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20. Jahrestag der Anschläge "Da passiert was in New York": So erinnern sich stern-Mitarbeiter an den 11. September 2001

CNN am 11. September 2001
Am 11. September 2001 saß die halbe Welt vor CNN – auch viele Mitglieder unserer Redaktion
© Cnn/ / Picture Alliance
Wo warst du am 11. September 2001? Daran kann sich fast jeder noch erinnern. 20 Jahre nach den Anschlägen in New York berichten stern-Mitarbeiter davon, was sie mit diesem Tag verbinden.

11. September 2001 – schon das Datum steht für sich. Jeder weiß, dass damit die Anschläge auf das World Trade Center in New York gemeint sind, und fast jeder verbindet eine persönliche Geschichte damit. Die Ereignisse haben sich nicht nur in das politische und gesellschaftliche, sondern auch in das individuelle Gedächtnis hineingefressen. 20 Jahre nach den Anschlägen erinnern sich stern-Mitarbeiter, wie sie jenen Tag erlebt haben.

Erinnerungen an die Terroranschläge vom 11. September 2001: "Macht mal CNN an"

Ich war damals frischgebackener Online-Redakteur bei der "Financial Times Deutschland" und in der Nähe von Florenz im Sommerurlaub. Meine Freundin machte sich gerade im Bad fertig für das Abendessen, ich überbrückte die Zeit vor der Glotze. Nur italienisches Fernsehen, ich verstand kein Wort, aber Bilder sprechen ja normalerweise für sich. Diesmal nicht. Ich verstand nicht, was ich sah. Den Qualm, die schreienden, von weißem Staub umhüllten Menschen, die brennenden Türme. Auf den Live-Bildern standen die Twins noch. Zunächst. Minuten später stürzte der erste in sich zusammen. Ich schrie Richtung Bad: "Komm schnell her!" Mein Hirn lieferte kein plausibles Szenario für diese Bilder. Ungeachtet der horrenden Handygebühren rief ich in der Redaktion an, ein völlig gestresster Kollege im Newsroom meldet sich, umriss gehetzt die bekannte Lage und legte auf. Heute hätte ich via Skype sofort meinen US-amerikanischen Familienzweig in Boston kontaktiert – gab es damals nicht. Essen waren wir nicht mehr. Jeglicher Appetit war verschwunden  Wir saßen in dem kleinen Hotelzimmer auf dem Bett und starrten mit  rapide steigendem Entsetzen auf die Bilder, die jetzt für sich selbst sprachen. Ich fühlte eine unglaubliche Solidarität mit den Amerikanern und viel später eine merkwürdige Scham, dass die Attentäter ausgerechnet aus meiner Heimatstadt, ja aus genau dem Stadtteil kamen, in dem ich aufwuchs.
Henry Lübberstedt, Geschäftsführender Redakteur

"Da passiert was in New York", war das erste, was ich hörte an diesem Nachmittag des 11. September 2001. "Macht mal CNN an." Es hieß, ein Kleinflugzeug sei in einen der Twin Towers geflogen. Unfall? Terroranschlag? Wir standen um den Fernseher herum, die CNN-Moderatoren wussten auch noch nicht mehr, die Kameramänner, die in Helikoptern um das brennende Gebäude flogen, hielten auf die schwarzen Rauchschwaden. Und dann sahen wir es alle: das zweite Flugzeug. Es war eindeutig eine Passagiermaschine und kam viel zu tief über den blauen Himmel von Manhattan. Der zweite Turm explodierte. Sofort schaltete die ganze Redaktion um auf Krisen-Modus: Das Heft war gerade erst fertig gestellt worden, es wurde gerade gedruckt. Auf dem Titel, völlig unpassend, stand "Die Macht der Gene – warum Frauen schlecht einparken und Männer nicht zuhören". Damit konnte der stern in dieser Woche nicht am Kiosk liegen. Also begann die ganze Redaktion mit der Produktion einer Sonder-Ausgabe, die jedem Heft beigelegt wurde: "Angriff auf Amerika".

Unser Büro an diesem Tag in New York zu erreichen, war extrem schwierig. Die Telefonleitungen waren überlastet. Wir warteten auf den Text, den unser Korrespondent Michael Streck – gerade dem Inferno der zusammenstürzenden Türme im Finanzdistrikt entkommen – angekündigt hatte. Doch die E-Mail kam nicht, und wir kamen mit unseren Telefonen nicht durch zum Büro. Endlich klingelte es, es war Michael Streck. "Ist der Text so okay?" Er hatte ihn schon vor über einer Stunde losgeschickt. Nichts war bei uns angekommen. Wir entschieden: Er blieb in der Leitung – und diktierte seinen Text via Telefon, in Hamburg wurde er ins Redaktionssystem getippt.
Cornelia Fuchs, Leitende Redakteurin Stern Plus

Anschläge in New York: "Bricht jetzt der Dritte Weltkrieg aus?"

Ich war damals Community Manager bei AOL. Uns erreichten binnen Minuten viele besorgte eMails, die Foren explodierten mit Beiträgen. Wir haben dann kurzentschlossen einen Chat auf die Homepage gesetzt, und freiwillige Moderatoren dafür akquiriert, um das alles irgendwie zu kanalisieren – der Chatraum, der 100 Leute fasste, war binnen zehn Minuten voll. Wir haben dann über den Mittag acht weitere Räume dazugebaut, und die Chats über die Homepage rotieren lassen, so dass wir damals in der Spitze fast 900 Menschen gleichzeitig im Chat hatten. Das zu organisieren und zu koordinieren war eine Herkulesaufgabe – und so habe ich ehrlicherweise von der tatsächlichen Lage fast nichts mitbekommen.
Marco Palzkill, Product Manager

Ich war an jenem Tag noch im Vertrieb tätig und im Rahmen dessen saß ich zum Zeitpunkt des Anschlags bei Sportscheck an der Mönckebergstraße in Hamburg mit deren Einkäuferin zusammen. Das Radio lief, als es hieß, ein Flugzeug sei ins WTC geflogen. Ich dachte zuerst an eine Cessna und wunderte mich noch darüber, dass so etwas noch nie zuvor passiert war – also, dass ein Kleinflugzeug in ein New Yorker Hochhaus gekracht ist. Dann kam die Meldung vom zweiten Flugzeug-Einschlag, und da war natürlich klar, dass dies kein Unfall mehr war. Aufgewühlt brachen wir unser Gespräch ab. Unten im Verkaufsraum sah ich auf den Monitoren die ersten Bilder und war geschockt, dass es sich tatsächlich um große Flugzeuge handelte. Begreifen konnte ich das dann aber immer noch nicht. Ich hab mich gefragt, ob jetzt der Dritte Weltkrieg ausbricht. Auch Tage danach war ich einfach nur fassungslos.
Jessica Kröll, SEO-Redakteurin

Kurz nach den Anschlägen beim Radiohead-Konzert

Ich war 23 und saß an diesem Dienstag beim DSF (jetzt Sport1) in Ismaning an meinem Praktikanten-Rechner, als die ersten Infos und später auch die Bilder der brennenden Türme in New York in Internet auftauchten. Mein Chef hat unseren US-Kollegen direkt nach Hause geschickt und auch mir wurde freigestellt, ob ich bleiben will. In meinem spartanischen Zimmer hab ich mich am Abend dann sehr allein gefühlt und die ganze Nacht kein Auge zugemacht. Ich erinnere mich, dass ich stundenlang ungläubig vor dem Fernseher saß und ganz real Angst davor hatte, dass in den USA irgendwer die Nerven verliert und die Welt in eine noch größere Katastrophe stürzt.
Jan Sägert, Redakteur Content Commerce

Am 11. September 2001 war ich Student in Berlin. Ich kam von der Uni zurück in meine WG und wollte "Star Trek" schauen. Doch auf allen Sendern liefen nur Bilder von den Flugzeug-Einschlägen ins World Trade Center. Ob ich einen davon oder den Kollaps der Türme live gesehen habe, kann ich gar nicht mehr sagen, so oft habe ich die Bilder in den vergangenen 20 Jahren gesehen. Abends war ich dann auf einem Radiohead-Konzert. Ich erinnere mich kaum noch, welche Songs die Band gespielt hat. Nur, dass es mir absurd vorkam, dass das Publikum nach jedem Song applaudiert hat. Ansonsten waren die Fans sehr still für ein großes Konzert. Auch Sänger Thom Yorke hat keine Ansagen gemacht. Nur die Frage "What can you say on a day like this?" ist mir hängengeblieben.
Thomas Krause, News- und Videoredakteur

20 Jahre nach Terroranschlag auf das World Trade Center: 9-11-Witwe La-Shawn Clark im stern-Interview

"Der 11. September hat mich politisiert"

Ich hatte den August 2001 als 17-Jähriger bei meiner Cousine in Milwaukee verbracht, mit ihr den Norden dieses großartigen Landes erkundet und auch meinen amerikanischen Großvater nach mehr als 13 Jahren endlich wiedergesehen. Und ihn quasi auch kennengelernt, weil ich mich an den Besuch als Kleinkind nicht mehr erinnern konnte. Seit diesem Urlaub, es war der erste ohne Eltern, fühle ich mich dem Land und meinen amerikanischen Wurzeln sehr verbunden, weil mich die Offenheit, mit der ich dort von (teilweise) Fremden empfangen wurde, tief beeindruckt und bewegt hat. Als wenige Tage später der 11. September geschah, löste das in mir eine nur schwer zu beschreibende Reaktion aus. Aber es fühlte sich auch wie ein Anschlag auf das Land meiner Familie an. Ich sah die Bilder erstmals in der Redaktion der "Gmünder Tagespost", bei der ich als Schüler in der Sportredaktion arbeitete. Das ganze Team stand vor dem kleinen Fernseher in einem stickigen Vorraum – aus dem ich mich relativ schnell davonschlich, um meinen Verwandten und Bekannten SMS und Emails zu schreiben und zu fragen, wie es ihnen geht. Aus heutiger Sicht würde ich behaupten, dass mich der 11. September endgültig politisiert hat. Fünf Jahre später ging ich für ein Auslandssemester in die USA. Und belegte dort unter anderem das Seminar "Die Psychologie des Terrorismus".
Swen Thissen, Leitung Digitalredaktion

Mein Vater hatte in seinem Büro einen Fernseher stehen und dort lief gelegentlich "CNN Türk". Er hatte live beobachtet, wie der zweite Flieger in das World Trade Center raste und rief mich an, dass ich den Fernseher einschalten sollte – meine Mutter und ich saßen den ganzen restlichen Tag davor. Ich war gerade in die siebte Klasse gekommen und hatte dort das erste Mal Geschichtsunterricht. Am nächsten Tag zeichneten wir den 11. September 2001 auf unserem Zeitstrahl im Heft ein, aber ich war noch zu jung, um die politische Tragweite des Anschlags begreifen. Viel schlimmer war für mich das Nachspiel: Einige Tage später lief ich mit einigen Mitschülerinnen nach Schulschluss zum nahegelegenen Hauptbahnhof, hinter uns ein Mann, der offenkundig nicht aus Deutschland kam. Die Mädels schrien auf: "Ein Muslim" – und rannten weg. Als ich sie einholte und ihnen erklärte, dass ich auf dem Papier auch eine Muslima bin, glotzen sie mich nur an. Das dumme Gefühl, das ich damals verspürte, bleibt bis heute.
Yasemin Kulen, Redakteurin Social Media

Als ich von den Anschlägen erfuhr, stand ich ziemlich verschwitzt am Rand eines Schwimmbeckens. Kurz zuvor hatte ich in der Sauna des Hallenbades, wo ich damals jobbte, einen Aufguss gemacht, vor dem nächsten sollte ich im Badebereich Aufsicht schieben. Ein Kollege, im Hauptberuf Feuerwehrmann, war es, der mich informierte. Im Gegensatz zu mir – und vermutlich allen Gästen im Bad – hatte er sogar schon TV-Bilder gesehen. Rückblickend muss ich sagen, dass ich die Tragweite von 9/11 damals nicht sofort erfasste: Zwei Flugzeuge ins World Trade Center geflogen, mitten in New York – das klang einfach völlig abwegig. Neue Infos gab es nur übers Radio und meine Schicht ging noch einige Stunden. Letztlich war es irgendwann nach 23 Uhr, dass ich erstmals Videos der Anschläge sah. Meine Eltern und mein Bruder saßen da schon seit Stunden vor dem Fernseher – zusammen kamen noch einige hinzu.
Moritz Dickentmann, Teamleiter Verifikation

Ich war im September 2001 seit ein paar Wochen in der 11. Klasse, endlich Oberstufe, alles neu. Meine beste Freundin war für ein Auslandsjahr in Finnland, doch nach Schulschluss traf ich ihre jüngere Schwester im Schulflur und sie bot mir an, mit ihr und ihrer Mutter, die in der Stadt arbeitete und praktischerweise gerade Feierabend hatte, nach Hause in unser Dorf zu fahren. Nahm ich dankend an. In dem kleinen, grauen Polo sitzend hörten wir während der Fahrt Radio, und plötzlich wurde die Dudelmusik unterbrochen. Eine Nachrichtenmeldung, die wichtiger und aufgeregter klang als die üblichen Stau- oder Politikmeldungen, informierte uns über das erste Flugzeug, das ins World Trade Center geflogen war. Noch hielt man das für einen Unfall, aber die Radioreporter blieben dran, es gab für den Rest der Fahrt keine Dudelmusik mehr. Zuhause angekommen nötigte ich meine Eltern, sofort den Fernseher anzumachen. Ich glaube nicht, dass wir CNN gesehen haben oder überhaupt empfangen konnten, aber auch mindestens einer der "üblichen" Sender hatte längst das Programm für Live-Berichterstattung unterbrochen. Den Rest des Tages verbrachte die ganze Familie, angesichts der Entwicklung zunehmend entsetzt, vor dem Bildschirm.
Wiebke Tomescheit-Bösenberg, Redakteurin Social Media

epp

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