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Aussteigen auf Zeit

Leben und Arbeiten: Sabbaticals für alle! Wie wir von einer Auszeitkultur profitieren

Die lange Pause von Job und Alltag wird für immer mehr Berufstätige möglich. Warum davon nicht nur Einzelne, sondern auch Unternehmen und sogar die ganze Gesellschaft profitieren können.

Sabbatjahr: Dieses Wissen hilft dir, dein Sabbatical zu bekommen

Wie sehr man sich selbst doch überraschen kann. Dass sie begeisterungsfähig war, wusste Lena Hackforth, 35 (Bild oben), schon immer. Aber dass sie auch versteht, ihr Team mitzureißen und zu neuen Leistungen und kreativen Gedanken zu inspirieren, dass sie gut zuhören und Menschen aufbauen kann – das wurde ihr erst bewusst, als sie sechs Monate mit dem Rucksack durch Südamerika unterwegs war – und dort nicht nur neue Freunde gewann, sondern den einen oder anderen aktiv unterstützen konnte, sich mehr zuzutrauen. Beim Bergsteigen etwa, oder in der einen oder anderen Lebensfrage. 

Zwei Jahre hatte die Sportökonomin aus Nürnberg auf ein Drittel ihres Gehalts verzichtet und war dann bei einer Fortzahlung von drei Vierteln ihres Gehalts unterwegs gewesen – mit dem Sanktus ihrer Firma und nur wenigen Plänen. „Ich habe mich selbst auf dieser Reise ganz neu kennengelernt“, sagt Lena Hackforth. „Einmal von allem wegzukommen hat mir geholfen, mich selbst klarer zu erkennen und damit auch meine Stärken und Bedürfnisse. Und wie ich mein Arbeitsleben diesen Bedürfnissen anpassen kann, statt es wie bisher umgekehrt zu machen.“ Was sie dabei am meisten überraschte: „Ich bin dadurch nicht schlechter, sondern viel besser in meinem Beruf geworden.“

Es ist noch gar nicht so lange her, da bestimmte der Job fast alles in unserem Leben – wann wir aufstehen, wie oft wir unsere Kinder sehen, manchmal sogar, in welcher Stadt wir leben. Doch seit ein paar Jahren halten Begriffe Einzug in unseren Wortschatz, die einen gesellschaftlichen Wandel beschreiben: "Work-Life-Balance". "Achtsamkeit". Und: "Sabbatical". Die vom Arbeitgeber unterstützte Auszeit vom Job ist nicht mehr bloßes Programm für Uniprofessoren. Der Begriff muss auch nicht mehr erklärt werden in einer Gesellschaft, die Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ in ihren Kanon aufgenommen hat und zusehends runter will von der Überholspur: abbremsen, einordnen, durchatmen. Geht doch auch langsamer, das alles, und außerdem: Der Weg ist das Ziel. Wo lange die totale Verfügbarkeit gepredigt wurde, gilt es heute bereits als unkollegial, wenn Chefs ihren Mitarbeitern am Wochenende E-Mails schicken. Deutschland denkt um. 

Bewusstseinswandel

Als der stern vor elf Jahren einen Report über Sabbaticals brachte, galten Menschen, die eine Auszeit um ihrer selbst Willen machten, als Exoten. Damals schrieb Bernd B., Leser aus Schwanstetten, an die Redaktion: „Ein Ausstieg für sechs oder mehr Monate ist nur dann möglich, wenn Sie entweder einen wirklich unwichtigen Job haben oder den Arbeitgeber sowieso demnächst verlassen möchten. Kein Unternehmen wird eine verantwortungsvolle Position so lange freihalten."

Damals fürchteten 56 Prozent der Arbeitnehmer Nachteile im Beruf, wenn sie eine Auszeit nähmen. Ein Jahr später kam „Flexi-II“, ein Gesetz, das die Rahmenbedingungen für Wertguthaben von Arbeitsstunden verbesserte,  auf deren Basis Sabbaticals genommen werden: Im Rahmen einer mit dem Arbeitgeber geschlossenen Vereinbarung spart man Arbeitszeit an, die man anschließend nach Belieben abbummelt, bei fortlaufenden Gehaltszahlungen.

Bernd B.s Voraussage hat sich nicht erfüllt: Heute bieten bereits über 40.000 Unternehmen in Deutschland die Möglichkeit, ein Zeitsparkonto einzurichten und im sicheren Rahmen des Arbeitsvertrags eine Auszeit zu nehmen. Im öffentlichen Dienst ist das Sabbatical längst Standard. Jeder zehnte Deutsche hat bereits eine Auszeit vom Job genommen. Bei den 50 bis 59-Jährigen sind es rund 22 Prozent, bei den 18- bis 24-Jährigen bereits 43 Prozent.  

„Weil ich es mir wert bin“, eigentlich der Werbeslogan einer Shampoomarke, hat sich zum Motto einer ganzen Generation entwickelt. Die heute Zwanzig- bis Dreißigjährigen sind die erste Generation seit 1945, die nicht mehr Vermögen erwirtschaften wird als die ihre Eltern. Rentenangst, Wirtschaftskrisen und der Anblick ausgebrannter Mütter und Väter hat bei vielen Jungen zur Erkenntnis geführt: Es geht im Leben um mehr als um den beruflichen Erfolg und das dritte Auto in der Garage. Und: Wo kein Vermögen zu holen ist, muss der Sinn der Arbeit eben woanders gesucht werden.

Und die Arbeitgeber? Ziehen mit. Weil sie erkennen, wie viel es dem Unternehmen bringen kann. Kluge Manager sind daran interessiert, gute Leute (gesund) zu halten. Eine Auszeit als Burnoutprophylaxe ist günstiger als Nachversorgung und Therapie. Das Sabbatical als Jobanreiz spart Ressourcen, denn Fluktuation kostet Geld und wertvolles Know-how geht verloren. Auch der Wettbewerbsvorteil ist ein Faktor: In einer technisierten Gesellschaft, in der Roboter zunehmend manuelle Arbeit übernehmen, sind die größten Werte Innovation, Design und Kreativität. Dass Auszeiten besonders Letztere steigern, propagiert Stefan Sagmeister, legendärer Kreativagenturbesitzer in New York, seit Jahrzehnten. Der gebürtige Österreicher kreierte unter anderem berühmte Albumcover für die Rolling Stones und Lou Reed. Er machte das Sabbatical schon in den Neunziger Jahren zum Unternehmensprogramm: Alle sieben Jahre legt er für zwölf Monate eine Pause ein. In dieser Zeit sind auch seine Mitarbeiter angehalten, den Kopf freizukriegen, zu reisen und – losgelöst von Kundenvorgaben, Budgets oder Trends – Ideen zu entwickeln. „Ich habe mehrfach beobachtet“, berichtet Sagmeister dem stern, „dass die Ideen zu den besten Projekten, die ich in den folgenden sechs Jahren umgesetzt habe, alle in diesem einen Jahr Pause geboren wurden.“ 

Als er seine letzte Auszeit nahm, wollte er zum ersten Mal alle Mitarbeiter freistellen. "Wir hatten gute Jahre hinter uns und konnten es uns leisten", sagt er. "Aber meine neue Partnerin Jessica Walsh entschied dann, dass sie sich noch zu jung fühlte und erst mehr Arbeiten abliefern wollte." So nahm eben nur Sagmeister sein Sabbatjahr, reiste nach Mexico City, Tokyo und in die österreichischen Alpen, während Jessica Walsh die Agentur offen hielt. Auch das gehört zur perfekten Auszeit: den richtigen Zeitpunkt dafür selbst zu bestimmen.

Gerade Menschen, die in Jobs tätig sind, die Innovation und Kreativität fordern, davon ist Stefan Sagmeister überzeugt, können von Auszeiten nur profitieren. Aber nicht nur der Einzelne, auch das Unternehmen hat etwas davon. Denn zuerst einmal bedeutet ein Sabbatical für jede Firma einen erhöhten Organisationsaufwand: Vertretungen müssen gefunden und Übergaben gemacht werden, es kommt Unruhe in einzelne Abteilungen. Der Amerikaner David Burkus, Professor für Management und Bestsellerautor, ermuntert Unternehmen, es trotzdem zu wagen:   "Es gibt genügend Studien, die beweisen, dass Sabbaticals die Entdeckung von Potenzial bei Mitarbeitern fördern, die etwa Vertretungen übernehmen oder einmal etwas anderes ausprobieren wollen." Führungskräfteentwicklung, Nachfolgeplanung – "Zeit weg von der Arbeit macht die Arbeit besser", ist David Burkus sicher. Seine Ansichten untermauert er mit zahlreichen Studien. "Es hat sich gezeigt, dass viele interimistische Führungskräfte nach der Rückkehr in ihre alten Positionen effizienter und verantwortungsbewusster waren – und mitunter sogar die gesamte Führungsstruktur verbesserten." Seine Conclusio: "Sabbaticals machen nicht nur den besser, der die Auszeit nimmt – sondern sein ganzes Unternehmen." 

Was sich noch ändern muss

Der Arbeitsrhythmus hat die Gesellschaft immer schon geprägt und strukturiert. Vielleicht ist die steigende Zahl der Sabbaticals auch ein Hinweis darauf, dass wir auf dem Weg zur hochtechnisierten Dienstleistungsgesellschaft von immer älter werdenden Menschen sind, in der wir nicht bis 65, sondern bis 75 arbeiten. Längere Pausen für die arbeitende Bevölkerung werden womöglich irgendwann sogar verpflichtend, weil es gar nicht mehr anders geht. Bisher sieht die typische Berufslaufbahn drei Phasen vor: Lernen, Arbeiten, Ausruhen. Stefan Sagmeister, der Kreative aus New York, propagiert ein anderes Modell: „Ich habe irgendwann gedacht, es ist doch besser, die Arbeitspausen gleichmäßig auf das gesamte Berufsleben aufzuteilen, statt alles ans Ende zu setzen.“ Sein erstes Sabbatical nahm er mit 38, das zweite mit 46, das dritte mit 54 Jahren. "Ich habe also noch ein Sabbatical vor mir, bevor ich mit 65 Jahren das Rentenalter erreiche." 

Aber nicht nur Kreative brauchen mal eine Auszeit. Wichtig wäre es, dass nicht nur vom Arbeitsmarkt umschmeichelte Fachkräfte mit Zeitsparkonten gelockt werden. Es ist schön, dass BMW und Siemens Sabbaticals möglich machen. Noch schöner wäre es, wenn auch Amazon seine Picker standardmäßig in die Auszeit schicken würde, ein Seniorenheim seine Altenpflegerinnen, Supermärkte ihre Kassiere. Die Auszeit vom Beruf als einkommens- und schichtenübergreifendes Ereignis könnte den Bewusstseinswandel einer Gesellschaft mittragen, die ohnehin überlegen muss, wie sie neben Ozon- und Feinstaub- auch ihre Stresswerte senkt. In 17,2 Prozent der Unternehmen ist ein Sabbatical gar nicht, in fast 20 Prozent nur eingeschränkt möglich. Irgendwann sollte sich jede Branche die Frage stellen: Warum eigentlich? 

Der Weg zur Auszeitkultur ist zum Teil also noch mit Fragezeichen und Hindernissen verstellt. Das größte dürfte jedoch in uns selbst liegen, zeigte die Umfrage von XING. Danach gefragt, was ihr Sabbatical bisher verhindert habe, gab mehr als die Hälfte der Auszeitwilligen an: "Weil ich noch nicht gefragt habe."

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