Transrapid-Prozess Das unmögliche Unglück


Vor dem Landgericht Osnabrück ist der Transrapid-Prozess eröffnet worden. Angeklagt wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung sind die Betriebsleiter Günter S. und Jörg M., die am ersten Tag brisante wie schockierende Details schilderten.
Von Tonio Postel

Die Bekenntnisse der Betriebsleiter ähneln sich, und doch sprechen sie eine gänzlich andere Sprache. Da ist der Angeklagte Jörg M., der zur Zeit des Unfalls die Verantwortung für den Transrapid TR 08 sowie das 31-Kilometer lange Strecken-Oval besaß. "Das war der schlimmste Tag in meinem Leben", sagt er ohne eine Miene zu verziehen vor der 10. Großen Strafkammer des Landgerichts Osnabrück, doch das Leid steht dem aschblonden Mann mit der randlosen Brille ins Gesicht geschrieben, hat sich auf seine tonlose Stimme gelegt. Und da ist der Angeklagte Günter S., an jenem Septembertag bereits seit Wochen in Rente und gerade auf dem Weg in den Urlaub.

"Es war unfassbar, und das ist es bis heute", sagt er, und gleich nach diesem ersten Satz muss er eine Pause einlegen, um den Tränen Tribut zu zollen, die den älteren Herren mit den langen grauen Haaren und den großen Augen im Laufe seiner Ausführungen immer wieder unterbrechen werden. Gemeinsam haben diese beiden Männer, dass sie zum Zeitpunkt der Katastrophe nicht anwesend waren. Im Gegensatz zum Hauptangeklagten, dem Fahrdienstleiter Günther M., dessen Stuhl heute jedoch leer bleibt, da er akut selbstmordgefährdet sei. Deshalb verzichtet die Kammer vorläufig auf eine Anklage.

"Wir wollen ja kein 24. Todesopfer"

"Der Mann nimmt sich seine Fehler sehr zu Herzen", sagt Oberstaatsanwalt Hubert Feldkamp im Gespräch mit stern.de. "Und wir wollen ja kein 24. Todesopfer." Aus unerfindlichen Gründen habe M. die Streckensperre bei "Stütze 120" nicht aktiviert und die Strecke frei gegeben. So nahm das Unglück seinen Lauf: Mit Tempo 170 raste der mit RWE-Angestellten und Mitarbeitern eines Pflegedienstes gefüllte Transrapid auf den dort abgestellten Werkstattwagen, der ordnungsgemäß längst in einer Halle hätte stehen müssen.

Den angeklagten Betriebsleitern wird vorgehalten, die "internen Betriebsabläufe" nicht so geregelt zu haben, dass eine Kollision ausgeschlossen war. Konkret wird ihnen vorgeworfen, die "Fahrwegsperre", also eine Sicherung, die beim Rangiermanöver üblicherweise eingesetzt wurde, nicht in ihre Betriebsvorschriften aufgenommen zu haben, obwohl sowohl Hersteller Siemens als auch der TÜV dies empfohlen haben sollen. Auch von einer automatischen Sicherung war die Rede. "Das wäre technisch gar nicht möglich gewesen", verteidigt sich Jörg M. "Aber für München war so was doch geplant", entgegnet der Vorsitzende Richter, Dr. Temming. "Wir hatten die Pläne für München mal angefordert, aber die galten als geheim."

Auch eine Neuigkeit kam durch den Angeklagten Jörg M. ans Licht: So soll vor dem Crash ein Streit zwischen den beiden Fahrdienstleitern im Leitstand ausgebrochen sein und die Konzentration auf den Fahrbetrieb möglicherweise entscheidend gestört haben. Warum der zweite Mann im Leitstand nicht angeklagt wird, blieb unklar.

"Wir wollten alles offen legen"

Der Angeklagte Jörg M. ist sich heute sicher: "Ich bin meinen Verpflichtungen komplett nachgekommen." Der Mann, der zum damaligen Zeitpunkt erst seit sechs Wochen die Verantwortung für den Transrapid hatte, wolle alles ihm mögliche zur Aufklärung beitragen. "Unser Grundprinzip war das Handeln zur sicheren Seite", also bei jedwedem Zweifel eine Überprüfung vorzunehmen, führt er aus. Und auch der Leitstand sei stets durch Fachvorgesetzte kontrolliert worden. Sein Vorgänger, Günter S., pflichtet ihm bei: "Einzelfehler konnten nie Probleme verursachen, Fehler eines Einzelnen wurden systematisch von anderen aufgefangen." Man habe sich extra ins "Glashaus" gesetzt, sagt S., und wieder kämpft er mit den Tränen, denn "wir wollten immer alles offen legen, nur so kann man das Optimum erzielen."

Auch ein automatisches GPS-System im Leitstand überwachte die von keinen Kameras überwachte Teststrecke, "und in 99 von 100 Fällen funktionierte es fehlerfrei", sagt Günter S. mit Entsetzen im Gesicht. Man merkt ihm seine Zerrissenheit an, er kann einfach nicht fassen, dass die drei Personen im Leitstand "alles ignorierten, was ging". Denn im Zweifel, falls im Leitstand Fehler begangen würden, seien da ja auch noch die Fahrer, welche diese ausbügeln könnten. "Ich verstehe immer noch nicht, wie der Fahrer - bei besten Sichtverhältnissen! - eine Minute lang auf den Wagen zufahren konnte."

Errichtet wurde die Versuchsanlage "zum Zwecke der realitätsnahen Erprobung für einen kommerziellen Einsatz der Magnetschwebebahntechnik" zwischen 1980 und 1984. Doch politisch ist der Transrapid offenbar ungeliebt, in München ist das Projekt kürzlich grandios gescheitert. Insgesamt wurden rund 572.000 Gäste mit einer Geschwindigkeit von bis zu 400 km/h unfallfrei über die flachen Kuhwiesen im Emsland gezoomt, neben der Meyer Werft in Papenburg war eine zweite Touristenattraktion in Westniedersachsen geboren. Doch die Frage, warum überhaupt Publikum auf einer Testanlage zugelassen ist, wird den 40 Nebenklägern und der Öffentlichkeit in den angesetzten sechs Verhandlungstagen wohl niemand erklären.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker