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Griechenland 94 Menschen sterben im Feuer-Inferno von Mati - und niemand will Verantwortung übernehmen

Die Ruinen, die Bäume: alles schwarz. An manchen Häusern hingen Zettel: Eímaste kalá – uns geht es gut
Die Ruinen, die Bäume: alles schwarz. An manchen Häusern hingen Zettel: Eímaste kalá – uns geht es gut
© Thanassis Stavrakis/AP
Griechenlands Regierung wollte in diesem Monat feiern: das Ende der Krise, den Anfang einer neuen Zeit. Dann kam das Feuer, verschlang das Örtchen Mati. Nun wächst die Wut im ganzen Land.
Von Raphael Geiger

Mitten in diesem toten Ort sitzt ein Mann vor seinem Haus, das es nicht mehr gibt. Der Mann liest Gedichte. Wenn er liest, sagt Gantonas, ist er für einen Moment wieder der, der er einmal war. Und der er hofft, wieder zu werden.

Er ist jetzt 81.

Schiller, die Glocke: Wohlthätig ist des Feuers Macht, wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht, und was er bildet, was er schafft, das dankt er dieser Himmelskraft.

Athanassios Gantonas hat in Wien studiert und in Deutschland gearbeitet, ein halbes Jahrhundert ist das her. Er hat danach in Athen bei den Elektrizitätswerken Karriere gemacht, als Ingenieur. Daneben hat er gelesen. Und selbst geschrieben: Gedichte, Geschichtsbücher. Bücher! Er hat sie geliebt. Er hat sie gesammelt. Viertausend waren es am Ende.

Der Staat bleibt weg

"Es ist alles … verbrannt", sagt er.

Ein Lexikon aus Konstantinopel, 11. Jahrhundert, für immer verloren. Man kann die Seiten der Bücher in seiner Bibliothek noch erkennen. Sobald man sie anfasst, zerfallen sie zu weißem Staub.

Ja, er lebt, seine Frau lebt, seine Tochter und auch die beiden Enkelkinder leben. Zu fünft sind sie zum Wasser geflohen an diesem Montagabend, dem 23. Juli. Ja, das sei das Wichtigste, sagt Gantonas. Ja, aber.

"Papou", sagte sein Enkel, neun Jahre alt, als sie im Meer standen, er saß auf Gantonas' Schultern. "Papou, Opa. Unsere Kultur ist verloren."

Gantonas fängt am Ende seines Lebens noch mal neu an. Seine Frau bringt Wasserflaschen, sie haben mehr als genug davon, ständig halten Autos vor ihrem Tor. Es sind Privatleute, die ihnen Wasser, Kekse, Toilettenpapier vorbeibringen.

Der Staat bleibt weg. Freiwillige helfen, Freiwillige aus dem ganzen Land.

94 Menschen sind in dem Feuer umgekommen, das ist die aktuelle Zahl, Gantonas glaubt, sie werde noch steigen. Noch sind Verletzte im Krankenhaus, noch immer nicht alle Menschen gefunden.

Griechenland: Reportage aus einem Ort, den es nicht mehr gibt
Freiwillige der "Europäischen Vereinigung von Zivilrettern" suchen in Griechenland den Strand unter der Steilküste von Mati nach Opfern ab. Drei Nächte zuvor wütete das Feuer
© Christoph Soeder/DPA

Die meisten Opfer stammen aus Mati, diesem kleinen Ort an der Küste, nicht weit von Athen, in der Nähe des Flughafens. So klein ist Mati, dass fast jeder hier einen der Toten kennt.

Das Land stand unter Schock, die Medien brachten nichts anderes mehr, die Regierung kam in Not. Der Premierminister, Alexis Tsipras, fand keine Antworten, außer: Die Leute sind selbst schuld. Sie hätten in Mati nie bauen dürfen.

Mati war eine illegale Siedlung.

Aber hat der Staat nicht trotzdem die Verantwortung, und hat er nicht trotzdem versagt an diesem Abend des 23. Juli, als die Flammen nach Mati kamen?

Was in Mati geschah, erzählt viel von diesem Land, in dem niemals jemand schuld sein will.

600 Grad Celsius

Athanassios Gantonas führt durch sein Haus, tritt auf zerbrochenes Porzellan und Asche. Die Wände sind entkleidet. Abdrücke dort, wo mal Gemälde hingen. Zu jedem weiß Gantonas den Maler und den Titel. Die Treppe führt nach oben ins Nichts, das obere Stockwerk ist in sich zusammengefallen.

Ein Glastablett: verbogen, das bedeutet, dass die Temperatur in dem Haus bei über 600 Grad lag.

Gantonas ist jemand, der Bildung zum Atmen brauchte, jemand, der nie sein Gesicht verlor, immer höflich blieb. Jetzt versucht er, sich selbst nicht zu verlieren. Der Brand hat ihm sein Haus genommen. Gantonas will nicht zulassen, dass er ihm auch noch seine Würde raubt.

"Wir werden alles wieder aufbauen", sagt Gantonas. Und es werde "schöner als je zuvor". Es klingt, als machte er sich selbst Mut.

Fünf Stunden lang warteten sie am Abend des 23. Juli im Meer. 20 Jahre lang haben sie an ihrem Haus gebaut. In den Sechzigern fingen sie an, in den 80er Jahren waren sie fertig. Ein Tag, ein Leben.

Der pensionierte Ingenieur Athanassios Gantonas, 81, sitzt in der Asche seines Hauses. Die intensive Hitze der Brände in Mati verbog Glas und verwandelte Gantonas' Büchersammlung in weiße Asche
Der pensionierte Ingenieur Athanassios Gantonas, 81, sitzt in der Asche seines Hauses. Die intensive Hitze der Brände in Mati verbog Glas und verwandelte Gantonas' Büchersammlung in weiße Asche
© Myrto Papadopuolos/stern

In Mati zu bauen war billiger, weil das Gebiet nicht im Bauplan lag. Trotzdem kauften Gantonas und seine Nachbarn ihre Grundstücke notariell beglaubigt, sie gehörten nun offiziell ihnen. Der Staat baute Straßen und verlegte Stromleitungen. Die neuen Bewohner, die Matioten, pflanzten Bäume, vor allem Pinien.

Die Matioten verwandelten die Brache in eine grüne Siedlung. Es waren Athener, die hier kleine Bungalows bauten. Menschen, die in der Stadt geboren waren und kein Dorf mehr hatten, in das sie zu Ostern oder im Sommer hätten fahren können.

Sie machten Mati zu ihrem Dorf, feierten Weihnachten hier, kamen an den Wochenenden. Mati fällt flach zum Meer hin ab. Man sieht das Blau von Gantonas' Haus aus, es ist nicht weit zu den Stränden und zu Tavernen am Wasser.

Ein Ort für kleine Fluchten. Ein kleiner Wohlstand. Eine griechische Aufstiegsgeschichte.

Verbrannt, sagt Gantonas, er wiederholt das Wort immer wieder. Alles verbrannt. Und irgendwann fängt er an zu weinen.

Griechenland auf eigenen Beinen

Die griechische Tragödie dieses Sommers handelt davon, dass die geplanten Feierlichkeiten zum Ende der Krise ausfallen müssen. Alexis Tsipras hat das Land aus dem Euro-Rettungsschirm herausgeführt. Ab dem 20. August steht Griechenland wieder auf eigenen Beinen. Die Wirtschaft wächst leicht.

Wenn man Menschen wie Gantonas fragt, ob die Krise vorbei sei, fangen sie an zu lachen. Die Renten sinken weiter, die Löhne sinken weiter, die Steuern sind erdrückend hoch. Die Krise vorbei? Das ist die Erzählung von Tsipras. Den Griechen ist er mittlerweile so verhasst wie seine Vorgänger.

Dazu kommt jetzt die Katastrophe von Mati und wie sich Tsipras danach verhielt. Wie er Ausreden suchte. Der starke Wind sei es gewesen und – die illegale Siedlung an sich.

In der Feuernacht blieb den Menschen nichts anders, als ins Meer zu fliehen. Und dort stundenlang auszuharren
In der Feuernacht blieb den Menschen nichts anders, als ins Meer zu fliehen. Und dort stundenlang auszuharren
© Elia Kallia/DPA

Kurz nach dem Feuer kam der Verteidigungsminister und sagte den Matioten, sie seien doch selbst schuld, wenn sie illegal bauten. Erst Tage später besuchte Tsipras Mati, morgens um acht, für eine Viertelstunde. Offenbar hatte er Angst vor den Menschen.

In Mati war aus Trauer schon Wut geworden.

Am Freitagabend, am Ende der Woche, die mit dem Feuer begann, versammeln sich einige Matioten unten am Bootshafen. Es ist die Zentrale der Helfer. Pakete stapeln sich. Erschöpfte trinken einen Freddo Espresso, den griechischen Eiskaffee.

Die Bürger bilden einen Stuhlkreis, eine Debatte fängt an, sie fragen sich: Was folgt aus dieser Katastrophe? Was machen wir, wenn wir unsere Eltern, unsere Cousins, unsere Freunde beerdigt haben? Welche Konsequenzen wollen wir von der Politik?

Legalisierung gegen Strafgebühr

Nacheinander stehen sie auf, einer sagt: Wir müssen uns organisieren, wenn es der Staat schon nicht tut. Ein anderer fordert, Mati müsse endlich in den Bauplan. Außerdem müsse man sicherstellen, dass die Hilfsgelder nicht versickern. Eine Frau war tagsüber bei einem Anwalt, sie will den Staat verklagen. Einer findet das doch alles zweitrangig. "Was machen wir morgen früh?", fragt er.

Ein junger Mann im Muskelshirt tritt in die Mitte, er sei Arzt und seit Jahren freiwillig im Brandschutz aktiv. Ob er nicht eine Facebook-Gruppe gründen solle für Evakuierungsübungen? Die Versammelten nicken.

Sie sind daran gewöhnt, allein klarzukommen, so entstand Mati, und so wuchs es über die Jahrzehnte. Als es gut lief, hat niemand hier den Staat vermisst.

Athen wuchs um Mati herum. Als Gantonas' Haus fertig war, zog die Familie ganz hierher, sie verließen ihre Wohnung in der Innenstadt und pendelten. So machten es viele. Auf ihre Bungalows setzten manche noch ein Stockwerk obendrauf, auch Gantonas.

Der Medizinstudent Alexandros Adamos, 25, organisiert nun Evakuierungsübungen
Der Medizinstudent Alexandros Adamos, 25, organisiert nun Evakuierungsübungen
© Myrto Papadopuolos/stern

Der Staat sah zu. Er klassifizierte das Gebiet als Wald. Ihre Pinien hatten die Matioten zwar privat gepflanzt, illegal also, aber hätten sie die Bäumen wieder ab holzen wollen, wäre das Forstamt eingeschritten.

Es gab offiziell Bäume in Mati und inoffiziell mehrere Tausend Bewohner. Irgendwann machte der Staat Angebote. Legalisierung gegen eine Strafgebühr. Gantonas und seine Frau zahlten und waren nun, viele Jahre nach dem Bau, offiziell Besitzer ihrer Immobilie. 2011 schließlich registrierte das Katasteramt die Häuser in Mati. Und das Finanzamt schickt jährlich im Herbst die Rechnung für die Immobiliensteuer.

Ganz Mati allerdings gilt bis heute noch als Wald.

Es muss Strafen geben!, ruft einer auf der Versammlung, lasst uns Unterschriften sammeln! Gegen Tsipras und gegen den Bürgermeister von Marathon, der für Mati zuständig ist.

Es waren, da sind sich der Staat und die Matioten einig, vor allem die Pinien, die den Brand so verheerend werden ließen. Pinien brennen schnell. Man hätte in Mati nie Pinien pflanzen dürfen, aber weder die Bewohner noch der Staat erwarteten hier einen Brand. Im Osten liegt das Meer und im Westen würde die vierspurige Marathon-Straße schon jedes Feuer fernhalten.

Kirchenglocken blieben stumm

Niemand bedachte, dass man die Straße zu den Olympischen Spielen 2004 hatte verschönern lassen, mit Bäumen links und rechts, damit aus der Hauptstraße eine Allee wurde. Jetzt, am 23. Juli, bliesen die Windböen das Feuer zu den Bäumen entlang der Straße, und es griff über auf die Seite zum Meer hin, dort, wo Mati anfängt.

Wenn der Brand eine Ursache hat, dann ist es Unbedachtheit an vielen Stellen. Wenn die vielen Toten einen Grund haben, ist es das langsame Reagieren des Staates.

Direkt neben Mati liegt ein Ferienlager der Gemeinde Athen, dort hielten sich Hunderte Kinder auf. Der Bürgermeister von Athen ließ es am Nachmittag des 23. Juli evakuieren, die Kinder überlebten. Niemand in der Stadtverwaltung dachte aber daran, die örtlichen Gemeinden zu informieren.

Die Einwohner der zerstörten Gegenden fühlen sich im Stich gelassen
Die Einwohner der zerstörten Gegenden fühlen sich im Stich gelassen
© Antonis Nicolopoulos/Reuters

Der Bürgermeister von Marathon befand sich gerade im Urlaub auf Mykonos. Weder er selbst noch einer seiner Stellvertreter ließen Mati evakuieren, die Kirchenglocken blieben stumm, kein Polizeiwagen fuhr durch die Straßen, um die Menschen zu warnen. Und die Software für das SMS-Warnsystem war noch nicht fertig entwickelt.

Athanassios Gantonas sah die Flammen, als sie nur noch drei oder vier Häuser von ihm entfernt waren.

Wohlthätig ist des Feuers Macht, wenn sie der Mensch bezähmt.

Die Bürgerversammlung schließt, die Schuldigen an der Katastrophe sind ausgemacht: der inkompetente Staat, die ignorante Politik.

Der schöne Ilias Psinakis

Die Matioten beginnen, Unterschriften zu sammeln, sie fordern Tsipras' Rücktritt. Und sie wollen die Gemeinde wechseln, wenn das geht. Sie wollen nicht mehr zu Marathon gehören. Zu dessen Bürgermeister.

Der heißt Ilias Psinakis, ein früheres Model, später Juror bei TV-Shows. Ein Star in Griechenland. 2014 ließ er sich fürs Rathaus von Marathon aufstellen. Die Matioten sagen, sie hätten ihn nach dem Feuer nie gesehen. Psinakis bewegt sich nur noch mit Polizeischutz.

"Eine lächerliche Figur" nennt ihn Gantonas.

"Ein Clown", sagt der junge Arzt auf der Versammlung.

Ilias Psinakis, 60, verschanzt sich in diesen Tagen in seinem Büro im Rathaus, seine Polizisten sind im Vorzimmer postiert. Er sieht müde aus, raucht eine Zigarette nach der anderen. Draußen wartet schon wieder ein Fernsehteam auf ihn.

Es hieß, er sei abgetaucht, er habe sich aus der Verantwortung gestohlen. Aus Tagen wurden Wochen, und Psinakis war kaum zu sehen. Der Stadtrat versammelte sich und beschloss fast einstimmig, der Bürgermeister solle zurücktreten. "Ich spucke dir ins Gesicht!", rief einer der Räte.

Griechenland scheint sich einig zu sein, dass der schöne Ilias Psinakis schuld ist – an allem, irgendwie. Ein Entertainer, der den Bürgermeister mimte und auf Mykonos feierte, als in seiner Gemeinde das Feuer losbrach.

Der Bürgermeister der Gemeinde Marathon, Ilias Psinakis, 60, war in der Nacht des Feuers im Urlaub auf Mykonos
Der Bürgermeister der Gemeinde Marathon, Ilias Psinakis, 60, war in der Nacht des Feuers im Urlaub auf Mykonos
© Myrto Papadopuolos/stern

Ein einziges Interview gab er, nachdem er im Morgengrauen nach dem Brand zurückgekehrt war. Seine Mutter hatte ihn von seinem Haus aus angerufen und von den Flammen erzählt. Psinakis sagte deshalb in die Kamera, auch sein Haus sei betroffen. Er wohnt auf einem Hügel oberhalb von Mati, in einer Villengegend.

Gleich machten sich Reporter zu Psinakis' Haus auf, um seine Aussage zu prüfen. Aber bei Psinakis war nur eine Palme abgebrannt. Die Leute in seinem Viertel löschten die Flammen mit Wasser aus ihren Swimmingpools. Psinakis galt von da an als Lügner.

"Wäre ich nicht bekannt, würde das niemanden interessieren", sagt Psinakis. "So ist halt das Leben."

Er habe am Ende seiner Karriere "etwas für sein Land tun" wollen. Dass man ihn nach dem Brand kaum sah, sei doch klar, es gehöre sich nicht, Interviews zu geben, während in den Häusern noch die verkohlten Leichen liegen. "Ich war hier, im Rathaus, rund um die Uhr, und habe die Arbeiten koordiniert."

Katharsis

Schuld an der Katastrophe seien: der Wind, die Pinien, die Sparpolitik.

Nach dem Interview verlässt Psinakis das Rathaus und fährt zu einer Halle, in der Hilfsgüter ankommen und sortiert werden. Die stern-Fotografin möchte ihn porträtieren. Er will inmitten der Pakete und Helfer fotografiert werden, aber er weiß auch, dass die Helfer ihn nicht sehr schätzen.

Er wirkt ängstlich. Sagt der Fotografin, wann sie ihre Kamera aus der Tasche holen darf und wann sie sie wieder einpacken soll. Er bleibt kaum einen Moment stehen, dann eilt er wieder ins Freie. Kein Wort zu den Helfern, gleich wieder in seinen Wagen.

Psinakis wirkt wie einer, der sich verstecken muss. Wie einer, der schuldig ist. Dabei kann man ihm seine Mykonos-Reise nicht ernsthaft vorwerfen. Psinakis ist nur die Projektionsfläche für alles, was schiefgelaufen ist, was schiefläuft.

Ein unseriöser Typ, der uns im Stich gelassen hat – so ist das Gefühl in Mati. In ganz Griechenland steht er auf einmal für alles Unseriöse in der Politik. Für alles, was die Griechen an ihren Politikern so hassen. "Ich bin doch gar kein Politiker", sagt Psinakis.

Griechenland: 94 Menschen sterben im Feuer-Inferno von Mati - und niemand will Verantwortung übernehmen
© stern-Infografik

Vielleicht gibt es neben der Wirtschaftskrise in diesem Land noch eine tiefere Krise. Es ist voller Menschen, die wüssten, was zu tun wäre.

Ilias Psinakis sagt, er habe als Bürgermeister gegen die Korruption gekämpft, er habe die Bücher unabhängig prüfen lassen, habe herausgefunden, wer in der Gemeinde bestechlich war, und die Ergebnisse der Staatsanwaltschaft übergeben. "Eine Katharsis", sagt er. Das sei der wahre Grund, warum er so viele Gegner habe.

Andere sagen, Psinakis habe in Wahrheit nichts gemacht. Sie riefen das Wort während der Stadtratssitzung immer wieder: Nichts! Nichts!

Zukunft nur im Ausland

Athanassios Gantonas hat schon, als er noch arbeitete, das Klientelsystem verachtet. Seiner Tochter hätte er bei den Elektrizitätswerken einen guten Job verschaffen können. Er weigerte sich. Er wollte nicht so sein. Dieses System des Durchkommens, des Sich-gegenseitig-Helfens habe sie in den Abgrund geführt. Dazu Politiker, "die unser einst reiches Land verkauft haben".

Andererseits hätte Gantonas nie in Mati ein Haus bauen dürfen. Sie hätten alle nie bauen dürfen. Zumindest hätten sie ohne Holz bauen sollen, ohne leicht brennbares Material, in einem Land, das fast jeden Sommer Waldbrände erlebt.

Griechenland ist voller vernünftiger Menschen, jeder für sich, nur nicht im Ganzen. Der Staat ist der Feind, und schuld sind immer die anderen.

Das "Kollektiv" ist kein griechisches Wort.

Der junge Arzt von der Versammlung sagt, er schäme sich. Ein paar Tage später sitzt er wieder am Bootshafen, ein bisschen verschwitzt, gerade kommt er zurück aus dem Krankenhaus. Er heißt Alexandros Adamos, er ist in Mati aufgewachsen. Als das Feuer kam, war er gerade in Athen. Nachts kehrte er zurück. Überall rauchte es, es stank. Sein Haus hatte nur leichte Schäden. Seine Nachbarn lebten nicht mehr.

Adamos ist 25, er will Facharzt für Unfallchirurgie werden und dazu nach England gehen. Bald, nach dem Sommer. Seit er erwachsen ist, hat die Krise nicht mehr aufgehört. Eine Zukunft hat er nur im Ausland.

Mit 16 stellte er zusammen mit Freunden eine Freiwilligentruppe auf. Sie gehörten zu den wenigen, die ahnten, dass Mati vor einem Feuer nicht geschützt war. Die Straßen aus den Sechzigern sind zu eng, die meisten Wege enden zum Meer hin an einer Steilküste. Die ist zu hoch, um ins Wasser zu springen.

"Aber niemand", sagt Adamos, "hat sich proaktiv gekümmert. Wir waren allen egal."

Hilfsbereitschaft von Freiwilligen

Adamos ist einer der Griechen, die selbst ihre ärgsten Kritiker sind. "Wir fallen auf Politiker herein, die uns etwas versprechen. Wir wollen ihnen glauben." Tsipras sei auch nur so einer, der bloß im Amt bleiben wolle und sich von Versprechen zu Versprechen hangle.

"Er ist gut in Kommunikation", sagt Adamos.

Die nächste Wahl muss spätestens im September 2019 stattfinden, und nach den letzten Umfragen sieht es für Tsipras schlecht aus. Die Griechen haben in der Krise im Schnitt ein Drittel ihrer Einkommen verloren. Die Renten sind um fast die Hälfte gekürzt worden. Und Tsipras muss weiter sparen, so hat er es unterschrieben, auch über den 20. August hinaus. Womit will er Wahlkampf machen? Mit neuen Versprechen?

Tsipras hat uns verraten, sagen viele Griechen. Er habe bloß geredet und am Ende nur immer weiter gespart wie seine Vorgänger. Ein intelligenter Taktierer, aber ein schlechter Premierminister.

"Sehen Sie hier irgendetwas vom Staat?", fragt Alexandros Adamos. "Wir gehen selbst nachts Patrouille, um Feuer früher zu entdecken. Wir helfen uns selbst."

Adamos, das Krisenkind, sagt, dass er nicht fassen könne, wie schlecht es um sein Land bestellt sei. Die knappen Finanzen – es wurde auch am Katastrophenschutz gespart in den vergangenen Jahren. Die schlechte Organisation am 23. Juli, dem Tag des Feuers. Und die Schuldzuweisungen in den Tagen danach.

Es gab enorm viel Hilfsbereitschaft von Freiwilligen. Sonst ging eigentlich alles schief.

Zurück nach Athen

Adamos verabschiedet sich, er muss zu einer Beerdigung. Eins habe sich für ihn verändert, sagt er, er will nach seiner Facharztausbildung nicht in England bleiben. Er will dann zurück nach Athen. "Mein Land braucht mich."

Ein paar Straßen weiter reinigt Vaso Gantonas, Athanassios' Frau, die Ruine ihres Hauses von Scherben und Staub. Sie hat eine Idee, sagt sie. Sie haben ihre alte Wohnung im Zentrum von Athen nie verkauft, sie steht leer. Sie selbst übernachten gerade mal bei ihrer Tochter, mal bei ihrem Nachbarn gegenüber, dessen Haus blieb heil.

In ihrer Athener Wohnung, sagt Frau Gantonas, möchte sie gern bald Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen.

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