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stern-Kolumne Winnemuth: Erst das Vergnügen, dann die Arbeit

Die Business-Elite dieser Welt steht morgens um 4.30 Uhr auf. Unbedingt nachmachen! Aber nicht, um zu schuften. Sondern um ungestört zu trödeln.

Von Meike Winnemuth

Aufstehen um 4.30 Uhr? Das lohnt sich auch für Morgenmuffel, findet unsere Kolumnistin

Aufstehen um 4.30 Uhr? Das lohnt sich auch für Morgenmuffel, findet unsere Kolumnistin

Der erste Morgen auf meinem Weg zur Weltherrschaft war ein Fiasko. Das Handy weckte mich um 4.30 Uhr, ich schloss noch mal kurz für fünf Minuten die Augen und wachte gegen acht wieder auf. Verdammt, so wird das nichts. Nächster Tag, nächster Versuch: 4.30 Uhr, sofort raus aus dem Bett, alle Lampen an, Dusche, Tee, der Hund hebt ungläubig den Kopf um zwei Millimeter und dreht sich auf die andere Seite.

Den Tag um 4.30 Uhr zu beginnen, darauf scheinen sich die erfolgreichsten Menschen aller Länder verständigt zu haben, wie ich gerade dem "Manager-Magazin" entnahm. Früh aufstehen ist das neue Bis-spät-im-Büro-Bleiben, die Überstunden werden jetzt schon vor Arbeitsbeginn absolviert.

"Schnell oder stopp"

Babykost-Unternehmer Claus Hipp steht um 4.30 Uhr auf, sperrt sich eine nahe Wallfahrtskapelle auf und geht anschließend zur Arbeit. Disney-Chef Robert Iger: auch 4.30 Uhr ("es ist eine gute Zeit, um zu denken"), Zeitunglesen, EMails, Heimtrainer. Oracle-Boss Mark Hurd: 4.30 Uhr. "Ich kenne eigentlich nur zwei Geschwindigkeiten: schnell oder stopp." Howard Schultz, CEO von Starbucks: 4.30 Uhr. Rad fahren mit der Gattin, ab sechs Uhr am Schreibtisch.

Aus diesem Raster brechen lediglich der Spätaufsteher Richard Branson (fünf Uhr/Kiten, Schwimmen, Frühstück mit der Familie) und Apple-Chef Tim Cook aus: Der lässt sich jeden Tag um 3.45 Uhr wecken, der verdammte Streber, checkt E-Mails, geht um fünf ins Fitnessstudio und sitzt um 6.30 Uhr an seinem Schreibtisch. Verstanden. 4.30 Uhr also, wenn aus mir noch mal was werden soll. Im Dienste dieser kleinen Kolumne habe ich das drei Tage lang durchgezogen, und was soll ich sagen? Ich habe mich jede Sekunde zurück ins Bett gesehnt. Aber ich verstehe jetzt genau, was so toll ist am Frühaufstehen.

Nichts zu erledigen

Es ist ein Zeitgeschenk. Plötzlich scheint der Tag magischerweise ein paar Stunden länger zu sein. Es ist ein Jetlag von der guten Sorte: wie wenn man in Richtung Westen fliegt und dank Zeitverschiebung denselben Tag (oder wenigstens einen Teil davon) zweimal leben darf.

Ich stehe um fünf Uhr in der stillen Wohnung und schaue auf die stille Straße, freue mich, dass es – anders als offenbar in Silicon Valley – weit und breit kein geöffnetes Fitnessstudio gibt, dass mein E-Mailfach leer ist (denn noch gibt es keine asiatischen Zulieferbetriebe für diese Kolumne; ich arbeite daran) und dass ich auch sonst nicht das Allergeringste zu erledigen habe zu dieser unchristlichen Zeit (denn eine Wallfahrtskapelle habe ich auch nicht).

Also, was tun? Das, wofür sonst nie Zeit zu sein scheint. Das, was auf dem großen "Irgendwann mal"-Stapel liegt. Den neuen Houellebecq lesen, der schon seit Wochen eingeschweißt im Regal steht. Ein paar abonnierte Podcasts anhören, die ich sonst meist bedauernd ungehört lösche. Derweil in Ruhe und Sorgfalt einen Jackenknopf annähen, und das sogar richtig genießen.

Alles Wichtige hat später noch Zeit

Dann eine Folge irgendeiner US-Serie gucken. Okay, zwei. Das Beste ist: Um diese Zeit gibt es keinerlei Ablenkung, keiner will was von einem. Man muss auf nichts und niemanden reagieren außer auf die eigenen Bedürfnisse, Gelüste und dummen Ideen.

Drei Stunden genussvoll nach eigenem Gusto vertrödeln, ungetrieben und im Wissen, dass für alles Wichtige später noch Zeit ist, wenn der Tag erst richtig losgeht. Es ist ein Kick, die Mußestunden nicht hintendranzuhängen, sondern vorwegzunehmen. Erst das Vergnügen und dann die Arbeit – das gibt auch der Arbeit gleich einen ganz anderen Dreh.

Ich bin genetisch zur Eule bestimmt wie zwei Drittel aller Deutschen. Aber eine Stunde lustvolles Frickeln und Trödeln, bevor der Tag beginnt, das kriegen sogar wir Penner hin.

Die Kolumne

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern