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stern-Reportage

Niger: Gold lockt Tausende Männer in eine der bedrohlichsten Regionen der Welt

Der Norden des Nigers ist eine der ärmsten Regionen der Welt. Terrorbanden und Schmuggler beherrschen das Gebiet. Doch seit einigen Jahren kommen Männer aus allen Teilen des Landes herbei. Die Verheißung: Gold.

Von Alissa Descotes-Toyosaki

Niger: Gold lockt Tausende in eine der bedrohlichsten Weltregionen

Das Edelmetall wird aus dem Niger-Abbaugebiet nach Agadez gebracht und dort in Barren gegossen. Verkauft werden diese nach Dubai

Saley, den sie hier alle "Boss" nennen, steht auf einer Schutthalde und beobachtet die Ankunft des Konvois. Etwa 50 Pick-ups nähern sich der Siedlung. Sie bringen neue Arbeiter: Männer, die in den Goldfeldern von Tagharaba im Norden des Nigers auf einen Glücksfund hoffen.

Zum Schutz gegen den Sand und die Hitze hat Saley sich ein indigoblaues Tuch um den Kopf gewickelt. Die Nächte in der Sahara können eisig sein, aber am Tag steigt die Temperatur regelmäßig auf weit über 30 Grad. Die Autokolonne, die über die holprige Piste heranrollt, wird von einer dichten Wolke aus Wüstensand begleitet – und von zwei Fahrzeugen voller Bewaffneter. "Es gibt viele Straßenräuber, die auf der Lauer liegen", sagt Saley. "Oder Banditen auf Motorrädern. Darum kommen die Goldgräber mit Begleitschutz hierher, den wir jede Woche organisieren."

Niger, Libyen und Algerien

Der Konvoi stoppt, Hunderte Männer klettern von den Ladeflächen der Pick-ups und vertreten sich die steifen Beine. Zwei Tage und Nächte sind sie durch die Wüste gefahren, ihre Augen sind gerötet, ihre Gesichter von einer ockergelben Staubschicht überzogen. Die Männer kommen aus weit entfernten Nomadenlagern oder von den Ufern des Nigers im Süden des Landes; manche auch aus dem Tschad oder dem Sudan. Sie alle folgen dem Lockruf des Goldes, das so viel verspricht: Arbeit und Wohlstand. Doch auch die Neuankömmlinge werden schon bald lernen, wie hart das Leben hier ist, so wie all die anderen, die schon länger da sind. "Das hier ist ein Ort, an dem man leidet", sagt Saley.

Mehr als 600 Schächte wurden in Tagharaba dicht beieinander in die Erde getrieben, mit reiner Muskelkraft. Bis zu 10.000 Arbeiter schuften in Staub und glühender Hitze oder hängen an Seilen im Bauch der Erde. Zu hören ist vor allem das Quietschen der Kurbeln

Mehr als 600 Schächte wurden in Tagharaba dicht beieinander in die Erde getrieben, mit reiner Muskelkraft. Bis zu 10.000 Arbeiter schuften in Staub und glühender Hitze oder hängen an Seilen im Bauch der Erde. Zu hören ist vor allem das Quietschen der Kurbeln

Saley, der "Boss des Goldes", 45 Jahre alt, ist ein stolzer Targi mit stahlhartem Blick. Die Sahara hat ihm ein Geschenk aus purem Gold gemacht: Tagharaba, die Goldgräberstadt, die er aufgebaut hat, hat sich zu einem florierenden Unternehmen entwickelt. Sie liegt in der Nähe des Grenzdreiecks zwischen Niger, Libyen und Algerien. Ein fast menschenleeres Gebiet, das vornehmlich von Dschihadisten und Schmugglern genutzt wird: Waffen, Drogen, Menschen – von dem Geschäft mit legalen und illegalen Transporten durch die Wüste und über die Grenzen hinweg leben ganze Volksgemeinschaften. Aufgrund von Überfällen, bewaffneten Konflikten und dem Einfluss terroristischer Gruppen ist die Region eine Art gesetzloses Niemandsland geworden. Agadez, die letzte größere und einigermaßen sichere Bastion in der Gegend, liegt rund 420 Kilometer weit südlich.

Bislang gelten die Uranvorkommen als größter Reichtum der Region, sie werden vor allem von der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich abgebaut. Doch dass hier noch andere Schätze verborgen liegen, weiß man seit Langem. Bereits 1999 hatte ein Goldbergbauunternehmen den Standort Tagharaba ausgekundschaftet. Aber wegen der abgelegenen Lage und des Wassermangels war man zu dem Schluss gekommen, dass es nicht rentabel sei, hier zu schürfen. Der richtige Gold-Sturm begann erst 2014, als 22-karätige Nuggets, manche bis zu 300 Gramm schwer, in Djado gefunden wurden, einem Tal im Nordosten des Nigers, etwa 470 Kilometer von Tagharaba entfernt.

Helm, Stirnlampe und ein Seil – so steigen die "Taucher" in die Gruben hinab, oft über 100 Meter tief.

Helm, Stirnlampe und ein Seil – so steigen die "Taucher" in die Gruben hinab, oft über 100 Meter tief.

"Ich war einer der Ersten, der damals nach Djado ging", erzählt Boss. "Das Gold war direkt an der Erdoberfläche, man brauchte nur einen Metalldetektor, um es zu finden." Für ihn war dies der Startschuss für seine neue Karriere als Goldgräber. Aber er war nicht der Einzige. Die Nachricht vom Gold verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Niger, einem Land, das auf dem UN-Entwicklungs-Index den vorletzten Rang belegt. Horden von Goldsuchern zogen in die ehemals so stille Region, immer wieder eskalierten Konflikte zwischen ethnischen Gruppen und Banden. Schließlich einigte man sich auf ein Arrangement: "Der Staat duldet den illegalen Abbau der Bodenschätze. Im Gegenzug gewährleisten wir die Stabilität", sagt Assayad Ibnou. Er ist einer von Boss' Mitstreitern der ersten Stunde und präsentiert sich als Präsident des "Komitees der Goldgräber von Tagharaba", gegründet 2014.

Ab 100 Meter Tiefe wird es gefährlich

Über eine Strecke von mehr als zwei Kilometern reihen sich die selbst gezimmerten Abbauanlagen aneinander. Es sieht aus wie ein gigantischer Webstuhl mit Hunderten von Löchern und Ziehbrunnen, jeder mit einer Seilwinde und einer schwergängigen Kurbel versehen. Rund 10.000 Arbeiter ackern in dieser befremdlichen und glühend heißen Stille, außer dem Quietschen der Kurbeln ist kaum ein Geräusch zu hören. Die Männer haben Viehherden zurückgelassen, manche von ihnen waren auch Schmuggler – das Gold liefert ihnen, so hoffen sie, ein besseres Leben.

Das Gestein wird in den Gruben abgeschlagen, in einem Kanister hochgezogen, dann mit dem Metalldetektor auf seinen Goldgehalt überprüft und zermahlen: Der Staub, der dabei entsteht, dringt in jede Pore

Das Gestein wird in den Gruben abgeschlagen, in einem Kanister hochgezogen, dann mit dem Metalldetektor auf seinen Goldgehalt überprüft und zermahlen: Der Staub, der dabei entsteht, dringt in jede Pore

 "Hier macht niemand Probleme", sagt Hamada Atako, ein ehemaliger Viehzüchter, der vor zwei Jahren in eine der handgefertigten Grabevorrichtungen investiert hat und nun sieben Arbeiter beschäftigt. "Jeder verdient, was sein Schacht hergibt. Anfangs fanden wir bereits in 20 Meter Tiefe Gold. Inzwischen muss man bis zu 100 Meter tief graben, um eine Ader zu erreichen. Das ist hart." Die Männer, die in die Löcher hinabsteigen, nennen sie "Taucher". Nur mit einem Motorradhelm auf dem Kopf und einem Seil um die Hüften klettern sie in die Tiefe. Ein Arbeiter erzählt, dass Unfälle trotz der spärlichen Ausrüstung selten seien, aber dass es "ab 100 Metern gefährlicher ist, weil der Boden immer feuchter wird".

Die Männer nehmen alte Kanister mit hinab und füllen sie mit den Gesteinsbrocken, die sie mit einem simplen Hammer abgeschlagen haben. Maschinen oder motorisierte Werkzeuge gibt es kaum. Der gefüllte Eimer wird nach oben gezogen und sein Inhalt mit dem Metalldetektor überprüft. Zwei Drittel der geförderten Steine gehen an den Besitzer der Anlage, ein Drittel an die Arbeiter. Eine Verteilung, die beide Seiten zufriedenzustellen scheint. "Wir bekommen Unterkunft und Verpflegung gestellt", sagt ein Arbeiter. Dann sagt er: "In diesem Schacht haben wir seit zwei Jahren kein Gold gefunden. Man muss auf das Glück hoffen."

In einem Punkt sind sich alle einig: Um sich hier an den Löchern abzurackern, muss man eine Spielernatur sein. Man darf die Hoffnung nicht aufgeben. Denn auch wenn nicht mehr so viel gefunden wird wie zuvor, gibt es diese Geschichten von einfachen Hirten, die zu Millionären geworden sind – Erzählungen, die das Goldgräberfieber auf Temperatur halten.

Unermüdlich mahlen sie das Geröll zu Staub und suchen darin nach Gold. Zwei Drittel der Steine bekommt der Eigner der Mine, ein Drittel die Arbeiter

Unermüdlich mahlen sie das Geröll zu Staub und suchen darin nach Gold. Zwei Drittel der Steine bekommt der Eigner der Mine, ein Drittel die Arbeiter

Saley hatte Glück: "In drei Jahren habe ich 700 Gramm geschürft." Das macht etwa 21 350 Euro, ein Vermögen in einem Land, in dem das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen bei einem Dollar pro Tag liegt. Hinter ihm ruft ein Goldsucher: "Halt den Mund! Sonst fangen die Europäer an, hier zu graben, und uns bleibt nichts mehr!"

Genug für einen vollen Kochtopf

Sie machen Scherze, lachen, während sie weiterhin unermüdlich ihre Kurbeln drehen. Dieser Ort kommt ohne Staat aus, er bietet seinen Bewohnern alles, was sie brauchen, von der Apotheke bis zum Telefonnetz. In der Nähe der Schächte stehen Lebensmittelläden, Friseursalons wurden neben den Lagern aus Plastikplanen und Matten aufgebaut. Bis vor einem Jahr bezahlte man seine Waren noch mit Gold. Inzwischen ist hier der größte Markt der Region. Man findet alles: Fahrzeuge, Ersatzteile, Elektrogeräte aus Libyen. Ein gutes Geschäft für Händler und vor allem für die Transportfahrer, die wegen eines Gesetzes, das die Beförderung illegaler Migranten eindämmen sollte, nahezu arbeitslos geworden waren.

Die Goldader liegt in einem abgelegenen Gebiet, das nur bewaffnet und im Konvoi durchfahren werden kann. Jederzeit drohen Überfälle

Die Goldader liegt in einem abgelegenen Gebiet, das nur bewaffnet und im Konvoi durchfahren werden kann. Jederzeit drohen Überfälle

Agala Ahmed inspiziert gerade das Chassis eines Toyotas. "Ich habe 17 Jahre lang illegal Menschen über die Grenzen geschmuggelt", sagt er. Aber das sei jetzt vorbei. Inzwischen arbeitet er in der Verwaltung der Konvois, er ist verantwortlich für die Abfahrt von rund 35 Fahrzeugen pro Woche. Die Fahrt kostet umgerechnet 23 bis 30 Euro pro Person. Die Illegalen hätten damals achtmal so viel gezahlt, sagt er. "In Tagharaba verdiene ich nur genug für einen vollen Kochtopf", sagt er. "Aber wenn es das Geschäft mit dem Gold nicht gäbe, würden wir alle als Banditen arbeiten."

Goldhaltiges Gestein aus dem Boden von Tagharaba. Das Edelmetall hier gilt als besonders fein, ist aber von einer Quarzgesteinmischung umschlossen

Goldhaltiges Gestein aus dem Boden von Tagharaba. Das Edelmetall hier gilt als besonders fein, ist aber von einer Quarzgesteinmischung umschlossen

Die Sonne geht unter, es ist die Zeit des Abendgebets. Feuer werden entzündet, Musik klingt durch die Straßen, es gibt Grillfleisch am Spieß. Die Männer sitzen beisammen, trinken Tee und unterhalten sich – niemand hat seine Frauen oder Kinder in die Goldgräberstadt mitgebracht. "Es ist ein Ort, an dem Menschen sterben, aber nicht geboren werden", sagt Abdoulkader Alifouna, der eine 40 Kilometer entfernt gelegene Ader schürft.

In einem Kassenhäuschen, das ihm zugleich als Büro und Wohnung dient, sitzt Boss und wirft einen Blick auf das, was der Tag gebracht hat: "460 Gramm reines Gold, frei von Quecksilber", sagt er stolz. Er möchte die Sache "sauber" machen, um keine Probleme mit dem Staat zu bekommen: Oft wird beim Goldabbau Quecksilber verwendet, um das Edelmetall aus dem Gestein zu lösen, mit desaströsen Folgen für die Gesundheit der Arbeiter und die Umwelt. Aber Boss schließt auch nicht aus, in Zukunft Zyanid zu benutzen, um an das Gold zu kommen.

Holzstöcke, festgebunden an der Ladefläche, sind der einzige Schutz der Männer gegen einen Sturz vom Lastwagen auf der Reise durch die Sahara

Holzstöcke, festgebunden an der Ladefläche, sind der einzige Schutz der Männer gegen einen Sturz vom Lastwagen auf der Reise durch die Sahara

Allerdings, so fügt er hinzu, soll es nur weit entfernt von der Stadt angewendet werden und nur bei einem Grundwasserspiegel von 600 Meter Tiefe. Zurzeit liegt sein Hauptaugenmerk darauf, die Sicherheit der Bergbaustelle zu gewährleisten. Der Staat habe ihnen 300 Militärs gesandt. Assayad Ibnou, der Präsident des Goldgräber-Komitees, fügt hinzu: "Unsere Hauptaufgabe besteht darin, Streitigkeiten unter den Schachtbesitzern zu schlichten." Zu Beginn habe es oft Ärger gegeben. "Jeder kam und grub, wo er wollte, der eine riss sich den Schacht eines anderen unter den Nagel. Wir versuchen, all das zu regeln. Wenn es uns zu viel wird, übergeben wir die Sache der Gendarmerie."

Besser als Schmuggel

Er nimmt seine Rolle als Vermittler zwischen Staat und Goldgräbern sehr ernst: "Sie wollten, dass wir von hier verschwinden, aber da haben die Männer gedroht zu revoltieren. Wir sind bis in die Hauptstadt gezogen, um den Behörden die Situation der Arbeitslosen zu erklären. Der Innenminister ist hergekommen und hat gesehen, dass hier fast nur Einheimische arbeiten." Eine Politik der Toleranz, die im benachbarten Algerien nicht angewendet wird: Das Land steht im Ruf, auf die Goldgräber zu schießen und ihnen das Material abzunehmen. Denn, so sagt Boss, im Umkreis von 1000 Kilometern gebe es überall Gold.

Für Tausende Männer, die in dem Gebiet arbeiten, bieten Restaurants Essen und Rückzugszonen an. Auch Händler und Internetcafés haben sich angesiedelt

Für Tausende Männer, die in dem Gebiet arbeiten, bieten Restaurants Essen und Rückzugszonen an. Auch Händler und Internetcafés haben sich angesiedelt

Wird das Gold die anderen Geschäfte, etwa den Schmuggel von Migranten, unterbinden und die Region befrieden, wie einige hoffen? Boss scheint daran zu glauben. "Gold ist besser als Schmuggel", sagt er. Mit Blick auf die Politik gibt er zu bedenken, dass Leute, die sonst arbeitslos wären, nun an den Schächten Geld verdienen können. "Wir wollen das hier mit den Menschen fortsetzen, die seit Jahrzehnten unter den Problemen der Region leiden. Wir haben alle viel durchgemacht, ohne Ausnahme."

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