Wildschweine Der Blutsonntag von Rüsselsheim


Bei einer wilden Verfolgungsjagd in der Rüsselsheimer Innenstadt sind sechs Schweine ums Leben gekommen. Die Polizei spricht von einer "Rotte mit bislang nie dagewesener Aggressivität". Noch hat die Polizei keine Erklärungen für die dramatische Eskalation am Blutsonntag.
Von Manuela Pfohl

Rüsselsheim am Tag danach. In der Innenstadt scheint alles zu sein wie immer. Menschen bummeln durch die Straßen, shoppen in der Fußgängerzone, sitzen in den Cafe´s, als wäre nichts gewesen. Nur die Einschusslöcher an einer Hauswand und die notdürftig abgeklebte zersplitterte Glastür des Kinos erinnern an die Schießerei, die am Sonntag die Stadt in Atem hielt. Ein Horrorszenario, das mehr als fünf Stunden dauerte und sechs Todesopfer forderte: Arme Schweine. Wildschweine, um genau zu sein.

Hauptkommissar Rainer Müller versucht die Tragödie des Blutsonntags von Rüsselsheim zu rekonstruieren. Doch noch gibt es keine Erklärungen. Denn eigentlich hatte alles ganz harmlos angefangen. Morgens um exakt 9.19 Uhr. Nach ersten Ermittlungen ging bei der Polizei zu diesem Zeitpunkt ein Notruf ein. Vor dem Vorgarten eines Hauses habe sich eine offenbar autonome Gruppe von Wildschweinen zusammengerottet, meldet der Anrufer. Die sofort herbeigeeilten Beamten konnten feststellen, dass sich die Tiere durch den Zaun einen Zugang verschafft hatten. Polizeisprecher Ernst Konrad: "Die Kollegen und ein Diensthund umstellten das Gelände und versuchten mit Warnfackeln die Schweine in den Garten zu treiben, um sie dort festzusetzen." Noch hätte es für die Täter mit einem Platzverweis enden können. Doch die Deeskalationsstrategie ging nicht auf.

Schweine gingen taktisch vor

Als hätten sie es in einem der bei Demonstranten inzwischen üblichen Trainingscamps geübt, brach zunächst ein Schwein aus der Rotte aus und versuchte die Polizisten mit geschickter Taktik vom Rest der Gruppe abzulenken. Zwar hatte sich eine Beamtin noch bemüht, den Rädelsführer mit einem gezielten Schuss aus ihrer Waffe in Schach zu halten, doch das Tier konnte unverletzt in den Ostpark entkommen. Kurz danach eskalierte die Situation. Die anderen sechs Tiere der Rotte brachen in Richtung Innenstadt aus, wo sie brutal und rücksichtslos alles niedermachten, was ihnen in den Weg kam.

Konrad zieht die Schreckensbilanz: Dutzende Menschen konnten sich erst in letzter Minute vor dem Angriff der Schweine retten. Eine ältere Frau verletzte sich leicht, als sie vor Schreck hinfiel. Neben mehreren Zäunen wurde auch die Glastür des Kinos zerstört, als ein Schwein offenbar ohne alle Skrupel durch die Scheibe raste. Auch die Heckscheibe eines Autos wurde durch den Kugelhagel der Polizei in Mitleidenschaft gezogen, als die Rotte versuchte, sich auf einem Parkplatz zu verschanzen. Bis 13.45 Uhr dauerte der wilde Widerstand gegen den Sonntagsfrieden. Mehr als hundert Schüsse waren nötig, um ihn schließlich zu beenden. Sechs tote Schweine und viele Frage sind geblieben.

Chaos-Sturm durch Rüsselsheim

Warum, so fragen sich die Menschen, war es nicht möglich, die Tiere von ihrem Chaos-Sturm durch Rüsselsheim abzuhalten? Hätten mehr Beamte eingesetzt werden müssen? Waren sie mit der Situation überfordert? Welche Verantwortung trägt die Führungsebene im südhessischen Polizeipräsidium? Polizeisprecher Rainer Müller wiegelt ab. "Soviel Aggressivität hatten wir hier noch nie. Darauf waren wir überhaupt nicht gefasst. Das muss erstmal aufgearbeitet werden", sagt der Hauptkommissar.

Zur Anzahl der eingesetzten Beamten will er "aus polizeitaktischen Gründen" nichts sagen. Nur soviel ist bekannt: Für die "Gefahrenabwehr" waren nach "Abschätzung der Einsatzlage" auch Kollegen aus den Nachbargemeinden angefordert worden. Zu den bescheidenen Schießqualitäten der Polizisten erklärt Müller: "Das was die Kollegen da vor sich hatten, waren ja keine statischen Ziele. Die Schweine liefen doch völlig unkontrolliert herum. Da trifft man nicht so einfach, zumal es ja im Rahmen der professionellen Gefahrenabwehr vor allem darum ging, Unbeteiligte zu schützen. Und das ist uns gelungen, das ist das Wichtigste."


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