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Hurrikan-Bilanz: "Irene" fegte New York menschenleer

Die New Yorker sind zwar Katastrophen gewohnt, aber vor "Irene" war ihnen wirklich bange. So ausgestorben war die Stadt noch nie. Doch es wurde alles halb so schlimm wie befürchtet.

So ein Wochenende hat New York noch nicht erlebt: Leere Straßen, leere U-Bahn-Stationen, leere Theater und leere Kinos. Das Baseball-Stadion der Mets - mitten in der Saison leer. Und auch leer: Die Regale in vielen Supermärkten, die allerdings zum ersten Mal seit Jahrzehnten später ohnehin schlossen. "Irene" hatte New York am Sonntag lahmgelegt. Der gewaltige Wirbelsturm verwandelte die ansonsten zu den lebendigsten Städten der Welt gehörende Millionenmetropole in eine Geisterstadt. Aber "Irene" zieht schneller vorbei als gedacht.

"Bleiben Sie, wo Sie sind!", hatte Bürgermeister Michael Bloomberg am späten Samstagabend (Ortszeit) in seiner betont sachlichen Art gesagt. "Es ist dunkel und windig, es regnet und keine U-Bahn und kein Bus fährt. Bleiben Sie drinnen, draußen fliegt zu viel herum." Und die New Yorker und ihre Gäste hielten sich dran. Der Times Square, sonst von Hunderttausenden Menschen bevölkert: eine leere Betonfläche. Der Broadway, sonst am Samstagabend verstopft von Musicalbesuchern: eine einsame Straße. Battery Park, sonst beliebter Aussichtspunkt auf die Freiheitsstatue: ein wellenumspülter, aber menschenleerer Ort. Das hatte es selbst in den drei Kriegen, die New York bisher erlebte, nicht gegeben.

Nur Notunterkünfte für jeden Fünften

In Atlantic City waren alle Kasinos geschlossen. Die New Yorker Universitäten, die eigentlich am Sonntag ihre neuen Studenten begrüßen wollten, mussten ihren "Fresh Men Day" verschieben. Tausende Flüge wurden an der Ostküste abgesagt, Hunderttausende Menschen hingen fest. Allein in New Jersey bekamen eine Million Menschen den Evakuierungsbefehl, auf Long Island 400 000. In der Stadt New York selbst waren es 340 000. Das Problem: Es gab nur Notunterkünfte für jeden Fünften. Die anderen mussten in Hotels oder bei Freunden unterkommen. Einige wollten aber auch nicht gehen. "So schlimm wird's schon nicht werden", sagte einer dem Fernsehsender CBS. "Außerdem habe ich kein Geld, um irgendwo unterzukommen."

Und so harrten die New Yorker hinter ihren mit Klebestreifen gesicherten Fenstern aus und hofften, dass es keine Stromausfälle gibt. In den zuerst von "Irene" heimgesuchten Südstaaten waren mehr als drei Millionen Menschen ohne Strom. Und in New York fragten sich viele nicht "Ob?", sondern nur "Wann?" und "Wo?". Denn bei den in der Regel an Holzmasten baumelnden Stromleitungen gehören Sturmschäden dazu. Und tatsächlich: Auch im Norden waren noch einmal gut eine Million Kunden ohne Strom, mehr als 100 000 allein in New York. Wobei "ein Kunde" zuweilen ein ganzes Haus mit Tausenden Menschen ist.

"Füllen Sie ihre Badewanne mit Wasser"

"Frieren Sie Flaschen mit Wasser ein, solange Sie noch Strom haben", empfahl die Stadt. "Wenn dann der Strom ausfällt, halten die Eisblöcke die Kälte etwas." Auch Bloomberg gab gute Ratschläge: "Halten Sie sich von den Fenstern fern! Nehmen Sie Taschenlampen, keine Kerzen! Es gab schon erste Brände. Und füllen Sie ihre Badewanne mit Wasser!" Denn wenn der Strom weg ist, fallen auch die Pumpen aus. Ed Mangano vom nahen Nassau-Landkreis hielt noch einen anderen Tipp parat: "Wenn der Ofen ausfällt, grillen Sie nicht im Haus. Es droht Erstickungsgefahr!"

Aber die New Yorker hatten Glück. Gerade als der Hurrikan über ihrer Stadt war, war er keiner mehr. Die Behörden stuften ihn zum tropischen Sturm herab, der zudem noch schneller als erwartet weiterzog. Schon gegen 10 Uhr (Ortszeit), zwei Stunden vor dem erwarteten Höhepunkt des Sturms, klarte der Himmel wieder auf und die ersten Neugierigen wagten sich aus ihren gut gesicherten Wohnungen. Auf den Brettern, mit denen ein paar Schaufenster in Manhattan vernagelt waren, konnten sie dann lesen: "Wenn Osama bin Laden uns nicht besiegt hat, schaffst du das ganz sicher nicht, "Irene"!"

US-Präsident Barack Obama hat in einem die Bevölkerung jedoch vor einer vorschnellen Erleichterung gewarnt. Das in Neuengland anhaltende Unwetter und dessen Folgen seien weiterhin sehr gefährlich. "Das ist noch nicht vorbei", sagte Obama am Sonntagnachmittag (Ortszeit) im Weißen Haus in Washington. Während New York mit einem blauen Auge davon gekommen sei, trifft es das ländliche Gebiet der Neuengland-Staaten härter: Besonders im südlichen Vermont sei die Situation "furchtbar", sagte der Sprecher der Katastrophenbehörde, Mark Bosma, dem Sender CNN. "Einige kleinere Städte sind komplett überflutet. Wir haben Berichte, dass Menschen in Schulen oder Autos festsitzen", sagte Bosma. "Eine Frau wurde in einen Fluss gespült. Das Wasser ist überall." "Ich will unterstreichen, dass die Auswirkungen des Sturms noch für einige Zeit zu spüren sein werden. Die Erholung kann Wochen dauern", so der US-Präsident.

Chris Melzer/DPA / DPA
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