VG-Wort Pixel

Rettung der verschütteten Bergleute in Chile Popstars aus der Grube


Die Rettungsaktion in Chile läuft wie inszeniert. Topfit, so scheint es, klettert ein Bergmann nach dem anderen aus der Grube. Vor Ort wird gefeiert wie bei einer Fußball-WM.
Von Andreas Albes, Copiapó

Es sind Szenen wie bei einer Fußball-WM: Tausende Menschen strömen auf einen öffentlichen Platz, wo sie das Großereignis auf einer riesigen Leinwand verfolgen und dazu Fahnen schwenken. In Copiapó, der nahe der San-José-Mine gelegenen Stadt im Norden Chiles, geht es derzeit ähnlich zu: Die Rettung der Bergleute wird als Public-Viewing-Event zelebriert. Händler bieten Fahnen an, die mit Fotos der verschütteten Männer bedruckt sind, die Zuschauer schwenken sie wie Nationalfahnen.

Rund um die benachbarte Grube ist die Stimmung ähnlich ausgelassen. Alle 40 Minuten taucht ein neuer Bergmann auf der Oberfläche auf, trägt eine Sonnenbrille und wird abgefeiert wie ein Popstar. Beobachter sind überrascht von dem stabilen Zustand der Männer. Dass die Rettung nach 69 Tagen Ausharren unter Tage so frenetisch begangenen wird, haben sich die 33 Männer wohl nicht träumen lassen. Selbst viele der 1600 Journalisten im Rettungslager Esperanza zeigen sich begeistert. Geht es so weiter, wird der letzte von ihnen morgen früh (MESZ) gerettet sein.

Jede erfolgreiche Rettungsaktion wird in Copapio mit einem Autokorso gefeiert, dazu heult die Sirene, und die Schulglocke bimmelt wie bei einem Feuersturm. Dazu skandieren die Zuschauer Sprechchöre: "Chi Chi Chi, Le Le Le, mineros de Chile" rufen sie immer wieder, "Die Kumpels von Chile". Es herrscht eine Stimmung wie auf einem Popkonzert - und die Bergleute sind die Stars. Und genau von diesen Stars wollen derzeit alle profitieren: die Kneipen und Brauereien, die Fahnenverkäufer, sogar eine Unterwäschefirma will auf den Zug aufspringen und nutzt die Aufmerksamkeit für eine Werbeaktion.

Frisch rasiert und mit geputzten Schuhen

Derweil gibt es Menschen, die sich Gedanken machen über den ersten öffentlichen Auftritt der Popstars: Die Ehefrauen, so heißt es, haben darauf bestanden, dass sich ihre Gatten vor der Himmelsfahrt noch einmal rasieren. Das Wiedersehen soll nach 60 Tagen offenbar nicht zu kratzig ausfallen.

Da die Kameras von Fernsehstationen aus aller Herren Länder auf die Kumpels gerichtet sind, hat man sich auch um die sonstige Erscheinungsweise Gedanken gemacht: Damit sich die chilenischen Bergleute der Weltöffentlichkeit nicht als Lumpenproletarier präsentieren, wenn sie aus der Rettungskapsel klettern, sind sie rechtzeitig mit Pflegeprodukten versehen worden: Schuhcreme soll den Bergmannsstiefeln Glanz verleihen, und für ein freundliches Gesicht gab's zu den Rasierutensilien noch eine Hautlotion. Mehr benötigt auch Mick Jagger nicht für seinen Auftritt.

Mitarbeit: Carsten Heidböhmer

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker