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Kolumne Winnemuth: Donald Trump und die Schwarzen Schwäne

Dieser Tage passieren viele Dinge, die eigentlich ganz unwahrscheinlich sind. Das sollte uns nicht erschüttern – solange Donald Trump nicht Präsident wird.

Von Meike Winnemuth

Donald Trump

Das Phänomen Donald Trump ist wie ein Schwarzer Schwan: ein höchst unwahrscheinliches, ungewöhnliches Ereignis, das aller Theorie widerspricht.

Dreimal habe ich mich in den vergangenen Wochen nachts um Viertel vor drei wecken lassen, um ihn live zu sehen, den Schwarzen . Das Unmögliche. Absonderliche. Etwas, das es eigentlich nicht geben darf, aber doch gibt: einen verlogenen, eitlen, brabbelnden, hetzenden Großkotz mit der Selbstbeherrschung eines Dreijährigen und der Aufmerksamkeitsspanne einer Fruchtfliege, der irgendwie, keiner kann es bis heute fassen, Präsidentschaftskandidat der USA wurde. Einen, der damit prahlt, dank seiner Prominenz Frauen zwischen die Beine greifen zu dürfen, der tönt, sogar mit Mord davonkommen zu können, der es als smart bezeichnet, keine Steuern zu zahlen, der das Wahlergebnis nur akzeptieren würde, wenn er gewinnt, der auf Demokratie scheißt, auf Menschlichkeit, auf Anstand, auf Fakten sowieso … Ach, man möchte jedes Mal danach unter die Dusche, wenn man über den Mann nachdenkt.

Dass man sich mit jemandem wie überhaupt befassen muss, widerwillig und immer noch ungläubig, ist für Wahrscheinlichkeitsforscher (nach einem Begriff von Karl Popper) ein Schwarzer Schwan: ein höchst unwahrscheinliches, ungewöhnliches Ereignis, das aller Theorie widerspricht. Unsere Weltsicht beruht auf Erfahrungswerten, geht notwendigerweise von Bekanntem aus: Bestimmte Dinge passieren immer wieder, andere selten, andere gar nicht. Daraus erwachsen Wahrscheinlichkeiten, aus Wahrscheinlichkeiten irgendwann Gewissheiten. Bis das Unwahrscheinliche passiert und alle Sicherheit zerstört.

Ära der Unberechenbarkeit

Solche Phänomene der Kategorie "Darf doch nicht wahr sein" scheinen sich in letzter Zeit zu häufen. Schwarze Schwäne schwärmen durch unsere Zeit, wir leben in einer Ära der Unberechenbarkeit, in der Selbstverständlichkeiten zerbröseln: Brexit? Damit haben nicht mal die Brexit-Befürworter gerechnet. 9/11, Tsunamis, Fukushima, Lehman-Brothers-Zusammenbruch, Weltwirtschaftskrise, Staatspleiten, Flüchtlingswellen, die Nominierung von Trump, aber auch die Wahl von Papst Franziskus: Ausnahmefälle, Extreme, die alles auf den Kopf stellen, was man zuvor für sicher gehalten hatte.

Wenn das Verrückte alltäglich wird, gibt es verschiedene Strategien, damit umzugehen: Die kindliche glaubt der Lüge, dass einfache Lösungen alles wieder heile machen. Erwachsene hingegen sollten gelernt haben, Unerwartetes und bislang Unerlebtes nicht als unzumutbar, sondern als unvermeidbar zu betrachten. Dinge ändern sich. Sie tun es seit der Entstehung der Welt, und sie werden nicht ausgerechnet zu unseren Lebzeiten damit aufhören. Gewissheiten sind immer nur provisorisch. Wenn sogar eine gefühlte Selbstverständlichkeit wie die Schwerkraft Gegenstand von sich wandelnden Überzeugungen ist (Aristoteles glaubte noch: Steine liegen auf dem Boden, weil sie aus freiem Willen dort bleiben wollen, nah am Erdmittelpunkt, dem Zentrum des Universums. Dann kam Newton. Dann kam Einstein. Dann kam die Stringtheorie), ist das Wissen von heute nur der Irrtum von morgen. Und die Erde dreht sich dennoch weiter.

Das sollte einem eigentlich einen entspannten Stoizismus verleihen. Und möglicherweise sogar eine gewisse Geschmeidigkeit im Denken bescheren: Siehe da, das Abendland geht doch nicht unter, wenn sich ein paar Dinge ändern – im Gegenteil, es profitiert davon, nichts mehr für unvorstellbar zu halten, sondern beherzt alle Schwarzen Schwäne zu umarmen. Oder zumindest interessiert zu beobachten. Dachte ich so, dreimal nachts um drei.

Trump wird natürlich trotzdem verlieren.

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