HOME
Aussteigen auf Zeit

Sabbatical: "Lernen, im Moment zu leben"

Lena Hackforth, 35, Sportökonomin aus Nürnberg, war sehr jung schon sehr erfolgreich. Doch konnte das wirklich schon alles gewesen sein? Sie wagte den Ausstieg aus dem Hamsterrad - und reiste ein halbes Jahr allein durch Südamerika. 

Das Leben geht so schnell vorbei, dachte ich, dabei war ich gerade erst dreißig geworden. Ich hatte mein Studium in kurzer Zeit absolviert, Volleyball in der Bundesliga gespielt, dazwischen fuhr ich, wann es ging, in die Berge zum Skifahren und Mountainbiken. Neben der Sportuni hatte ich in verschiedenen Jobs gearbeitet und ein Auslandssemester in Valencia verbracht. Dann noch ein Auslandspraktikum, als Volunteer zu den Olympischen Spielen – und anschließend gleich ordentlich in den Beruf reinhängen, denn man will ja etwas erreichen … Mein Leben war also immer randvoll mit Aktivitäten, aber dadurch auch mit Verpflichtungen – und Terminen. 

Irgendwann merkte ich, dass mir etwas fehlte. Dass ich raus wollte aus meinem selbst geschaffenen Hamsterrad. Ich wollte einmal frei von allem sein, mir Zeit schenken, das Leben in vollen Zügen genießen. Und ich wusste auch, wo: in Südamerika, davon hatte ich schon lange geträumt. 

Als ich in meiner Abteilung sagte, ich würde gern für ein Sabbatical ansparen, war das kein Problem. Im Gegenteil: Viele Kollegen bewunderten diesen Schritt. Ich glaube sogar, der eine oder andere wäre am liebsten selbst losgezogen. Ich war im Social Media Bereich eines internationalen Sportartikelherstellers tätig, da lebte ich das ganze Outdoor-Freiheits-Gefühl natürlich mit, meist jedoch nur digital. Mitarbeiter dürfen alle fünf Jahre eine Auszeit nehmen, das gehört bei uns zur Unternehmenskultur. Es galt nur, einen geeigneten Zeitpunkt und eine Vertretung für mich zu finden. Wir mussten also länger vorausplanen. Es gab viel zu organisieren, aber nicht um meine Auszeit kämpfen zu müssen, nahm mir von Anfang an viel Druck.

Unterwegs. Ich stieg im Oktober 2015 ins Flugzeug nach Lima. Von dort aus wollte ich weiterziehen, den Rückflug buchte ich für April. In Peru vor Ort einen Bergführer zu organisieren, obwohl die Klettersaison gerade zu Ende war, wurde zur ersten Herausforderung. Ich fand schließlich einen: Percy hieß er, und er meinte nur: "Akklimatisiere dich eine Woche, dann geht’s los." Und so war es auch.

Es tat gut zu wissen, dass jeden Monat Geld hereinkam und ich in meinen Job zurückkonnte. Das gab mir eine gewisse Sicherheit und half mir beim Loslassen. Trotzdem bin ich sehr einfach gereist, meist mit Bussen, nur ganz lange Strecken bin ich geflogen. Auf diese Art lernte ich ständig neue Leute kennen – im Hostel, beim Camping, beim Couchsurfen oder über Freunde von Freunden von Freunden … Das Bergsteigen und Reisen als gemeinsame Interessen nahm dabei viele Anfangshürden. 

Meine glücklichste Zeit waren die Wochen in El Chalten in Patagonien, einem Dorf mitten in den Bergen. Da war eine nette Truppe, der ich mich anschloss. Tagsüber gingen wir klettern, abends kochten wir gemeinsam, sangen, lachten und redeten. Wir zelteten auch in den Bergen. Ich sehe es noch deutlich vor mir: Ein paar Leute kümmern sich um die Feuerstelle, über der ein Topf hängt, in dem es verheißungsvoll brodelt. Irgendwo klimpert jemand auf der Gitarre. Du siehst hinauf zu den Bergen, deren Silhouetten sich gegen den dämmrigen Himmel abzeichnen … In solchen Momenten konnte ich mir vorstellen, für immer auszusteigen.

Alleine in Südamerika unterwegs zu sein war mit kleinen, aber wichtigen Vorsichtsmaßnahmen verbunden. Ich habe keinen Schmuck und meine Wertsachen immer am Körper getragen. Mit meinem Rucksack machte ich auch nicht den Eindruck, dass viel bei mir zu holen sei. Ich habe mich in jeder Stadt erkundigt, welche Gegenden ich meiden soll und bin auch nicht alleine losgezogen. Von Woche zu Woche lernte ich, mich mehr auf mich selbst zu verlassen. In der Fremde zu bestehen gab mir ein ganz neues Selbstvertrauen – im wahrsten Sinn des Wortes: Ich konnte tatsächlich „auf mich selbst vertrauen“, auf meine Intuition, meine Fähigkeiten.

Ich habe mich während dieser Monate verändert. Oder sagen wir: Ich bin gereift. In Südamerika wird viel übers Leben und das Selbst philosophiert. Ich habe mich in dieser Zeit viel mit mir selber beschäftigt und erkannt: Für mich geht es im Leben darum, Zeit mit lieben, interessanten und mir wichtigen Menschen zu teilen. Und wenn mal etwas schiefgeht oder eine Situation uns an unsere Grenzen bringt, dann sind es oft genau diese Momente, die am Ende die größte Zufriedenheit bringen. Sie sind ein Geschenk, um zu lernen und zu wachsen. Man muss es nur annehmen und darf keine Angst vor Fehlern haben. Und als ich in Kolumbien durchs Nachtleben von Medellin streifte, da merkte ich, dass ich dort angekommen war, wo ich immer hin wollte: nicht in einem bestimmten Land, sondern im Hier und Jetzt. 

 Wieder zuhause. Ich lebe nun wieder in Nürnberg. Zwei Jahre sind seit meiner Auszeit vergangen. Nach meiner Rückkehr habe ich innerhalb des Unternehmens die Position gewechselt, leite jetzt die Kommunikation für eine Submarke. Ich habe außerdem gemerkt, dass ich meine Leidenschaften teilen und gern etwas weitergeben möchte. Also habe ich eine Ausbildung zum Skitourenguide gemacht – und dann noch eine zum Coach. Denn noch etwas habe ich während meiner Auszeit über mich selbst gelernt: dass ich Menschen begeistern und motivieren kann. Davor war mir das nicht so klar. Heute unterstütze ich andere dabei sich selbst besser kennenzulernen, mentale Blockaden zu lösen und Visionen in die Realität umzusetzen, ihre eigenen Potentiale voll zu entfalten – und vielleicht mit einer gut geplanten Auszeit zu beginnen.

Unterwegs bin ich immer noch viel, aber mit mehr Leichtigkeit und weniger Planung. Ich habe mein Leben entschleunigt und nicht mehr das Gefühl, etwas zu verpassen. Im Gegenteil: Erst, seit ich mir Zeit gebe, hat sich mein Leben voll entfaltet – und ich mich mit ihm.


Wie Lena Hackforth als Coach Menschen unterstützt, verrät sie auf ihrer Website www.lenahackforth.com.


Lesen Sie jetzt: 

Udo (62) ist ein gefragter Fernsehjournalist. Sein größtes Erfolgserlebnis hatte er jedoch während seiner Auszeit in einem alten Klostergarten

Familie Hahn (37, 36, 14, 12) bereiste fast ein Jahr lang Europa. Das gemeinsame Abenteuer schweißte die Vier noch mehr zusammen.

Sabbaticals für alle: Unser Plädoyer für eine Auszeitkultur



Protokoll: Sylvia Margret Steinitz