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Chemieunfall bei Soltau Zwischenfall im Mirácoli-Werk zwingt Bürger aufs Feldbett


Teile von Bad Fallingbostel sind menschenleer, überall stehen Polizeisperren. Rund 1800 Anwohner des Kraft-Lebensmittelwerks verbringen die Nacht nach dem Chemieunfall in Notunterkünften.

Nathalie Leno trägt ihre kleine Tochter behutsam auf dem Arm durch die riesige Veranstaltungshalle. Das 15 Monate alte Mädchen bekommt Zähne und hat Fieber. Die Mutter hat die ganze Nacht nicht geschlafen, sie hofft, dass die Sperrung der Stadt nach dem Chemieunfall im Kraft-Lebensmittelwerk bald aufgehoben wird. "Da ist man erstmal ein bisschen baff, man weiß nicht, was auf einen zukommt", sagt Leno zur Situation in der Heidmarkhalle, in der sie mit etwa 300 Menschen auf Entwarnung wartet. Sie lobt die Helfer und Offiziellen: "Die reden nichts schön, da kommt kein Unmut auf."

Feldbetten, Sanitätsstation, Getränke- und Essenausgabe - freiwillige Helfer von Feuerwehr und Rotem Kreuz (DRK) haben aus der Halle rasch eine funktionierende Notunterkunft gemacht. Am Mittag erscheint Einsatzleiter Jan Bauer inmitten ballspielender Kinder und kündigt an, dass draußen jetzt eine Hüpfburg aufgebaut werde.

Deo und andere Drogerieartikel seien auf dem Weg, auch Wäsche und Bekleidung - schließlich konnten die meisten Menschen kaum etwas mitnehmen. Manche Dinge habe das DRK nicht auf Lager, das müsse dann in den umliegenden Geschäften besorgt werden, sagt der 31 Jahre alte Mann vom Kreisverband Harburg. Auch Spenden gebe es. Gerade habe ein Bäckerei eine ganze Ladung Brötchen angeliefert.

Von Windeln für Babys bis Hundenahrung reicht die Palette der Dinge, mit denen die Wartenden versorgt werden. Nur Zahnbürsten sind im Moment vergriffen. "Wir haben mehr als 400 Zahnbürsten verteilt", wundert sich ein junger DRK-Mitarbeiter. Eigentlich hätten die für alle reichen müssen. Mitten in der Nacht seien sie geweckt worden und hätten sich auf den Weg gemacht, erzählt die DRK-Freiwillige Janina Leuschnert und bereitet die Ausgabe des Mittagessens vor.

Die 71 Jahre alte Irena Dörntge sitzt müde neben ihrem Mann an einem Tisch. "Wir haben nicht geschlafen", sagt sie. Zu laut und unruhig. Dennoch kein Wort der Kritik. Im Gegenteil, die Helfer seien sehr bemüht: Ihr zuckerkranker Mann habe Insulin bekommen, sie seien mit allem versorgt. "Die Ärzte tun ihr Möglichstes." Nur nach Hause sollte es bald wieder gehen, wünscht das Rentnerehepaar.

Sie wohnen direkt neben der Fabrik. "Vom Balkon aus kann ich die Tanks sehen", sagt Dörntge. Am Abend habe es doch einige Verwirrung wegen der Evakuierung der Stadt gegeben. Erst hätten sie die Durchsagen nicht gehört und seien später auf die Straße gegangen. Dort habe man ihnen gesagt, sie müssten sofort in einen Bus einsteigen. "Wir wussten nicht, worum es eigentlich ging."

Weil das Radio in der Halle läuft und auch Landrat Manfred Ostermann (parteilos) zu den Wartenden gesprochen hat, wissen alle inzwischen, dass Natronlauge und Salpetersäure irrtümlich in einem Tank der Mirácoli-Fabrik zusammengeschüttet worden waren und sich daraus eine giftige Wolke gebildet hatte.

Auch Feuerwehrsprecher Thomas Bösewill aus dem Heidekreis Süd ist schon seit vielen Stunden im Einsatz und informiert die Medienvertreter über alle Entwicklungen. Die vielen Helfer seien nur da, weil ihre Arbeitgeber bereit seien, sie freizustellen. Das verdiene auch Lob, meint er zwischendurch.

von Sönke Möhl, DPA DPA

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