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Unfall in Grevenbroich: Toter Arbeiter soll geborgen werden

Nach dem schweren Kraftwerksunglück in Grevenbroich konnten erst zwei der drei toten Monteure geborgen worden. Ein Mann liegt noch immer in 70 Meter Höhe. Der getötete Monteur solle voraussichtlich im Laufe des Tages geborgen werden.

Von Frank Gerstenberg

Nach dem tödlichen Unfall auf der Kraftwerksbaustelle in Grevenbroich haben am Samstagmorgen die Vorbereitungen für die Bergung der dritten Leiche begonnen. Der getötete Monteur, der noch immer in 70 Metern Höhe an einem Seil hing, sollte voraussichtlich im Laufe des Tages geborgen werden, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums in Düsseldorf der AP. Zugleich werde die Suche nach Vermissten fortgesetzt. Hinweise auf weitere Opfer gebe es derzeit jedoch nicht, sagte der Sprecher. Ob in dem Fall ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet wird, ist nach Angaben der Polizei noch unklar. Zunächst müsse die Baustelle von Gutachtern untersucht werden, erklärte ein Sprecher der Polizeileitstelle Neuss.

Die Bergungsarbeiten waren am Freitagabend abgebrochen worden. Der Grund: ein zu hohes Sicherheitsrisiko. Noch immer hängen tonnenschwere Bauteile frei an einem Haken, und es muss damit gerechnet werden, "dass sie jederzeit abstürzen könnten", sagt Matthias Wilbertz, Leiter der RWE-Werksfeuerwehr auf der gemeinsamen Pressekonferenz von Unternehmen, Polizei und Staatsanwaltschaft in Grevenbroich. "Bei aller Betroffenheit und Trauer müssen wir auch an das Leben unserer Rettungskräfte denken", sagte Polizei-Einsatzleiter Dieter Höhbusch. Zuvor konnten zumindest zwei der drei Toten geborgen werden.

Unfallursache bleibt weiter unklar

Die Unglücksursache liegt weiter im Dunkeln. Führte ein Materialfehler zu dem Absturz eines 450-Tonnen-Stahlkolosses? Wurde ein Bolzen falsch gesetzt? Hat der Kranführer ein Kommando des Bauleiters falsch verstanden? "Wir ermitteln in alle Richtungen", sagt Rolf-Peter Hoppe, der die Ermittlungen für die Kripo in Düsseldorf leitet. Menschliches Versagen sei ebenso wenig auszuschließen wie eine technische Panne, erklärte Klaus-Dieter Rennert vom Energie- und Transportunternehmen Babcock-Hitachi, die zusammen mit der Alstom Deutschland AG Europas "modernstes Kraftwerk" bauen. Der Statik-Experte Volker Becker glaubt an menschliches Versagen: "Ein Teil der Kesselanlage wurde offenbar nicht richtig befestigt", erklärte er gegenüber dem Sender N24.

Wann die Unfallursache aufgeklärt werden kann, ist derzeit nicht abzusehen. Die rund 60 Fußballfelder große Baustelle (52 Hektar) darf bis auf weiteres nicht betreten werden. Das Energieunternehmen RWE hat auf unbestimmte Zeit ein Baustopp verhängt. Unklar ist, ob sich durch den Unfall die gesamte Statik des gigantischen Prestigeprojekts verzogen hat. Die Bergungsarbeiten des dritten Toten können frühestens am Samstag fortgesetzt werden.

Der Unfall an der Großbaustelle, auf der zwei insgesamt 90.000 Tonnen schwere Kraftwerke entstehen, ereignete sich am Donnerstagnachmittag um 16.50 Uhr: Ein niederländischer Kran wollte aus 200 Metern Höhe eine Stahltraverse in das Gerüst einsetzen, die mit dem 170 Meter hohen Treppenturm verbunden werden sollte. Aus ungeklärter Ursache stürzte der 450 Tonnen schwere Stahlkoloss ab und riss mehrere Monteure, die an dem gitterartigen Gerüst arbeiteten, in die Tiefe. Einige Arbeiter sollen von den herunterstürzenden Betonplatten erschlagen beziehungsweise schwer verletzt worden sein. Die Bergungs- und Rettungskräfte hatten bis zum frühen Abend große Mühe, den Kran zu sichern. Einer der Arbeiter hing über 24 Stunden lang in 140 Meter Höhe vermutlich tot in seinem Sicherungsgeschirr.

Verletzte außer Lebensgefahr

Unmittelbar nach der Katastrophe hatte das Unternehmen von fünf Toten und einem Vermissten gesprochen. "Ein Übermittlungsfehler", entschuldigte sich Eberhard Uhlig von RWE. Fünf verletzte Monteure wurden in die Kreiskrankenhäuser Grevenbroich und Dormagen transportiert. Sie seien schwer verletzt, aber "außer Lebensgefahr", so Kreisdirektor Hans-Jürgen Petrauschke. Bislang sei noch keiner von ihnen vernehmensfähig, so Oberstaatsanwalt Peter Aldenhoff aus Mönchengladbach. Alle acht Männer stammen aus der Slowakei und aus Tschechien. Zwei der der Toten seien Slowaken im Alter zwischen 32 und 35 Jahre, der dritte Tote soll ein 25-jähriger Tscheche sein. Bei den Schwerverletzten handele es sich um fünf Monteure im Alter von 20-30 Jahren. Laut Polizei-Einsatzleiter Höhbusch ist zur Stunde nicht auszuschließen, dass es weitere Verletzte gibt. Augenzeugen des Unglücks konnten Polizei und Staatsanwalt bislang nicht ermitteln, berichtete Oberstaatsanwalt Peter Aldenhoff aus Mönchengladbach. Die Opfer arbeiten für eine tschechische Tochterfirma des deutschen Bauunternehmens Bögl, die als Subunternehmen für die Arbeitsgemeinschaft aus Alstom Deutschland und Babcock-Hitachi das Kesselgerüst des Kraftwerks baut.

Das Unglück an dem Energie-Koloss, der ab dem Jahr 2009 rund 15 Prozent der Stromversorgung in Deutschland sichern soll und 2,2 Milliarden Euro kostet, wirft zahlreiche Ungereimtheiten auf: So ist völlig unklar, wie die Berufsgenossenschaft für Bauwirtschaft noch vor einem Monat die Baustelle als eine der sichersten in Europa rühmen konnte, sich seitdem aber zwei schwere Unfälle ereigneten. Denn bereits Anfang September war ein 51-jähriger RWE-Arbeiter aus einer mobilen Hebebühne zehn Meter in die Tiefe gestürzt und gestorben. Ein weiterer Monteur konnte kurz zuvor im letzten Moment aus 175 Metern Höhe gerettet werden. Während der Bergungsarbeiten kam es überdies zu einem weiteren Unglück: Ein Sanitäter erlitt einen Herzinfarkt. Er soll inzwischen außer Lebensgefahr sein.

mit Agenturmaterial