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RAW-Gelände Friedrichshain So sieht Berlins berüchtigter Partykiez aus

So sieht Berlin sich selbst gerne. Pulsierend, friedlich, links. Das RAW-Gelände, in Friedrichshain. Am Tag: Flohmarkt, Künstler und Sport.


In der Nacht Feierwütige aus der ganzen Welt. Ein etwa 10 Fußballfelder großes Areal. RAW steht in großen Lettern über dem Eingang, das Kürzel für Reichsbahnausbesserungswerk. Hier wurden zu DDR-Zeiten Loks und Waggons repariert. Heute steht RAW für Berlin-Feeling und Partyexzess. Ansässige wie der Pizzaverkäufer Mario nennen das Gelände den Technostrich Berlins. Das Leben ist wild – und gefährlich.


Mario: "Die Diebesbanden, also wie man sie schon nennen soll. Die sind irgendwie sehr aggressiv geworden. Früher war das bisschen anders. Die waren auch da. Aber jetzt in letzten Monaten sind sehr handgreiflich geworden. Also da geht's richtig zur Sache."


Vor wenigen Tagen überfielen Jugendliche die Sängerin der Band Jennifer Rostock. Ihr Freund wurde lebensgefährlich am Hals verletzt. Seitdem dreht sich das öffentliche Image der Partyzone. RAW stand für Spaß. Jetzt steht es für Gefahr. Gewaltbereite Banden lauern auf die Geldbörsen von Besuchern. Monatlich erfasst die Polizei rund 100 Taschendiebstähle. Beängstigend oder normal?


Mario: "Ja klar, also eigentlich jedes Wochenende passiert was. Aber natürlich nicht in diesem Ausmaß wie vor paar Tagen. Natürlich das ist eine bekannte Person dabei war, ist jetzt alles so extrem und jetzt ist das Sensation, aber eigentlich hat immer kleine Streiterei hier gehabt. Gehört irgendwie dazu. Viele Leute feiern und Alkohol konsumieren. Gibt es einfach Stress."


Eigentlich will niemand Stress. Nicht die Clubbesitzer, nicht die Nachtschwärmer, nicht die Touristen. Aber es gibt Stress. Nun werden die Sicherheitsprobleme des Geländes öffentlich diskutiert. Die Polizei zeigt Präsenz, macht Razzien. Im Internet empfiehlt sie: Nehmt nur das Notwendigste mit. Und haut ab, wenn es Stress gibt.

Partybesucherinnen: "Heute Abend, wenn wir hier Party machen, bleiben wir einfach zusammen, damit wir nicht alleine rumlaufen. Damit uns nichts passieren kann. Wir haben keine EC-Karte mit. Führerschein, Ausweise alles zu Hause gelassen. Einfach, falls etwas passiert, dass nicht allzuviel wegkommt. Einfach, dass wir auch einfach keine potentiellen Opfer sind."



Doch viele, die aus aller Welt hierherkommen, sind weniger vorsichtig. Bier, Joints, vielleicht auch härtere Drogen. Wer so richtig drauf ist, hat es nicht mehr unter Kontrolle. Nadine beobachtet das Treiben Nacht für Nacht.



Nadine: "Die machen Spaß, manchmal kriegen gar nicht mit. Die feiern einfach, scheißegal. Ob die trinken, ob die kotzen, ob die was nehmen, ob die irgendwas ist. Die wollen einfach feiern. Und Schluss."



Je später die Nacht, desto voller Nadines Einkaufswagen. Das Gelände strahlt einen verruchten Charme aus, gerade das lockt die Menschen an. So wird es vermutlich bleiben – trotz des schockierenden Überfalls auf Jennifer und ihren Freund.



Nadine: "Denkst du ist erste Mal, dass es sowas gegeben hat? Ich glaube nicht. Die gegenseitig haben sich letzte Mal fast umgebracht. Einer hatte ganze Hand geschlitzt, der andere das und nächste morgen hatte Pflaster auf Hand, wie nix passiert. Ich sag ja, in zwei drei vier Wochen ist das alles vergessen, was hier war. So ist das. Und bleibt. Berlin."



Für Nadine steht fest: Sie kommen alle wieder. Die Dealer und die Diebe. Sobald sich der Trubel etwas gelegt hat. Die Polizei und der Besitzer des Geländes wollen die Straßen und Gassen nun besser beleuchten. Viele Hecken wurden gestutzt, hinter denen sich Diebe verstecken konnten. Und unter denen Drogendepots angelegt wurden.


Maßnahmen, die am nächsten Tag kaum einer sieht. Jetzt ist das RAW-Gelände wieder so, wie es Berlin gerne immer hätte: friedlich, pulsierend und ein bisschen neben der Spur. Aber das ist nur ein Ausschnitt. Nach Sonnenuntergang regiert hier wieder die Partygesellschaft – Kriminelle inklusive.
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Das RAW-Gelände ist Berlins größte Partyzone - mit einer hohen Kriminalitätsrate. Spätestens nach dem Überfall auf Sängerin Jennifer Weist ist der Kiez als Brennpunkt bekannt. Der stern hat sich umgesehen.
Von Djamila Grossman und Philipp Weber

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