingt es so, als verzweifle sie kurz am Leben.

Genau in dieser Phase sei es dann eskaliert. Wegen zweier Geburtstagskuchen. Als Mama einer Patchwork-Familie kümmert sich Karolin Pfeil natürlich auch um die Kinder ihres neuen Mannes. In der Annahme, sie habe ja jetzt viel Muße, wird sie gebeten, zwei Schokoladenkuchen für den Kindergeburtstag der Zwillinge zu backen. Karolin Pfeil rastet aus und kriegt sich ein paar Tage nicht mehr ein. "Alle dachten, ich habe ja jetzt Zeit, um ihnen zu helfen. Das hat die doch vorher auch gemacht, das kann die doch jetzt erst recht." Aber: Will sie überhaupt helfen? Karolin Pfeil backt nicht. Ihr Umfeld reagiert darauf mit Unverständnis. Ein Nein wird als Affront gedeutet.

Phase 3: "Mit sich selbst aushalten"

Aber dieses Nein-Sagen, das hat sie dann gelernt. Aus dieser Phase geht es direkt in Phase drei. In der stecke sie noch immer, sagt sie. Zumindest fühle es sich so an. Sie beschreibt die Phase so: "Ich versuche, es mit mir selbst auszuhalten". Die meiste Zeit verbringe sie alleine zu Hause. Wenige Verabredungen, total frei sein ist das Ziel. Kein Backen, kein Treppenhaus, keine To-Do-Listen. Das gelinge mal mehr und mal weniger gut. Aber so langsam, sagt sie, baue sich ihr Energie-Guthaben wieder auf.

Und nun ist eben schon so viel Zeit des Sabbaticals vergangen. "Die Auszeit ist kein nettes Geschenk, sondern höchste Zeit. Der Rücken war das Signal. Aber in Wirklichkeit waren die ganzen letzten Jahre zu viel", sagt sie.

Karolin Pfeil ist nachdenklicher geworden. Ein Mensch in ihrem engsten Umfeld ist schwer erkrankt, Zeit für neue Erkenntnisse: "Das Leben ist unfair und unberechenbar." Sie selbst hat eine zweite Bandscheiben-OP hinter sich. Doch die Erlebnisse der letzten Monate machen für sie den entscheidenden Unterschied: "Ich nehme es diesmal gelassen. Ich quäle mich nicht mit Fragen wie: Wieso mir, wieso ich jetzt. Sondern ich sage: Wunderbar, ich habe Zeit, um gesund zu werden." Hinnehmen, annehmen, was ist. 

Vor einigen Wochen hat Karolin Pfeil ihren Kindern zwei Hasen geschenkt. "Aber eigentlich sind es meine Hasen", sagt sie und lacht. Und während die beiden frei durch die Küche und das riesige Wohnzimmer hoppeln, anhalten, schnuppern, antike Holzmöbel annagen und TV-Kabel durchbeißen, geht Karolin Pfeil wieder ins Wohnzimmer, lässt sich auf die Couch plumpsen und beobachtet die beiden zufrieden. "Dass ich diesem Treiben stundenlang zusehen kann, zeigt doch, dass das Sabbatical nicht das Schlechteste war." Sie klingt dabei, als wolle sie sagen: Man muss es erleben, um zu lernen.

*Karolin Pfeil heißt im wirklichen Leben anders. Sie möchte anonym bleiben.

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