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Shady Rizk "Jeder Tag ist der 4. August": Ein Jahr nach Beirut-Explosion bleibt Überlebendem die Wut

Sehen Sie im Video: Shady Rizk ist ein Jahr nach der Explosion im Hafen von Beirut traumatisiert und wütend.




So sah Shady Rizk wenige Tage nach der Explosion aus – und so rund ein Jahr später. Er ist einer von Tausenden, die die verheerende Detonation im Hafen von Beirut am 4. August 2020 überlebt hatten. Damals waren offiziellen Angaben zufolge fast 3.000 Tonnen Ammoniumnitrat in einer Lagerhalle explodiert. "Dieses Jahr ist wirklich sehr schnell vorübergegangen. Man glaubt es gar nicht. Ich weiß nicht, irgendwie denke ich, dass es erst ein paar Tage her ist. Die Zeit ist irgendwie stehen geblieben, wissen Sie? Jeder Tag ist der 4. August, jeder Tag. Ich erinnere mich an alles haargenau." Rizk hatte Glück. Die erste Explosion beobachtete er aus seinem Büro, filmte sie mit dem Handy. Die zweite traf ihn dann. Rizk musste am ganzen Körper mit insgesamt 350 Stichen genäht werden. "Wenn der vierte August näher kommt, spüre ich die Wut in mir, vor allem weil seit einem Jahr niemand verhaftet, niemand zurückgetreten und niemand ins Gefängnis gegangen ist. Die Wahrheit ist immer noch nicht bekannt, die Wahrheit, die sie uns binnen fünf oder zehn Tagen versprochen hatten." Rizks Arzt ist immer noch damit beschäftigt, ihm nach und nach die Scherben aus dem Körper zu entfernen, die sich durch die massive Druckwelle in hoher Anzahl in seinen Körper gebohrt hatten. Am Jahrestag werden Proteste auf den Straßen Beiruts erwartet. Da will Rizk auch hin, um seiner Wut Ausdruck zu verleihen. Die Ursache ist noch nicht vollständig aufgeklärt worden. Ammoniumnitrat wird zur Herstellung von Düngemitteln und Sprengstoff verwendet. Die Explosion wurde den Angaben zufolge durch ein Feuer in einem anderen Lagerraum ausgelöst, in dem sich Feuerwerkskörper befanden. Das Feuer wiederum sei durch Schweißarbeiten entstanden. "Woran ich mich am meisten erinnere, ist, als sie uns von oben nach unten brachten. Ich konnte nichts sehen, aber ich hörte ihre Schreie, als sie starben. Das ist sehr traumatisierend. Das tut tief im Herzen weh, vor allem, weil ich nichts sehen konnte." In seinem Leben will er ein neues Kapitel aufschlagen und hat deswegen einen Einwanderungsantrag nach Kanada gestellt. Im Oktober will er schon dort sein. In der Zwischenzeit lebt er in dem Haus seiner Familie und schaut auf den Hafen, der ihn jeden Tag aufs neue an den 4. August 2020 erinnert.
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Die verheerende Detonation im Hafen der libanesischen Hauptstadt jährt sich zum ersten Mal. Bei vielen Überlebenden macht sich Wut breit – wie bei Shady Rizk.

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