HOME

Kindheit in Amerika: Ein Kind muss in den Knast, die Mutter kann nicht helfen – eine US-Familie am Rande der Gesellschaft

In den USA macht die Strenge des Gesetzes nicht halt vor den Jüngsten und Vinny musste mit 13 in den Knast. Sein Schicksal und das seiner Familie zeichnet ein intimes Porträt von Menschen am Rande der Gesellschaft.

USA: Ein Kind muss in den Knast, die Mutter kann ihm nicht helfen

Februar 2012: Vincent, "Vinny" gerufen, betet in seiner Zelle des Jugendgefängnisses von Albuquerque, New Mexico in den USA

Benommen stolpert er aus der Tür, hört irgendwen brüllen: Police Department!, lässt das Messer fallen und hebt die Hände, da trifft ihn schon das Schrotsack-Geschoss, Schmerz durchfräst seinen Brustkorb, und er sackt zusammen, die Mutter stürzt herbei, er sieht den Schock in ihren Augen und das Blut in ihrem Gesicht, es ist der 3. Februar 2012 in Albuquerque, New Mexico, und er ist seit vier Monaten 13 Jahre alt.

Polizisten legen ihn in Handschellen und fahren zur Wache, er weiß nicht mehr, ob er weint, er weiß, dass sie ihm sagen, in einer Stunde kommst du frei, doch dann stecken sie ihn ins Gefängnis, noch heute, sechs Jahre später, sagt Vincent, die Mutter nennt ihn Beano, vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke. Kaum eine Nacht, in der ich nicht davon träume. Mom ist daran zugrunde gegangen. Und mit ihr die ganze Familie.

In die USA hineingeboren

Im Jugendgefängnis ist er der Jüngste, das sehen die Gang-Jungs sofort: Na, was machst du denn hier, Kleiner?

Vincent, große, wache Augen, kleine, scheue Gestalt, steht anfangs zu sehr unter Schock, um Angst zu fühlen. Er ist ein Kind noch, als dem Staat nichts Besseres einfällt, als ihn in eine Einzelzelle zu sperren, vier mal zwei Meter.

Vincent ist ein Kind dieser Zeit, in der nur allzu viele Politiker Erfolge bei Wahlen haben, die Recht mit Rache verwechseln und Gerechtigkeit mit Härte. Er wurde hineingeboren in die USA, ein Land, in dem, so zählte die letzte Erhebung von 2016, im Laufe des Jahres 856.130 Minderjährige verhaftet wurden und an einem durchschnittlichen Tag rund 53.000 Jugendliche im Gefängnis saßen.

"Ich will hier raus, Mama." "Ich weiß", antwortet Eve. Doch die Mutter kann ihm hier nicht helfen

"Ich will hier raus, Mama." "Ich weiß", antwortet Eve. Doch die Mutter kann ihm hier nicht helfen

Ein Land, in dem die ganze Strenge des Gesetzes auch vor den Jüngsten nicht haltmacht. Die Vereinigten Staaten sind die einzige Nation, die Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ohne Aussicht auf Revision bis zu ihrem Tod hinter Gitter sperrt, zurzeit fristen gut 2100, die so jung verurteilt wurden, so ihr Dasein.

In vielen Bundesstaaten werden Kinder schon eingesperrt, wenn sie wiederholt die Schule schwänzen oder von zu Hause fortlaufen. 2015 landete in Ohio ein neun Jahre alter Junge für einige Tage hinter Gittern, nachdem er eine geladene Pistole mit in die Grundschule gebracht hatte. Und im John E. Brown Juvenile Justice Center, 5100 Second Street, Albuquerque, saß auch schon einmal ein neunjähriges Mädchen.

Hier findet sich im Februar 2012 Vincent wieder, tränenschwere Augen und hängende Schultern, und hier beginnt die Geschichte dieses Jungen, dessen Kindheit im Gefängnis zerbricht. Was wird aus einem 13-Jährigen, wenn man ihn ins Gefängnis steckt? Natürlich kann niemand beantworten, ob alles besser in Vincents Leben verlaufen wäre, wäre er damals von der Haft verschont geblieben. Doch diese Geschichte kann erzählen, welcher Kampf in seinem Leben an jenem Tag begann, als er sich im Gefängnis wiederfand, und davon, wie er danach um seinen Platz im Leben kämpft.

Muffige Zimmer im Gewerbegebiet

19 Jahre alt ist er heute. Er sagt, er habe das alles an jenem Tag nicht gewollt, er habe doch nur das Versprechen halten wollen, das er seiner Mutter gab, da war er neun Jahre alt: Ich werde dich immer beschützen, Mama.

Er erinnert sich, wie er im Jugendgefängnis an einem Nachmittag für eine halbe Stunde in den Computerraum darf, doch die Computer interessieren ihn nicht. Er steht damals an der Glasbausteinwand und beobachtet, wie sich dahinter bunte Schemen abzeichnen und wieder verschwinden, wenn sie die Tür zu seinem Trakt erreichen. Er versucht, die Bewegungen zuzuordnen. Am einfachsten ist es, wenn zwei große Schemen auszumachen sind und in der Mitte ein kleinerer, dann weiß er, dass nicht seine Mutter kommt, sondern die Cops mit einem neuen Gefangenen. Doch wenn nur ein Schatten auszumachen ist, dann klopft sein Herz lauter, immer hofft er, dass die Mutter gleich vor ihm steht. Du bist nie allein, hatte die Mutter einmal zu ihm gesagt: Wenn du auf den Boden blickst, findest du immer deinen Schatten.

Er ist der Kleinste, der Jüngste, das sehen die Gang-Jungs sofort. Vinny beim Morgenappell vor seiner Einzelzelle

Er ist der Kleinste, der Jüngste, das sehen die Gang-Jungs sofort. Vinny beim Morgenappell vor seiner Einzelzelle

Seine Mutter hat ihm eine Nachricht zukommen lassen: Beano, ich habe dich so sehr lieb, und ich bin sehr stolz auf dich. Halte noch ein wenig durch, wir alle lieben dich, vermissen dich. Ich komme dich morgen besuchen, versprochen, sei tapfer, okay?

Eve, die Mutter, muss sich in jenen Tagen um so viel kümmern. Um Vinnys kleine Geschwister vor allem, Elycia, sie ist vier Jahre alt, und Michael, er ist sechs. Vinny hatte immer auf sie aufgepasst. Hatte Michael morgens in die Schule gebracht und war zurück ins Motelzimmer gegangen, er selbst hatte keine Zeit für die Schule, er musste auf Elycia aufpassen.

Das Travelodge Motel wurde wahrscheinlich in den 70er Jahren das letzte Mal renoviert. Es ist ihr Zuhause, seit sie vor drei Wochen wieder einmal aus einer Wohnung rausgeflogen sind. Eve hat immerhin eine günstige Rate ausgehandelt, 150 Dollar die Woche, viel mehr kann man auch nicht verlangen für dieses muffige Zimmer im Gewerbegebiet am Rande der Stadt.

Tränen

Und viel mehr kann Eve auch nicht bezahlen. Acht bis zehn Stunden, sechs Tage die Woche, steht sie hinter dem Tresen im "Wienerschnitzel", einem Fast-Food-Flachbau, in dem es kein Wiener Schnitzel gibt, aber Hot Dogs mit Chili und Softeis. Sie hat sich zur Managerin hochgearbeitet: Schichtpläne aufstellen, Ware bestellen, zu den Gästen immer freundlich, das alles für 7,50 Dollar die Stunde.

Das alles für die Kinder. Sie sollen Geburtstagsgeschenke haben und etwas zu essen. Sie hat eine Kochplatte fürs Motelzimmer angeschafft, bringt Tüten mit Hackfleisch und Kartoffeln nach Hause. Das Küchenmesser, sagt Vincent damals, als seine Mutter endlich bei ihm im Gefängnis sitzt, hatte ich an diesem verdammten Abend doch nur in der Hand, weil ich gerade dabei war, Bratkartoffeln zu schneiden.

Sie sitzen im Besucherzimmer an einem der festgeschraubten Stahltische, Vincent trägt das graue Häftlings-T-Shirt, Eve drückt ihren Sohn fest an sich, sie weint. Und auch Vincent, der sich so viel Mühe gegeben hatte, vor seiner Mutter tapfer zu sein, er kann die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Eve ist verzweifelt. Sie hat das Sorgerecht verloren für Vinny. Links Elycia, die Tochter, rechts David, "DJ", Vinnys Halbbruder

Eve ist verzweifelt. Sie hat das Sorgerecht verloren für Vinny. Links Elycia, die Tochter, rechts David, "DJ", Vinnys Halbbruder

Ich will nach Hause, Mama.

Ich weiß, Vinny.

Wann kann ich nach Hause?

Ich sorge dafür, dass du rauskommst.

Ich wollte dir doch nur helfen.

Ich weiß, sagt die Mutter. Dann muss sie gehen.

Er sei im Gefängnis wie betäubt gewesen, erzählt Vincent heute. An die Zeiten erinnert er sich noch. Wecken um sechs. Schule bis drei. Einschluss bis fünf. Eine halbe Stunde Fernsehen. Eine Stunde Sport. Zum Abendessen Hot Dogs oder Käse-Makkaroni. Duschen, zum Glück darf er das bald allein, weil die Wärter verhindern müssen, dass sich die Großen am Kleinsten vergehen. 22 Uhr: einschließen, Nachtruhe.

Tu es nicht!

Der Vater besucht ihn auch einmal im Gefängnis, doch Vincent redet nicht gern mit ihm und über ihn, noch heute nicht. Es gab eine Zeit, da haben sich seine Eltern geliebt, leider lag diese Zeit vor seiner Geburt. Eve lernt Eddie kennen, da ist sie mit Dave zusammen, einem Trucker, der schnell Crystal Meth, das Dealen und den Jähzorn entdeckt. Es ist Eddie, von dem sie sich erhofft, dass er sie vor Daves Fäusten retten und lieb haben wird.

17 Jahre und 50 Notrufe bei der Polizei wegen häuslicher Gewalt braucht es, bis Eve erkennt, dass auch Eddie nicht der Mann ist, der ihr Liebe bringt. Vincent, Michael und Elycia wachsen in ein Chaos aus Scham, Angst und Gewalt hinein, der Vater schlägt eine Vase auf den Kopf der Mutter, der Vater schlägt mit der Faust ins Gesicht der Mutter, der Vater wirft die Mutter zu Boden.

Und einmal, danach, Vincent ist neun Jahre alt, da sagt er zur Mutter: Ich werde dich von nun an immer beschützen.

Beschützen aber kann sie lange nur einer, und das ist David John. DJ. Alles wäre nicht passiert, wäre DJ nur bei ihnen gewesen, sagt Vincent heute. Vincent liebt damals DJ wie niemanden sonst auf der Welt. Vergiss Eddie, sagt Vincent, nur DJ ist wie ein Vater für mich.

Vom Leben gezeichnet, von den Drogen gezeichnet: Eve, hier 46, ordnet ihre Kleider. Mark, ihr neuer Lebensgefährte, ruht

Vom Leben gezeichnet, von den Drogen gezeichnet: Eve, hier 46, ordnet ihre Kleider. Mark, ihr neuer Lebensgefährte, ruht

Dabei ist DJ sein Halbbruder. Eves Sohn mit Dave. Vinny lernt ihn kennen, da ist er vier Jahre alt, vorher lebte DJ beim Vater. Und plötzlich sitzt im Auto auf der Rückbank ein großer, elf Jahre alter Junge neben Vinny, und er, laufende Nase und zahnlückengespicktes Grinsen, beißt seinem neugewonnenen großen Bruder vor Freude in den Oberschenkel. Das ist dein Halbbruder David, sagt die Mutter, und es ist Geschwisterliebe mit dem ersten Biss.

Vinny folgt DJ. Sie spielen Basketball, hören Musik, rappen. Und er beschützt Vinny und seine Mutter. Mit 16 zielt er mit einer Pistole auf Eddie: Ich werde dich töten für alles, was du uns angetan hast. Und Eve fleht: Tu es nicht, David! Tu es nicht! DJ senkt die Waffe.

60 Dollar Kaution

Im Februar 2012 sitzt Vinny im Gefängnis, weil DJ, der Beschützer, nicht da war in dem Moment, als er und seine Familie ihn brauchten.

Denn DJ sitzt selbst im Gefängnis. 19 Jahre jung ist er, und er verbüßt schon seine zweite Haftstrafe. Das erste Mal saß er 2011, er hatte mit Marihuana gedealt. Und im Januar 2012 wird er wegen Körperverletzung und Diebstahl eines Autos festgenommen. Während er auf den Prozess wartet, ist DJ wie so viele Jugendliche der amerikanischen Unterschicht in einen teuflischen Kreislauf geraten, es ist, als setze der Staat von nun an immer aufs Neue alles daran, aus ihm einen Kriminellen zu machen. Dann muss er eine Urinprobe abgeben, und weil er einmal positiv auf Meth getestet wird, sitzt er schon seit drei Wochen im Erwachsenengefängnis, auch noch, als Vinny in seiner Zelle die Hände zum Gebet faltet, er betet für DJ und für sich, er kann nicht verstehen, warum er hier gelandet ist, sie hatten doch an diesem Abend nur die 60 Dollar Kaution auftreiben wollen, damit DJ wieder freikommt und sie beschützen kann.

Einmal ruft die Mutter Vinny im Gefängnis an: Ich werde mein Blut für dich opfern. Ich kämpfe mit jedem Atemzug dafür, dass du rauskommst. DJ ist übrigens endlich wieder draußen!

Sommer 2012. Vinny ist raus, muss aber bei seiner Tante leben. Eve hat nur ein eingeschränktes Besuchsrecht

Sommer 2012. Vinny ist raus, muss aber bei seiner Tante leben. Eve hat nur ein eingeschränktes Besuchsrecht

Die Anhörung vor dem Jugendgericht dauert zehn Minuten. Zur Richterin muss Vincent aufblicken, sie thront hinter einem hohen Pult, regungslos sitzt er da und sucht scheu den Blick seiner Mutter, als die Richterin von einem Menschen erzählt, der Körperverletzung begangen hat, einem Menschen, mit dem sie Vincent meint, sie stellt Fragen und hat doch schon die Antworten. Wurde Vincent richtig erzogen? Hatte er Struktur im Leben? Ist er in die Schule gegangen? Und Vinny erkennt sich nicht wieder in den Ausführungen der Richterin. Er und seine Mutter wissen, dass alles anders war, er fragt sich, warum der Pflichtverteidiger ihm nicht hilft und warum er hier sitzt und nicht der Mann, der dreimal schwerer ist als er und drei Köpfe größer. Es war doch ein Zufall, dass er das Messer gerade in der Hand hatte. Er wollte das alles nicht.

Dann, am 47. Tag seiner Haft, sagen die Wärter: Heute kommst du raus. Um drei. Und Vinny sitzt in seiner Zelle, es wird zwei, es wird drei. Niemand kommt. Es wird vier. Nichts. Endlich, um fünf, rufen sie ihn. Er zieht die Sträflingskleidung aus und seine Hose, sein T-Shirt an, die Wärter leiten ihn zum Ausgang. Er drückt auf den Knopf, der das Tor öffnet. Doch auf dem Parkplatz wartet nicht seine Mutter.

Auf dem Parkplatz warten Polizisten.

Eve erfährt von der Entscheidung am Telefon. Sie haben ihr das Sorgerecht für Vinny entzogen.

Was ist los, Mama?, fragt Elycia.

Bartflaum am Kinn

Was los ist? Sie nehmen Beano weg! Eve schluchzt und krümmt sich auf dem Boden. DJ verlässt das Zimmer, er kann seine Mutter in ihrer ungehemmten Verzweiflung nicht ertragen. Es ist, als zerbreche in diesem Moment endgültig etwas in dieser Frau, die jahrelang nur funktionieren konnte, weil Vinny funktionierte. Der hilfsbereite, vernünftige Vinny, der für sie kochte und ihnen allen Halt gab. Vinny, der Beweis dafür, dass sie nicht alles falsch gemacht hatte im Leben.

Ich habe Vinny für immer verloren, schreit Eve. Eddie, sagt sie heute, sei schuld, dass alles so gekommen ist: Jeder Mann, der eine Frau schlägt, ist ein Feigling. Elycia hat gesehen, wie er mir ins Gesicht spuckte, und erinnert sich an den Mist. Ich kann nicht mehr weinen. Wie soll ich jemals meinen Kindern Sicherheit und Vertrauen vermitteln? Ich bin 20 Jahre Mutter, und der Staat behandelt mich nur wie White Trash. Solange wir immerhin uns hatten, die Kinder und ich, war alles gut. Jetzt nimmt mir der Staat auch noch sie.

Die Polizisten bringen Vinny nach Raton, drei Autostunden entfernt von Albuquerque. Du wohnst von nun an bei deiner Tante, achte die Regeln des Hauses, hatten die Polizisten gesagt. Und die Regeln von Tante Kim, gottesfürchtig und pflichtbewusst, sind streng. Um neun Uhr ins Bett, auch am Freitag. Immerhin schläft er das erste Mal in seinem Leben in einem eigenen Zimmer und kann wieder in die Schule gehen. Doch seine Mutter und seine Geschwister fehlen ihm jede Minute. Als die Mutter anruft und sagt, sie wolle Vinny sehen, droht die Tante mit der Polizei. Nach sechs Monaten darf sie ihn das erste Mal besuchen, sie umarmen sich so lange, als wollten sie sich nie wieder loslassen.

DJ, 19 Jahre jung, ist mal wieder drin im Knast. Mit seiner neuen Freundin darf er hin und wieder telefonieren

DJ, 19 Jahre jung, ist mal wieder drin im Knast. Mit seiner neuen Freundin darf er hin und wieder telefonieren

Sechs Jahre sind nun, im Frühjahr 2018, vergangen, seit Vincent sich im Gefängnis wiederfand. Er ist 19 Jahre alt und zum Mann herangereift, ein Bartflaum umrahmt sein Kinn. Er ist in Freiheit, das ist erwähnenswert, weil in den USA die Wahrscheinlichkeit so gewaltig hoch ist, dass Jugendliche wieder inhaftiert werden, wenn sie einmal im Gefängnis waren. 76 Prozent waren drei Jahre nach ihrer Freilassung erneut im Gefängnis, 84 Prozent wurden innerhalb von fünf Jahren wieder inhaftiert.

Ich habe mir geschworen, dass ich nie wieder ins Gefängnis komme, sagt Vincent, und wenn man ihn sieht und reden hört, so offen und voller Zuversicht, dann könnte man den Eindruck gewinnen, jemandem gegenüberzusitzen, der die Schrecken seiner Kindheit hinter sich gelassen hat.

"War Zone"

Dann wüsste man aber auch nicht, dass Vincent hier, draußen auf einer Straße vor einem Trailerpark in einer Gegend von Albuquerque, die Einheimische "War Zone" nennen, reden wollte, weil er in seinem aktuellen Zuhause nicht offen reden kann. Denn da ist Mark, der neue Freund seiner Mutter, ein Wichtigtuer, vor dem er keine Schwäche zeigen will.

Dann wüsste man nicht, dass Vincent seit seiner Haft an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, dass er keinen Job hat, keine Wohnung, und zwar seit Wochen davon redet, sich endlich einen Ausweis zu besorgen, den er brauchte, um sich für eine Wohnung zu bewerben, aber das einfach nicht hinbekommt.

Dann wüsste man nicht, dass Vincent nicht nur wegen des Geldes bei seiner Mutter und ihrem Freund im abgewrackten Trailer auf einer Luftmatratze schläft, sondern auch, weil nach all den Gefängnisaufenthalten starke Verlustängste die Familienmitglieder aneinanderhalten wie eine Seilschaft am Berg, und wenn einer abstürzt, reißt er die anderen mit. Vincent, das weiß die Mutter, das sagt auch DJ, darf nicht abstürzen, denn dann hätten sie keine Hoffnung mehr. Sie dürfen ihn nicht ans Gefängnis verlieren. Sie dürfen ihn nicht an Crystal Meth verlieren, wie sie sich selber an die Droge verloren haben.

2014. Vinny und DJ wohnen zusammen. Die beste Zeit meines Lebens, sagt der Jüngere

2014. Vinny und DJ wohnen zusammen. Die beste Zeit meines Lebens, sagt der Jüngere

Und Vincent weiß das auch. Er hat sich geschworen, nie wieder einzusitzen, niemals Meth anzurühren. Er hat noch Hoffnung auf ein besseres Leben, sagt er, und man muss es ihm glauben, so bestimmt, wie er das sagt, und fragt sich gleichzeitig, woher er diese Hoffnung nimmt.

Das Leben nach dem Gefängnis war ganz okay, erzählt er. Die Tante gab ihm ein geordnetes Zuhause, er ging zur Schule und bekam dort ein Mittagessen; vielleicht, sagt er, war es das Beste für mich, dass ich zur Tante kam. Aber er hatte nur selten Kontakt zu seiner Mutter und seinen Geschwistern, das tat ihm weh. Und von Mal zu Mal sah die Mutter schlechter aus, als altere sie jeden Monat um ein Jahr.

Playstation. Party. Abhängen.

Sie hatte ihren Job verloren, kurz nachdem er ins Gefängnis kam, sie konnte einfach nicht hinter dem Tresen stehen, wenn ihr Vinny hinter Gittern saß. Sie hatte begonnen, Crystal Meth zu nehmen; es war, als wollte sie in eine Welt entfliehen, in der sie vergessen konnte, dass man ihr Vinny genommen hatte. Vinny, der Beschützer, machte sich Sorgen. Manchmal wusste er nicht, ob sie und seine Geschwister gerade einen Platz zum Schlafen hatten.

Mit 15 geht er zurück nach Albuquerque. Er wohnt bei seinem Bruder in einem Motelzimmer. Das beste Jahr in meinem Leben, sagt Vinny. Playstation. Party. Abhängen mit den Kumpeln. Rappen: Als mein Bruder 13 war, steckten sie ihn in den Knast/Dabei hat er nichts getan/Außer seine Mutter beschützt.

Frühjahr 2018: Vinny ist nun selbst Vater, und um die zweijährige Jordyn muss er sich allein kümmern. Denn Krystle, Jordyns Mutter, hat gegen Bewährungsauflagen verstoßen

Frühjahr 2018: Vinny ist nun selbst Vater, und um die zweijährige Jordyn muss er sich allein kümmern. Denn Krystle, Jordyns Mutter, hat gegen Bewährungsauflagen verstoßen

Vinny und DJ sind endlich unzertrennlich. Doch dann lernt DJ Felicia kennen, und es kommt Vinny anfangs so vor, als habe er DJ wieder einmal verloren. Nun an eine Frau. Und schon bald wieder ans Gefängnis. Insgesamt sieben Mal sitzt DJ noch ein von 2014 bis heute, meist, weil er gegen Bewährungsauflagen verstoßen hat und positiv auf Drogen getestet wurde.

Vinny macht aber vor allem wütend, dass DJ das Sorgerecht für seine beiden Töchter verloren hat. Vinny ist nun selbst Vater, er sagt, sein größter Traum sei es, für seine zweijährige Jordyn ein Beschützer zu sein, der ihm sein Vater nie sein konnte. Wenn DJ und Vinny sich heute begegnen, gibt es deshalb häufig Streit.

Du müsstest mehr für deine Familie machen, sagt DJ.

Was willst du denn? Ich kümmere mich um meine Frau und Tochter wie ein Mafiaboss, sagt Vinny.

Du hast nicht mal einen Dollar für deine Tochter.

Methsucht

Du hast noch nicht mal deine Töchter. Vinny und DJ sehen sich seltener. Es vergehen manchmal Wochen, in denen Vinny nicht weiß, wo DJ ist. DJ weiß es manchmal selbst nicht, so zugedröhnt, wie er durch die Welt wankt. Vinny fragt sich, wie lange das noch gut geht. DJ schuldet einem mexikanischen Kartell 600 Dollar, es starben schon für weniger Geld Menschen im Drogenkrieg von Albuquerque.

Gerade ist DJ wieder einmal nicht auffindbar. Er hatte das Motelzimmer eines Kumpels verlassen, hatte gesagt, er wolle bei einem Junkie 60 Dollar Drogenschulden eintreiben, das war vor drei Tagen. Vielleicht liegt er zusammengeschlagen in der Gosse. Vielleicht ist er auf dem Sofa eines Kunden eingepennt.

Vincent redet heute lieber über seine jüngeren Geschwister, und das voller Stolz. Er hat Michael neulich im Lokalfernsehen gesehen, da wurde er für ein Schulprojekt über Magneten ausgezeichnet. Ich weiß auch, dass Elycia ein gutes Leben hat. Denn Michael hat mir versprochen, er würde sich immer um sie kümmern, sagt Vinny.

Der Rest der Familie: Eve und die großen Söhne. Die jüngeren Geschwister musste sie zur Adoption freigeben

Der Rest der Familie: Eve und die großen Söhne. Die jüngeren Geschwister musste sie zur Adoption freigeben

Zuletzt umarmt hat er seine Geschwister vor drei Jahren, bevor Michael und Elycia von einer Familie in einer anderen Stadt adoptiert wurden. Die Mitarbeiter der Essensmarken-Ausgabe hatten dem Jugendamt gemeldet, dass Eddie seine Kinder aggressiv beschimpft hatte, er verlor das Sorgerecht, nachdem Eve es schon wegen ihrer Methsucht verloren hatte.

Eve liegt heute häufig im Methnebel auf dem Futonbett im Trailer. Und Vinny erzählt umso ausführlicher, was für eine tolle Mutter sie war. Wie sie ihnen Geburtstagsgeschenke kaufte, wie sie versuchte, für die Kinder da zu sein, und das trotz der Schläge und Gewalt. Dann kam dieser 4. Februar 2012, sagt Vinny und stockt. Danach ging es einfach nur noch bergab mit Mom.

"Ich habe ein Messer"

Ich denke oft an den Tag. Ich habe den Mann doch nicht umgebracht, er war gleich wieder raus aus dem Krankenhaus. Mom musste drei Tage lang behandelt werden, gebrochene Nase, geprellter Wangenknochen, sie sah schlimm aus.

Vinny heute, sechs Jahre nach seiner Zeit im Gefängnis. Er will seiner Mutter Halt geben, aber es ist verdammt schwer

Vinny heute, sechs Jahre nach seiner Zeit im Gefängnis. Er will seiner Mutter Halt geben, aber es ist verdammt schwer

Wir wollten an diesem Tag DJ aus dem Gefängnis rauskaufen, wir brauchten nur 60 Dollar für die Kaution. Dann wäre er in 48 Stunden wieder bei uns gewesen. Mutter hatte einen Freund von DJs Vater angerufen, Jesse. Er kam in unser Motelzimmer und sagte, dass er kein Geld geben wollte. Dave auch nicht.

Mom sagt: Sag Dave, dass er ein Stück Scheiße ist.

Halt deine Fresse, sagt Jesse und steht auf einmal vom Sessel auf.

Ich habe gesagt: Rede nicht so mit meiner Mutter. Hau ab!

Er stürzt auf mich zu. Mom stellt sich vor mich. Er schlägt ihr ins Gesicht. Ich versuche, seine Hand wegzuschlagen. Jeder würde doch seine Mutter verteidigen. Ich wurde dafür bestraft, ich verstehe es bis heute nicht.

Mom erzählt, ich hätte dieses Messer in der Hand gehabt. Ich habe nur versucht, ihn von meiner Mutter fernzuhalten. Ich musste doch auch auf meine Geschwister aufpassen. Ich wollte nur, dass es aufhört. Ich hatte mein ganzes Leben lang meinen Vater meine Mutter schlagen sehen.

Meine Mutter schreit: Hau ab. Ich stehe zwischen ihr und Jesse. Er schlägt über meine Schulter nach meiner Mutter. Boxt mir gegen die Brust. Ich falle auf den Boden, er packt sie im Genick und schlägt ihr ins Gesicht. Wieder und wieder. Es hört nicht auf.

Vinny und die kleine Jordyn. Er sagt, sein größter Traum sei es, für seine Tochter ein Beschützer zu sein. Was sein eigener Vater ihm nie hat sein können

Vinny und die kleine Jordyn. Er sagt, sein größter Traum sei es, für seine Tochter ein Beschützer zu sein. Was sein eigener Vater ihm nie hat sein können

Ich schreie: Ich habe ein Messer.

Er schlägt meiner Mutter ins Gesicht.

Ich habe ein Messer.

Er schlägt.

Schock

Dann steche ich zu. Treffe ihn mittig, ein wenig rechts am Rücken. Er sackt auf den Boden. Kriecht in Richtung Tür. Blut auf dem Teppich unter ihm.

Ich will hinterher.

Stopp! Du tötest ihn, ruft Mom.

Ich stolpere aus der Tür, höre irgendwen brüllen: Police Department!, lasse das Messer fallen und hebe die Hände, da trifft mich schon das Schrotsack-Geschoss, Schmerz durchfräst meinen Brustkorb, und ich sacke zusammen, Mutter stürzt herbei, ich sehe den Schock in ihren Augen und das Blut in ihrem Gesicht.

Ein Mann flieht unter einem sich schließenden Rolltor hindurch. Zwei Polizisten folgen ihm, kommen aber zu spät
Themen in diesem Artikel