Erdbeben in Italien Chaos, Tod und Verzweiflung


Es ist ein verzweifelter Kampf gegen die Zeit: Mehr als 100 Menschen sind durch das heftige Erdbeben in der italienischen Abruzzen-Region ums Leben gekommen. Noch liegen zudem zahlreiche Verschüttete unter den Trümmern ganzer Wohnblocks. Angehörige graben mit bloßen Händen nach den Vermissten. Mehr als 50.000 Menschen sind obdachlos.

Nach dem schweren Erdbeben in Italien, bei dem den Behörden zufolge mehr als 100 Menschen ums Leben kamen, spitzt sich die Situation in der am schwersten betroffenen Stadt L'Aquila in den Abruzzen dramatisch zu. Der italienischen Nachrichtenagentur Ansa zufolge mussten Verletzte vor dem Krankenhaus der Regionalhauptstadt unter freiem Himmel behandelt werden, weil die Notaufnahme überfüllt war. Nur zwei Operationssäle konnten genutzt werden. Darüber hinaus musste die Universitätsklinik der Stadt wegen Einsturzgefahr gesperrt werden. Die am schwersten Verletzten wurden per Hubschrauber in benachbarte Krankenhäuser transportiert.

Vor den Eingängen zu den Notaufnahmen der Krankenhäuser stauten sich die Rettungsfahrzeuge. Krankenhäuser appellierten an Ärzte und Pflegepersonal im ganzen Land, ihnen zu Hilfe zu kommen. Augenzeugen berichteten von Überlebenden, die in Decken gehüllt wie in Trance durch die Straßen liefen oder auf den Plätzen und vor Supermärkten campierten.

Nach Angaben der Rettungskräfte befinden sich unter den Todesopfern auch fünf Kinder. Es wird befürchtet, dass die Zahl der Toten noch weiter steigt. Ganze Wohnblocks klappten zusammen wie Kartenhäuser, während die Bewohner in ihnen schliefen. Der Zivilschutz geht davon aus, dass 50.000 Menschen obdachlos wurden. Durch Nachbeben stürzten weitere, zuvor bereits beschädigte Gebäude ein.

Regierungschef Silvio Berlusconi sagte eine für Montag geplante Russlandreise ab und verhängte den Notstand über die Katastrophenregion, um finanzielle Sofortmaßnahmen zu mobilisieren. Statt nach Moskau werde er sich nach L'Aquila begeben, erklärte der Ministerpräsident. Das Beben der Stärke 5,8 hatte um 3.32 Uhr in der Nacht die Abruzzen in Mittelitalien erschüttert und Zehntausende Menschen im Schlaf überrascht. Das Epizentrum lag unter der Regionalhauptstadt L'Aquila, die etwa 110 Kilometer von Rom entfernt liegt.

Vor Ort suchen Feuerwehrleute und andere Retter in den Trümmern eingestürzter Häuser fieberhaft nach Überlebenden. Im Zentrum der Rettungsbemühungen steht ein eingestürztes Studentenwohnheim, in dem sich ein halbes Dutzend Menschen befinden soll.

"Es ist die schlimmste Katastrophe seit Beginn des Jahrtausends", sagte Guido Bertolaso, Leiter des Zivilschutzes. Mit bloßen Händen gruben Bewohner und Einsatzkräfte nach Verschütteten. Rettungskräfte baten um Ruhe, um in den Trümmern nach Lebenszeichen Vermisster zu forschen.

Der Zivilschutz sprach von 10.000 bis 15.000 beschädigten Häusern. "Das heißt, dass wir uns in den nächsten Wochen um Tausende obdachlose Menschen kümmern müssen", sagte Agostino Miozzo vom Zivilschutz. "Unser Ziel ist es, allen heute Abend ein Dach über dem Kopf zu geben."

Unterdessen sind zahlreiche Hilfsangebote aus aller Welt eingegangen. Unter anderem aus Deutschland, Russland, Frankreich, Griechenland und der Europäischen Union gebe es Angebote, so der italienische Zivilschutz.

Italiens Zivilschutz-Chef Guido Bertolaso wehrt sich derweil gegen den Vorwurf, Warnungen von Experten in den Wind geschlagen zu haben. Trotz der häufiger auftretenden Erdstöße in den vergangenen Tagen sei nicht absehbar gewesen, wann es zu einem starken Beben kommen würde, sagte Bertolaso. Zu dem Schluss seien Fachleute gekommen. Nach Expertenangaben muss in Mittelitalien im Schnitt alle zehn Jahre mit einem Erdbeben der Stärke 6 und mehr gerechnet werden.

AFP/DPA/Reuters/AP AP DPA Reuters

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