HOME

Basejumping: Höllentrips mit Fallschirm

Wenn Felix Baumgartner ein Treppenhaus hochsteigt, geht er nicht ins Büro. Von Beruf Basejumper, springt er von Brücken und Wolkenkratzern. Sein ständiger Begleiter ist der Tod.

Von Daniel Hopkins

An seinen ersten Base-Sprung kann sich Felix Baumgartner noch genau erinnern. Mit vielen anderen Basejumpern wagte er 1996 den Sprung von der New River Gorge Brücke im US-amerikanischen West Virginia. Dort werden jedes Jahr am dritten Oktoberwochenende die inoffiziellen Weltmeisterschaften im Base Jumping veranstaltet. Nervös sei er damals nicht gewesen. "Mindestens 20 mal bin ich vorher die Brücke im Kopf heruntergesprungen", sagt der 37-Jährige zu stern.de. Nur ein Jahr später gewinnt er als Frischling die Meisterschaft. "Eine kleine Sensation", sagt Baumgartner.

Seither hüpfte der Österreicher insgesamt 135 mal mit dem Fallschirm todesmutig von festen Objekten. Oft im wahrsten Sinne des Wortes mit den Gesetzeshütern im Nacken. Denn Base Jumping - das Springen von festen Objekten (b.a.s.e.= building (Gebäude), antenna (Antenne), span (Brücken) und earth (Erde) - ist in den meisten Ländern verboten. Als der Extremsportler im September 2004 von der "Puente de las Americas" über dem Panamakanal sprang, wurden Baumgartner und sein Organisationsteam verhaftet.

Tagelang mussten sie im Gefängnis ausharren. Obwohl es ausgerechnet in Panama kein Gesetz gibt, das Base Jumping verbietet. Also sollte es den Europäern wegen der "Gefährdung des Kanals" an den Kragen gehen. . "Die Behörden wollten ein Exempel statuieren", glaubt Baumgartner. Denn in den Medien wurden er und seine Crew zwar als Helden verehrt, der Staat jedoch wegen der mangelhaften Sicherheit über der größten Schifffahrtsstraße der Welt verhöhnt. "Damals war mir schon etwas mulmig bei der Sache", sagt der Basejumper. Ein Schuldspruch hätte einige Jahre Gefängnis bedeutet. Auf Druck der österreichischen Botschaft und der Medien nahm das Abenteuer allerdings noch ein glimpfliches Ende. In Panama gilt der Ikarus aus Europa aber seither als unerwünscht.

"Zuviel Wind bedeutet Abbruch"

Damit es andernorts erst gar nicht zu solch brenzligen Situationen kommt, "bedarf es einer guten Organisation", sagt Baumgartner, der über 2600 reguläre Fallschirmsprünge aufweisen kann. Der Weltrekordhalter (niedrigster Base-Sprung von der Christus Statue in Rio de Janeiro sowie höchster Base-Sprung von den Petronas Twin Towers in Kuala Lumpur) muss sich dabei auf sein eingespieltes Team verlassen. "Bis ins kleinste Detail wird ein Sprung vorbereitet", sagt der 37-Jährige. Nur ein winziger Fehler könne in einer Katastrophe enden. Nicht zuletzt entscheidet das Wetter - Freund und Feind zugleich - über den Zeitpunkt des Absprungs. "Zuviel Wind bedeutet Abbruch."

Die Komponente Wetter sei eine von vielen anderen Faktoren, die zunehmend beim Base Jumping unterschätzt werden. "Ich fürchte, der Ernst der Sache geht bei unserem Sport langsam verloren", sagt Baumgartner. Für ein schlechtes Image des Trendsports sorgen besonders Anfänger, die unvorbereitet in die Tiefe stürzen und sich schwer verletzen oder gar ums Leben kommen. "Viele verschreien uns Basejumper als Adrenalinjunkies und potenzielle Selbstmörder. Das ist völlig abwegig", sagt der Österreicher. Denn sterben will keiner von ihnen.

Im Gegenteil: "Der Gedanke an den Tod stresst mich mehr als der Sprung selbst." Dabei meine Baumgartner nicht den Prozess des Sterbens an sich, sondern vielmehr die Angst davor, nicht weiterhin am Geschehen in der Luft teilzuhaben. Dass der Tod bei dem riskanten Sport stets lauert, vergisst Baumgartner trotzdem nicht. "Ich habe immer großen Respekt vor jedem Sprung", sagt er.

Und wie lange will Baumgartner seine Passion noch ausleben? "Ich möchte in drei bis vier Jahren aufhören. Irgendwann muss man sich eingestehen, dass man für diesen Sport zu alt wird", sagt er. Seine spektakulärsten Sprünge kann er sich dann immer noch anschauen. Denn die Erinnerungen an seine luftigen Abenteuer bannte der Himmelsreiter auf eine DVD, die unter anderem auf seiner Homepage vertrieben wird.

Baumgartner will keine Nachahmer

Für Lehrstunden steht Baumgartner jedoch nicht zur Verfügung. Auch nicht nach seiner aktiven Zeit. "Diese Verantwortung vermag ich nicht zu übernehmen." Falls doch einmal etwas schief gehe, könne er den Eltern nicht ins Gesicht schauen. Solche Tragödien wolle er sich ersparen. Bis zur Rente warten aber noch andere große Herausforderungen auf ihn. In Kürze möchte Baumgartner ein Base-Projekt im Oman verwirklichen. Und derzeit tüfteln er und sein Team an einem "Riesenprojekt". Mehr könne und wolle er jedoch nicht verraten. "Wir wollen die Aktion ja nicht gefährden."

Mehr erfährt stern.de aber über seine Pläne nach seinem letzten Base-Sprung. Der 37-Jährige hat sich neben dem Fallschirmspringen vor wenigen Wochen seinen zweiten großen Lebenstraum verwirklicht: er machte seinen Pilotenschein für Hubschrauber. Mit ihm wolle der Extremsportler seinen letzten großen Absprung schaffen: den Karrierewechsel zum Berufspiloten. Baumgartner ist überzeugt: "Auch der Job bietet Möglichkeiten der Extreme."

Wissenscommunity