HOME

Todesdrama in den Schweizer Alpen: Keine Vorstellung von der Hölle. Bis zu diesem Tag.

Tommaso P. hat die Hölle gesehen. Bei Minusgraden, in Schnee und Eis, auf einem Berg in den Schweizer Alpen. Dort verlor er drei Freunde in einem Schneesturm. Er lebt.

Der Berg Pigne d'Arolla, in der Nähe des Ortes Arolla

Der Berg Pigne d'Arolla, in der Nähe des Ortes Arolla. 14 Skitourenfahrer sind am Sonntag oberhalb von Arolla in eine Schlechtwetterfront geraten und mussten die Nacht im Freien verbringen - mindestens sechs Menschen kamen ums Leben. 

DPA

Tommaso P. sagt, es gehe ihm gut. "Ich wurde eben aus dem Krankenhaus entlassen", zitiert ihn die italienische Nachrichtenagentur Ansa, die ihn am Handy erreichte. Mehr sagt er nicht. Mehr kann er nicht sagen. Bis vor wenigen Stunden war Tommaso P. noch in den Bergen, in den Schweizer , im Schnee, im Eis, Tommaso P. und 13 andere Wintersportler. Sechs von ihnen sind nun tot. Mindestens sechs, wie es heißt, fünf Italiener und eine Frau aus Bulgarien. Tommaso P. hat in der Nacht im Schnee und Eis der Schweizer Alpen drei Freunde verloren. Er lebt.

Zehn Skiwanderer und vier Skifahrer waren nach Polizeiangaben am Sonntag am knapp 3800 Meter hohen Pigne d'Arolla unerwartet in einen Sturm geraten und hatten die Nacht in 3270 Metern Höhe im Freien verbracht. Nachdem sie nicht wie geplant in einer Berghütte eintrafen, alarmierte ein Mitarbeiter am Morgen die Rettungskräfte. Die fanden den italienischen Gruppenführer tot auf - in den gestürzt. Die anderen fünf starben später an ihren schweren Unterkühlungen im Krankenhaus. 

Schweiz: Sportler von Schneesturm überrascht - sechs Tote

Tommaso P. hat überlebt, dank seiner Erfahrung, soll er gesagt haben. Eine Nacht auf 3200 Metern, einem Schneesturm ausgesetzt, ohne Schutz, bei Windgeschwindigkeiten um 50 Stundenkilometern und im doppelstelligen Bereich, irgendwie hat er überlebt. "Das Einzige, das man in so einer Situation machen kann, ist sich ständig zu bewegen, damit das Blut weiter zirkuliert und die Körpertemperatur erhalten bleibt", sagt Stefano Miserotti vom italienischen Bergrettungsdienst CAI in Bozen und Bekannter von Tommaso P. 

Und so hat Tommaso P. "versucht, wach zu bleiben, und mit den anderen zu reden [...]. Er hat versucht, dass auch sie weiter in Bewegung bleiben", erzählt Miserotti, der mit Tommaso P. nach der Tragödie telefonierte. Eben nicht hinsetzen, eben nicht hinlegen, eben nicht doch irgendwann einschlafen. "Doch mit dem Verstreichen der Zeit sah er immer mehr Menschen, die zuvor noch saßen, im Schnee liegen. Er konnte nichts für sie tun. Was denn auch? Auch wenn man sich auf sie legen würde, man könnte sie nicht wärmen. Es fehlte der Unterschlupf." Tommaso P. gehe es gut, das sagt auch Miserotti. Doch es falle ihm schwer, das Geschehene zu glauben. "Er sagte, dass er nicht wusste, was die Hölle ist. Bis zu diesem Tag."

Als am Montag der Morgen anbrach, sollen Tommaso P. und ein Deutscher, der ebenfalls Mitglied der 14-köpfigen Gruppe war und die Nacht überlebt hatte, am gegenüberliegenden Hang zwei Skifahrer gesehen und aus voller Kehle "Help" gerufen haben. Wie "La Repubblica" berichtet, war das Schutzhaus, das sie hätten erreichen wollen, nur wenige hundert Meter entfernt. "Mit den Skiern fünf Minuten".

Schneemassen in Saas-Fee: Gigantische Lawine überrollt binnen zwei Minuten Schweizer Winterort
pg