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Fünf Deutsche sterben in der Schweiz Das Todesdrama vom Lagginhorn


Was ist Dienstagmittag kurz unterm Gipfel des Lagginhorns passiert? Fünf Deutsche sind beim Abstieg des Viertausenders in den Tod gestürzt - ersten Erkenntnissen zufolge waren sie nicht angeseilt.
Von Malte Arnsperger und Niels Kruse

Am Abend vor ihrem schrecklichen Unfall wurden die sechs Bergsteiger aus Deutschland nochmal so richtig verwöhnt. Der Küchenchef der Weissmieshütte, Norbert Burgener, servierte seinen Gästen ein Vier-Gänge-Menu: Er tischte ihnen zunächst Suppe und einen Salat auf, danach gab es ein Fleischgericht und einen Nachtisch. Rund 16 Stunden später stürzten fünf der Hobby-Alpinisten in den Tod.

"Das Drama am Lagginhorn" titelt die schweizerische Zeitung "Blick" am Mittwoch. Beim Abstieg vom Gipfel des 4010 Meter hohen Lagginhorn in den Walliser Alpen waren die fünf Bergwanderer am Tag zuvor abgestürzt. Sie stammen aus Berlin und Nordrhein-Westfalen. Zwei kommen nach Angaben des Alpenvereins (DAV) aus dem Örtchen Waldlaubersheim in Rheinland-Pfalz. Der Vater und sein Sohn sind erst seit dem 16. Juni 2012 Mitglied in der DAV-Sektion geworden, sagte ein Vorstandsmitglied stern.de. Deshalb seien sie auch im Verein noch nicht weiter bekannt.

Der Koch berichtet von zwei Familienvätern, ihren Söhnen sowie einer Jugendlichen. Die örtliche Polizei bestätigte die Herkunft der Opfer: Das Mädchen war gerade einmal 14 Jahre alt und die Tochter des Überlebenden. Auch ihr 19-jähriger Bruder kam ums Leben. Ebenso ein 44-Jähriger, sein 16-jähriger Sohn sowie ein 20-jähriger Bekannter.

Route zum Lagginhorngipfel gilt als einfache Tour

Die Weissmieshütte liegt auf 2726 Metern Höhe, der nächste größere Ort ist der berühmte Skiort Saas Fee, nur wenige Kilometer entfernt von der italienischen Grenze. Umringt wird das Haus, das Platz für 150 Wanderer bietet, von Drei- und Viertausender-Gipfeln der "Weissmiesgruppe", zu der auch das Lagginhorn gehört. Die Hütte ist laut Eigenbeschreibung im Internet ein "beliebter Ausgangspunkt für Touren in Fels und Eis".

Auf- und Abstieg zum Lagginhorngipfel gelten als eher einfache Routen. "Allerdings passieren mehr Unfälle auf vermeintlich leichteren Touren", sagte ein am Rettungseinsatz beteiligter Bergführer der Schweizer Newsseite 20Minuten.ch. Grund sei, dass solche Berge schneller unterschätzt würden. Ob dies auch beim aktuellen Unglück der Fall war, ist nicht klar. Doch in den vergangenen Jahren forderte der Berg immer wieder Opfer: Am 20. August 2011 stürzte ein 43-jähriger Deutscher dort in den Tod, sowie fast auf den Tag genau vor zwei Jahren ein weiterer Deutscher.

Obwohl es zum Unglückszeitpunkt geregnet hatte und der Schnee etwas weich war, waren die Bedingungen gut. Das bestätigt auch Burgener. "Die Gruppe ist gegen 4.30 Uhr bei gutem Wetter aufgebrochen", sagte der Küchenchef stern.de.

Um 4 Uhr am Frühstücksbuffet

Am Abend zuvor hatten die Gäste eingecheckt, 60 Franken pro Person für Abendessen, Übernachtung und Frühstück bezahlt. "Es war ein gemütlicher Abend, die waren gut drauf, die Stimmung war locker“, erinnert sich Burgener. Und auch daran, dass sie früh ins Bett gegangen seien, "denn sie wollten ja früh aufstehen." Am nächsten Morgen waren sie dann schon um 4 Uhr am Frühstücksbuffet. "Ich habe nicht viel mit ihnen geredet, aber ich habe einem der Männer noch eine gute Tour gewünscht."

Über den Westgrat, die Normalroute, nimmt die Gruppe das Lagginhorn in Angriff. Rund viereinhalb Stunden dauere der Aufstieg, sagt Burgener. Erst kurz vor dem Gipfel werde es richtig steil. Ob dies der Grund war, dass einer der Alpinisten rund 100 Meter vor dem Gipfel einen Schwächeanfall erlitten hat und zurückgeblieben ist, ist bislang unklar. Vielleicht war es auch gesunde Selbsteinschätzung. Sicher ist, dass dem Deutschen die Erschöpfung das Leben gerettet hat.

Gruppe war nicht angeseilt

Gegen 13 Uhr sollen sich die Bergsteiger wieder auf dem Abstieg befunden haben. Der Erschöpfte rief Burgener an: "Er stand unter Schock und hat gesagt, fünf von ihnen seien abgestürzt. Ich habe sofort einen Notruf abgesetzt", berichtet der Küchenchef der Hütte.

Nur wenig später landete ein Helikopter, um Bergretter zur Unfallstelle zu bringen. Den Verunglückten konnten sie nicht mehr helfen. Das Bergungsteam entdeckte außer dem Überlebenden nur die Leichen der Opfer. Sie waren an einer sehr steilen Stelle 400 Meter tief in Richtung des Fletschhorns gestürzt. Sowohl ein Mitglied der Rettungsmannschaft als auch die Polizei gingen zunächst davon aus, dass die Hobby-Alpinisten angeseilt gewesen seien und sprachen von einem "Mitreißunfall", also dass einer abstürzt und die anderen mit in die Tiefe zieht. Laut ersten Ergebnissen der Routineuntersuchung aber waren sie nicht angeseilt. Vielleicht war eine Lawine oder auch nur ein Schneebrett abgegangen. Die Ermittler schlossen das nicht aus. "Es gab zwar vor einigen Jahren schon mal einen tödlichen Unfall", sagt Burgener. "Aber dieser Fall ist so schlimm, weil es gleich fünf Opfer gibt."


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