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Alle reden über Berlin: Ist Berlin doch egal

Berlin ist immer wieder Thema hochemotionaler Artikel. Aber diese Stadt hat doch schon alles überlebt: den Zweiten Weltkrieg, die Teilung und auch die Schwabeninvasion. Der Moloch schüttelt sich, und weiter geht's in der Geschichte. Entspannt euch alle mal!

Von Sophie Albers Ben Chamo, Berlin

Wat kiekste so?! - die Berliner Bären

Der Berliner Bär bleibt entspannt.

Jeder hat eine Meinung zu Berlin. Egal, ob Sie noch nie da waren, zugezogen sind, mal ein Wochenende an der Spree Party machen duften oder – auf der Durchreise – vor dem Hauptbahnhof eine geraucht haben. Da ist Berlin wie Thilo Sarrazin (nur da, entschuldige, Berlin!): Es polarisiert.

Das ist auch der Grund für die nicht enden wollende Reihe von hochemotionalen Berlin-Artikeln. Gerade erst hat der "Faz"-Text "Muss man ganz Berlin-Mitte sprengen?" für künstliche Aufregung gesorgt. Der wiederum bezog sich auf das Flagellanten-Stück "Iss doch schön hier" im "Zeit Magazin". Meistens wird gehetzt (mal gegen Schwaben, mal gegen Hipster und immer gegen die Bierbikes), manchmal wird aber auch verteidigt (die Kultur, die Freiheit, der Spätkauf). Dazwischen ist es so leer wie vor dem Hauptbahnhof. Außer Sie sind ein echter Berliner, dann ist Ihnen dit allet schnuppe. Aber die gibt es immer seltener.

Berlin: der Fisherman's Friend unter den Städten

Baustellengerüst

Berlin war schon BER, bevor es den BER gab.

Also wird bei einem Bonanza-Kaffee im Prenzlauer Berg über den sozialen Abstieg von "Mitte" gestöhnt, in Cuxhaven sorgen Geschichten vom "Drogenpark" Görli oder dem gefährlichen RAW-Gelände für wohlige Gänsehaut, und ein Mann mit grauem Schnauzbart sagt in München "Berlin? Do bin i oamoi U-Bahn gefahrn. Des is nix fia mi." Das ist erstaunlicherweise genau der Satz, den sich die emotional von Bierbikes angefahrenen Neu-Berliner niemals zu sagen trauen würden: "Das ist nichts für mich." Damit würden sie ja zugeben, dass Berlin zu hart für sie ist. Ja, wo sind sie denn, sie waren doch eben noch da?

Berlin war schon immer der Fisherman's Friend unter den deutschen Städten. Denn – und das ist eines der Geheimnisse dieser schrecklichen Schönheit: Berlin ist es egal, wer du bist, woher du kommst und wo du hin willst. Diese Metropole verplempert ihre Zeit nicht damit, hübsch zu sein oder sich selbst infrage zu stellen. Das tun immer nur die anderen. Berlin hat sie alle überlebt: die Nazis und den Zweiten Weltkrieg, die Teilung und die Wiedervereinigung, und auch die Schwaben. Der Moloch schüttelt sich, und weiter geht's in der Geschichte. Da können tausend Investoren kommen. Fahren Sie mal ins "angesagte" und "ausverkaufte" Neukölln. Ist noch lange kein Hamburg-Eppendorf, nicht mal Kirchenallée – und wird es auch nie werden. Versprochen.

Die ewige Baustelle 

Ein Neubau neben einem besetzten Haus in Berlin

Berliner Nachbarn

Berlin kommt auch mit den Luxusapartments klar, mit Airbnb, dem Häuserkauf am Block, der dysfunktionalen Mietbremse und den Rollkoffern (die kommen in manchem Bericht fast so schlecht weg wie die Bierbikes). Denn Berlin ist wie ein Haifisch, es muss immer in Bewegung sein. Diese Stadt ist die ultimative ewige Baustelle. Immer gewesen. Berlin war schon BER, bevor jemand die Idee hatte, einen Goldesel Flughafen zu bauen. Denn – und jetzt kommt die Berlin-Wahrheit, die diese Stadt so großartig macht: Hier ist Platz für alle. Für Haifische UND Goldesel, für den Alteingesessenen und den Zugezogenen, für den Friesen und den Schwaben, für Arme und Reiche, für Linke und Rechte, für Junge und Alte, für Kreative und Schluffis, für Teetrinker und Kaffeefanatiker, für urbanes Gärtnern und High-Tech-Start-ups, für Jogger und Nordic Walker. Und sogar für die Bierbikes – und ihre Gegner.

Die einzige Regel lautet: "If you can't stand the heat, get out of the kitchen." Immerhin kannst du hier kochen, was du willst.


Einer der besten Songs, der je über die Hauptstadt geschrieben wurde (natürlich "Schwarz zu Blau" von Peter Fox)

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