HOME

Erdbeben in Italien: "Ich konnte nicht mehr atmen!"

In Mittelitalien herrscht nach dem verheerenden Erdbeben Chaos - das historische Zentrum von L' Aquila gleicht einem Trümmerfeld. Die Regierung hat sämtliche Hilfskräfte mobilisiert. Feuerwehr, Sanitäter, Karabinieri und das Militär sind im Einsatz. Doch sie gelangen nur unter Mühen zum Einsatzort.

Von Luisa Brandl, Rom

Vor dem Studentenheim in Aquila hocken junge Leute in Decken gehüllt im Gras und nippen heißen Tee. Der Schrecken ist ihnen anzusehen. Ihr Wohnheim ist in der Nacht eingestürzt, ein Gebäudeflügel ganz in sich zusammengefallen. Helfer sind dabei, den Bauschutt mit bloßen Händen wegzuräumen, weil kein Fahrzeug sich der Stelle nähern kann. Sie suchen nach Vermissten. 120 Studenten lebten hier, sieben sollen noch unter den Trümmern liegen. "Ich bin von den Erdstößen wach geworden", erzählt eine Studentin, "der Strom war ausgefallen, ich tastete mich im Dunkeln durchs Treppenhaus, ich konnte nicht atmen, überall war Staub."

Eine Spur der Verwüstung

Bei jedem Nachbeben müssen die Bergungsmannschaften ihre Arbeit unterbrechen, weil Einsturzgefahr droht. Und jedes neue Beben sät Panik unter den Menschen. Das nationale Institut für Geophysik und Vulkanologie behält die Situation im Blick. Noch am Vormittag wurden Stöße von 4,6 auf der Richterskala gemessen. Niemand mag vorhersagen, ob es wieder zu starken Erschütterungen wie in der Nacht kommen wird. Gegen 3.30 Uhr wurden die Menschen in der Abruzzen-Stadt Aquila aus dem Schlaf gerissen. Das Beben mit einer Stärke von 6,3 hinterließ eine Spur der Verwüstung in der Abruzzen-Hauptstadt und 26 umliegenden Dörfern. Das Epizentrum liegt 90 Kilometer östlich von Rom, doch die Ausläufer waren bis in die Region Marken hinein und in Rom zu spüren. In der italienischen Hauptstadt wurde eine Schule geschlossen.

Im mittelalterlichen Aquila ist die Kuppel einer Kirche eingestürzt und die Kathedrale wurde stark beschädigt, das historische Zentrum gleicht einem Trümmerfeld. Indes steigt die Zahl der Opfer stündlich: Mehr als 150 Menschen sind nach jüngsten Angaben gestorben, darunter fünf Kinder und sechs Bewohner des Dorfes Paganica, das nahezu dem Erdboden gleich gemacht wurde. 50.000 sind obdachlos und stehen auf der Straße. Bis heute Nacht sollen sieben Auffanglager für 7000 Menschen errichtet werden, 4000 sollen in umliegenden Hotels unterkommen. Zusätzliche Barackenstädte sollen gebaut werden. Regierungschef Silvio Berlusconi hat den nationalen Notstand ausgerufen, seine Moskau-Reise abgesagt und ist ins Katastrophengebiet gefahren.

Viel Arbeit für die Hilfskräfte

Die Regierung hat sämtliche Hilfskräfte mobilisiert. Feuerwehr, Sanitäter, Polizei, Karabinieri und das Militär sind im Einsatz. Doch sie gelangen nur unter Mühen zum Einsatzort, da die Straßen in der Region beschädigt und teils gesperrt sind. Die Autobahn A 24 Roma-Aquila-Teramo ist sogar komplett geschlossen. Der Verkehr ist vielerorts zusammengebrochen. Die Hilfe kommt nun aus der Luft, über der Stadt Aquila brummen die Helikopter. Obwohl das Land immer wieder von Erdbeben, wie zuletzt 2002, und anderen Naturkatastrophen heimgesucht wird und darauf gut vorbereitet ist, dauert es dennoch, bis die Helfer vor Ort sind.

"Ich war drei Stunden unter den Trümmern begraben, konnte mich nicht befreien. Zum Glück haben zwei Holzbalken verhindert, dass die Wand über mir einstürzte," berichtet ein Student. Er steht unter Schock, ist mit blauen Flecken und Schürfwunden übersät. Neben ihm liegt sein tot geborgener Mitbewohner. Für ihn sind die Rettungskräfte zu spät gekommen. Ein kleines Mädchen wurde aus dem Schutt gerettet, ihre Mutter hatte sich schützend über sie gebeugt und starb in den Trümmern. Ein Bergsportler hatte sich in der Nacht aus Panik vom Balkon gestürzt und wird im Krankenhaus behandelt.

Es gab eine Warnung

Ob das verheerende Erdbeben vorhersehbar war, darüber streiten nun die Experten. Erst vorige Woche hatte der Erdbebenforscher Giampaolo Giuliani vor einem starken Beben in der Umgebung von Aquila gewarnt. Der Wissenschaftler misst mit einem selbst entwickelten Gerät das aus der Erde ausströmende Radon-Gas. Die Emissionen gaben ihm offenbar Grund zu der alarmierenden Prognose. Doch nach landläufiger Expertenmeinung lassen sich Erdbeben nicht vorhersagen. Seine Warnung hatte zudem Panik ausgelöst. Er war deshalb scharf kritisiert und als "Dummkopf" beschimpft worden.